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Historische Kurzübersicht

„Kinder des Hasses“

von Stefanie Keienburg
Painful remembrance: memorial for victims of the genocide in Rwanda

Painful remembrance: memorial for victims of the genocide in Rwanda

Jedes Jahr im April erinnert der ruandische Staat an den Völkermord vor nunmehr 18 Jahren mit rund 800 000 Toten. Die öffentlichen Gedenkfeiern sind für viele Menschen oft unerträglich. Bilder von Folter, Mord, Plünderung und Vergewaltigung kommen hoch. Vielen wäre es lieber, niemand würde an die Gräueltaten erinnern. Von Stefanie Keienburg

Schätzungsweise 250 000 bis 500 000 Frauen und Mädchen wurden während der drei Konfliktmonate von April bis Juni 1994 vergewaltigt. Die sexualisierten Verbrechen hatten System – so verbreiteten Hutu-Soldaten und Milizen Angst und Schrecken unter der verfolgten Tutsi-Minderheit. Im Gegenzug vergewaltigten auch Tutsi-Rebellen Frauen der Angreifer. Beide Seiten zerstörten Familien und ruinierten Frauenleben.

Etwa 20 000 Frauen brachten Kinder der Vergewaltiger zur Welt und ziehen sie groß. In Ruanda werden diese „Kinder des Hasses“ genannt. Die ungewisse Zukunft dieser Kinder bereitet den Müttern große Sorge. Nirgends sind sie akzeptiert. Sie werden beschimpft, ausgegrenzt und manchmal mit Gewalt bedroht.

Von der Situation dieser Mütter und Kinder ist im öffentlichen Diskurs Ruandas kaum die Rede. Der Staat kümmert sich um das Thema nicht. 2005 führten die ruandischen Hilfsorganisationen SEVOTA und Kanyarwanda erstmals eine Untersuchung mit 30 Überlebenden durch, um deren besondere Schwierigkeiten zu verstehen. Auf dieser Basis entstand ein innovatives Konzept, um den Frauen Begegnung und Austausch mit Leidensgenossinnen zu ermöglichen und ihnen zu helfen, ihre Lebens­situation zu verbessern.

Im März 2006 organisierten SEVOTA und Kanyarwanda das erste „Frauenforum“ für Mütter mit Kindern der Vergewaltiger. Derzeit kommen sechsmal im Jahr je 30 Frauen – oft ohne Wissen ihrer Familien – in der Hauptstadt Kigali zusammen. Ihnen stehen dabei auch psychosoziale Beraterinnen zur Verfügung. Um die Mutter-Kind-Beziehung zu stärkern, veranstalten die Projektpartnerinnen zudem gemeinsame Feste oder Ausflüge. Langfristig soll ein solidarisches Netzwerk entstehen, das den Frauen einen festen Bezugsrahmen gibt. Zudem muss das Schweigen beendet werden, damit Familien und Nachbarn für die Situation der betroffenen Frauen sensibilisiert werden.

Heute gibt es fünf fest institutionalisierte Selbsthilfeforen mit insgesamt 168 Müttern. Viele Frauen haben nach jahrelanger Begleitung und Unterstützung ihre Mutterschaft akzeptiert und setzen sich heute für Bildung und Gesundheit ihrer Kinder ein. Gefördert wird das Projekt seit 2008 von der Frauenrechts- und Hilfsorganisation medica mon­diale. Bis 2008 unterstützte der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) die Frauenforen. (sk)