Entwicklung und
Zusammenarbeit

Armutsbekämpfung

Wenn Armut das Familienerbe ist

Nigeria ist eine der größten Volkswirtschaften Afrikas, doch viele junge Menschen schaffen es kaum, den Teufelskreis aus begrenzter Bildung, Unterbeschäftigung und Armut zu durchbrechen. Es braucht gezielte Ansätze, um dem Land – und seiner Jugend – dabei zu helfen, sein Potenzial zu entfalten.
Nigerianische Jugendliche in Lagos beim Gebet. picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Sunday Alamba
Nigerianische Jugendliche in Lagos beim Gebet.

Die dunkle, überladene Einzimmerwohnung, die Familie Musa im Bundesstaat Kano im Norden Nigerias mietet, ist erfüllt vom schweren Kerosingeruch, den eine kleine Lampe verströmt. Die rissigen Wände sind von jahrelanger Hitze gezeichnet und verstaubt, das einzige Fenster lässt kaum Licht herein. Draußen erfüllen das Rattern von Motorradtaxis und die Rufe der Straßenhändler*innen die Abendluft. Drinnen sitzt Aisha, die Mutter, auf einem Hocker und sortiert Zwiebeln für den Verkauf am nächsten Tag. Sie erinnert sich lebhaft daran, wie ihr Vater, ein Eigenanbau betreibender Bauer, zu ihr sagte: „Schule ist für diejenigen, die es sich leisten können, jeden Tag zu essen.“ Als sie verheiratet wurde, war sie keine 18 Jahre alt. Nun kämpft sie darum, mit den unsicheren Einkünften aus dem Kleinhandel ihre fünf Kinder großzuziehen.

Ihr ältester Sohn Yusuf verkörpert die Hoffnungen und Enttäuschungen seiner Generation. Als Hochschulabsolvent stellte er sich einst vor, in einem Büro zu arbeiten, Projekte zu leiten oder Richtlinien zu entwerfen. Stattdessen fährt er in einem ramponierten Taxi durch die chaotischen Straßen von Kano, während die Fahrgäste, zwischen Schlaglöchern und Staus, über steigende Lebensmittelpreise oder den neuesten politischen Skandal klagen. „Dafür habe ich nicht vier Jahre lang studiert“, sagt er leise. Seine Schwester Fatima, intelligent und entschlossen, träumte davon, Krankenschwester zu werden – aber die Studiengebühren waren einfach zu hoch. Bei den Musas wie bei Millionen anderer Nigerianer*innen erbt jede Generation dasselbe: begrenzte Bildung, Unterbeschäftigung und Armut.

Das ist das Paradoxon Nigerias: Afrikas drittgrößte Volkswirtschaft ist reich an Öl, Gas und menschlichem Talent. Zugleich gehört es aber weltweit zu den Ländern mit der höchsten Anzahl an extrem armen Menschen – nach Schätzung der Weltbank leben 30,9 % der Bevölkerung unterhalb der internationalen Extremarmutsgrenze. Die Jugend trägt am schwersten daran: Unter den 15- bis 24-Jährigen gibt es deutlich mehr Arbeitslose als im nationalen Durchschnitt. Durch die Unterbeschäftigung steigt diese Zahl weiter an, da Absolvent*innen wie Yusuf Jobs annehmen, für die sie völlig überqualifiziert sind.

Nicht nur ein wirtschaftliches Problem

Die Familiengeschichte der Musas ist ein Mikrokosmos generationsübergreifender Armut. Fehlt Eltern das Geld für gute Schulbildung, wachsen ihre Kinder ohne die für einen formellen Job erforderlichen Fähigkeiten heran. Selbst jene, die trotz aller Widrigkeiten einen Abschluss schaffen, finden sich oft auf einem Arbeitsmarkt wieder, auf dem es keinen Platz für sie gibt. Die Internationale Arbeitsorganisation mahnt an, dass Jugendarbeitslosigkeit nicht nur ein wirtschaftliches Problem ist – sie schürt Frustration, untergräbt den sozialen Zusammenhalt und treibt Migration voran. Ohne angemessene Jobs können junge Nigerianer*innen weder sparen noch investieren oder ihre eigenen Kinder ausbilden, wodurch sich der Teufelskreis fortsetzt.

Viele können diesen Kreislauf nur durchbrechen, indem sie das Land verlassen. Nigeria ist zu einem der Länder weltweit geworden, aus denen die meisten irregulären Migrant*innen kommen. Jedes Jahr riskieren Tausende ihr Leben in der Sahara und auf dem Mittelmeer, um in Europa oder den Golfstaaten Arbeit zu finden. Auch Yusuf hat schon mehrmals darüber nachgedacht. Er ist sich der Chancen einer Migration bewusst, aber auch der Gefahren. „Wenn ich bleibe, verschwende ich mein Leben. Wenn ich gehe, könnte ich es verlieren“, fasst er zusammen. Geldtransfers können die Familien in der Heimat zwar entlasten, aber der Exodus raubt Nigeria genau die Talente, die es für seine Entwicklung braucht. Der aktuelle Braindrain hat auf lange Sicht zweifellos hohe Kosten.

Die Jugendarbeitslosigkeit hat auch nicht nur finanzielle Folgen. Jugendliche ohne Beschäftigung sind anfälliger dafür, von extremistischen Gruppen, Milizen oder kriminellen Banden rekrutiert zu werden. Im Norden Nigerias, wo es sehr viel Armut gibt, wächst die Unsicherheit. Auch das führt zu einem Teufelskreis: Die Gewalt verhindert, dass investiert wird und Jobs geschaffen werden, und das wiederum führt zu weiteren Unruhen. Das Vertrauen in die Regierung ist gering; Versprechen, Arbeitsplätze zu schaffen, stoßen auf Skepsis – ein Resultat jahrelanger Enttäuschung.

Den Teufelskreis durchbrechen

Dieser Teufelskreis kann durchbrochen werden, aber nicht allein mit schönen Worten. Als Erstes sollte der Zugang zu hochwertiger Bildung erweitert werden. Länder wie Ruanda haben gezeigt, wie gezielte Stipendien und Investitionen in die Bildung von Mädchen die Situation schon innerhalb einer Generation grundlegend verändern können. Für Fatima hätte eine solche Politik einen Abschluss in Krankenpflege bedeuten können, statt eines geplatzten Traums. Auch eine Diversifizierung der Wirtschaft ist entscheidend. Wie sich Südkorea nach dem Krieg von einer Agrargesellschaft zu einer Produktionsmacht gewandelt hat, zeigt, wie strategische Investitionen und Industriepolitik Millionen von Jobs schaffen können. Nigeria könnte Elemente davon nachahmen und Landwirtschaft, verarbeitendes Gewerbe und Digitalwirtschaft ankurbeln und zugleich Entrepreneurship-Programme für junge Menschen fördern.

Arbeitsmarktreformen müssen die Lücke zwischen Qualifikation und Nachfrage schließen. Lehrausbildungen, Berufsfortbildungen und Partnerschaften mit der Privatwirtschaft können Bildung mit realen Chancen verbinden. Doch es gibt Hürden: Viele gut gemeinte Programme sind an Korruption, schlechter Infrastruktur und inkonsistenter Politik gescheitert. Schlecht konzipierte Beschäftigungsprogramme schaffen im ungünstigsten Fall eher Abhängigkeit als Empowerment. Sozialschutz, über bedingte Geldtransfers und Mikrokredite kann sofort wirken, wie das brasilianische Programm Bolsa Família zeigt. Es hat Millionen Menschen aus der Armut befreit und zugleich dafür gesorgt, dass mehr Kinder zur Schule gehen.

Auch die Steuerung der Migration braucht Aufmerksamkeit. Legale Migrationswege und bilaterale Arbeitsabkommen könnten es Menschen aus Nigeria ermöglichen, sicher im Ausland zu arbeiten, Geld in die Heimat zu überweisen und mit neuen Fähigkeiten zurückzukehren – so, dass der Braindrain zu einer „Brain Circulation“ würde. Die Afrikanische Entwicklungsbank betont, dass solche Rahmenwerke, wenn gut verwaltet, sowohl Entsende- als auch Aufnahmeländern nutzen können.

Die Kosten des Nicht-Handelns sind hingegen enorm. Es wird erwartet, dass die nigerianische Bevölkerung bis 2050 auf mehr als 350 Millionen anwächst. Angesichts dessen könnte es die Armut verschärfen, Instabilität fördern und die Regierungsführung bis zum Zerreißen belasten, wenn das Potenzial der Jugend nicht genutzt wird. 

Die Zukunft von Familie Musa – und die von Millionen anderer Familien wie sie – steht auf dem Spiel. Man stelle sich vor, Yusuf würde ein Logistikunternehmen leiten, statt Taxi zu fahren, Fatima in einer gut ausgestatteten Klinik Patient*innen versorgen und Aisha ihr Handelsgeschäft mit­hilfe von Krediten ausbauen. Das sind keine unrealistischen Träume, sondern greifbare Ergebnisse einer bewussten, nachhaltigen Politik.

Es gibt zwei mögliche Szenarien für Nigeria: Entweder verwandelt es seinen demografischen Boom in eine Dividende, die inklusives Wachstum fördert, oder es lässt zu, dass dieser Boom zur demografischen Katastrophe wird. Das enge Zimmer der Familie Musa in Kano ist mehr als ein Symbol für Not – es erinnert daran, dass dringend gehandelt werden muss. Die größte Ressource des Landes ist nicht sein Öl, sondern seine Bevölkerung. Diese zu verschwenden bedeutet, die Zukunft zu verspielen.

Audu Meera ist eine nigerianische Autorin, die über soziale Entwicklung und den afrikanischen Alltag schreibt. 
auduogelehameerah@gmail.com 

Neueste Artikel

Beliebte Artikel