Millenniumsziele

Vom Recht auf Leben

Müttersterblichkeit ist in vielen Ländern immer noch ein gravierendes Problem. Doch sie bis 2015 um drei Viertel zu senken, scheint schon jetzt unmöglich. Außerdem rückt die Finanzkrise die Millenniumsziele nach Meinung der UNCTAD in unerreichbare Ferne.

Weltweit stirbt jede Minute eine Frau an den Folgen einer Schwangerschaft oder nach einer Geburt, sagt Gill Greer. Ein Grund dafür, so die Generaldirektorin der International Planned Parenthood Federation (IPPF), sei in erster Linie die mangelhafte Gesundheitsversorgung. Vor allem in Afrika und Südasien ist die Müttersterblichkeit hoch. Neben schwachen Gesundheitssystemen und den politischen Rahmenbedingungen trägt aber auch der Einfluss der katholischen Kirche – besonders in Lateinamerika – dazu bei, dass viele Schwangere nicht den nötigen Zugang zu Beratungen haben.

In vielen Ländern sind zudem Schwangerschaftsabbrüche verboten. Doch strenge Abtreibungsgesetze bewirken oft das Gegenteil ihres eigentlichen Zieles: Sie schützen nicht Leben, sondern gefährden es. Der niederländischen Organisation Women on Waves zufolge sterben jährlich 70 000 Frauen aufgrund unsicherer und illegaler Abtreibungen. Das liegt an unqualifiziertem Personal, unhygienischen Behandlungsräumen, unsterilem Operationsbesteck und unzureichenden Medikamenten. Mittellose schwangere Frauen, die sich ein – oder ein weiteres – Kind aus finanziellen, physischen oder psychischen Gründen nicht zutrauen, werden obendrein in die Illegalität gedrängt, wenn sie sich dennoch für eine Abtreibung entscheiden.

Aber auch mangelnde sexuelle Aufklärung, Unwissen vieler junger Menschen über Verhütungsmittel und die generelle Tabuisierung von Themen wie sexuelle Entwicklung und Geschlechtsverkehr sind weltweit für das Leid vieler junger Frauen und Männer mitverantwortlich. „Dabei würde es nur fünf Dollar im Jahr pro Person kosten, effektive Empfängnisverhütung bereitzustellen“, sagte Greer auf einem internationalen Forum zum Thema „Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte“ in Berlin. Veranstaltet wurde das Treffen vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) und dem Bundes­­ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).
Im Rückblick auf die Kairoer Weltbevölkerungskonferenz im Jahr 1994 waren sich die Teilnehmer weitgehend einig, dass es zwar Fortschritte gibt, diese aber längst noch nicht ausreichen, um die Müttersterblichkeit bis 2015 um drei Viertel zu senken. International fehle immer noch ein größeres Bewusstsein für die Themen sexuelle Selbstbestimmung und reproduktive Gesundheit. Ein BMZ-Positionspapier betont, dass es letztlich um ein höchstmögliches Maß an Gesundheit, körperlicher Unversehrtheit und Nichtdiskriminierung gehe.

Das Thema betrifft nicht nur Frauen. Diese Rechte müssen für beide Geschlechter gelten. Daher darf sich Aufklärung über Sexualität, Empfängnisverhütung und Geschlechtskrankheiten wie HIV/Aids nicht nur an junge Mädchen richten. Auch heranwachsende Männer müssen informiert werden. Norwell Jermin Hinds vom GuyberNet, einem Informationszentrum für junge Menschen in Guyana, ist überzeugt: „Wir brauchen Männer, um dieses Thema voranzutreiben.“

Die Aufklärung von Heranwachsenden trägt zu einer gesünderen Bevölkerung und nachhaltiger Entwicklung bei. Um das zu erreichen, muss sich die Politik an den Bedürfnissen junger Menschen orientieren. Je bewusster Regierungen Familienplanung fördern und besseren Zugang zu Gesundheitseinrichtungen schaffen, desto besser sei das für die Ent­wick­lung ihres Landes. Ana Christina Gonzalez, eine junge Teilnehmerin aus Kolumbien, sagte dazu: „Wir dürfen nicht fragen, was es kostet, es zu tun – sondern wir müssen uns fragen, was es kostet, es nicht zu tun.“

Denn Müttergesundheit hängt auch eng mit Armut zusammen. Wenn Frauen auf Grund vieler Schwangerschaften ausgezehrt sind, haben sie keine Kraft mehr, auf dem Feld oder in einem Laden zu arbeiten. Folglich hat die Familie weniger Geld. Weniger Geld zum Leben und weniger Geld, um Kinder in die Schule zu schi­cken. Durch geringe Bildung ist es für die Kinder wiederum schwieriger, der Armut zu entfliehen und diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Familienplanung ist ein möglicher Lösungsansatz. Wenn sich junge Paare bewusst für weniger Kinder entscheiden, ist auch deren Ernährung und Bildung einfacher zu finanzieren. So positiv dieser Ansatz aus der Sicht einer Industriegesellschaft auch erscheinen mag – kulturelle Aspekte dürfen nicht außer Acht gelassen werden. In Ländern ohne soziale Absicherung durch den Staat sind es nun einmal oft die Kinder, die ihre Eltern im Alter finanziell versorgen. Weniger Kinder bedeuten somit auch eine schlechtere Absicherung im Alter.

Und die Finanzkrise verschärft die schlechte Absicherung Vieler. Die Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) geht deshalb sogar davon aus, dass die Millenniumsentwick­lungsziele nicht mehr erreichbar sind.

Franziska Baur

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