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Pharmaforschung ist eine öffentliche Aufgabe

von D+C | E+Z
Hohe Preise behindern in vielen Ländern den Zugang zu dringend benötigten Medikamenten. Druck von Regierungen und nichtstaatlichen Gruppen auf Pharmaunternehmen hat in der Vergangenheit schon manche Preissenkung bewirkt. Besser wäre es, wichtige Arzneimittel würden ohne Patentschutz entwickelt. Eine nicht-gewinnorientierte Initiative zur Herstellung eines neuen Malariamedikaments zeigt, wie es geht.

[ Von Christian Wagner ]

Für HIV-infizierte Menschen sieht es immer noch sehr schlecht aus. Nach neuesten Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erhält im südlichen Afrika nur einer von drei HIV-Positiven dringend benötigte Medikamente. Immerhin: Im vergangenen Jahr konnte laut WHO die Zahl der medikamentös versorgten AIDS-Patienten verdoppelt werden. Voraussetzung dafür waren starke Preissenkungen für die Arzneien. Die exorbitanten Preise für patentierte Medikamente sind aber weiterhin ein großes Problem.

Wie steinig der Weg zu bezahlbaren Medikamenten mitunter ist, zeigt der Streit um das AIDS-Medikament Kaletra. Letztes Jahr hatte der Pharmakonzern Abbott den Preis für das Mittel in den ärmsten Ländern auf 500 Dollar pro Person und Jahr gesenkt. Der thailändischen Regierung genügte das nicht: Da Thailand ein Land mit mittlerem Einkommen ist, hätte es 2200 Dollar pro Patient und Jahr zahlen müssen. Deshalb erließ Bangkok im November 2006 eine Zwangslizenz für Kaletra und hob dadurch den Patentschutz auf. Thailändische Hersteller können das Medikament in Zukunft günstig selbst produzieren. Momentan kostet eine Standard-HIV-Therapie in Thailand nur 140 Dollar.

Abbott reagierte knallhart: Der Konzern kündigte an, er werde keine neuen Medikamente mehr in Thailand anmelden. Dabei hat die Regierung nichts Verbotenes getan. Laut Abkommen der Welthandelsorganisation darf ein Land Patentrechte einschränken, wenn es die Gesundheit seiner Bürgerinnen und Bürger gefährdet sieht. Die Ankündigung von weltweiten Boykotten gegen Abbott hat den Konzern nun zu einem ersten Einlenken bewegt: Im April kündigte die Firmenleitung an, der Preis für Kaletra werde in Ländern mit mittlerem Einkommen von 2200 auf 1000 Dollar gesenkt. Der Streit mit Thailand über zusätzliche Preissenkungen geht aber weiter, genauso wie die Proteste gegen Abbott.

Um derartige Konflikte in Zukunft zu vermeiden, muss an einem Dogma gerüttelt werden. Warum sollte es nicht möglich sein, Medikamente ohne Patente zu entwickeln? Die Drugs for Neglected Diseases Initiative (DNDi) hat vorgemacht, dass das funktioniert. Im März brachte sie gemeinsam mit dem Pharmahersteller Sanofi-Aventis das weltweit erste neue Arzneimittel ohne Patentschutz auf den Markt. Mehrere Forschungsinstitute entwickelten das Malariamedikament gemeinsam, Sanofi-Aventis produziert es in Marokko. Die Entwicklungskosten hatten mehrere Staaten und DNDi übernommen. Sanofi-Aventis hat zugesichert, das Mittel in 14 afrikanischen Ländern zum Selbstkostenpreis zu verkaufen. Da es kein Patent gibt, können prinzipiell auch andere Hersteller das Medikament produzieren und vielleicht noch günstiger auf den Markt bringen.

Das Neue an diesem Projekt ist, dass der Preis des Medikaments von den Kosten für Forschung und Entwicklung entkoppelt ist. Maßgeblich sind nur noch die Herstellungskosten, die für Medikamente in der Regel sehr niedrig sind. Der von Pharmaunternehmen immer wieder geltend gemachte „Sachzwang“, sie müssten die Entwicklungskosten durch hohe Preise in der patentgeschützten Zeit wieder einspielen, wird so ausgehebelt.

Letztes Jahr hat die Weltgesundheitsversammlung, das oberste WHO-Entscheidungsgremium, die Erarbeitung eines Aktionsplans zur Forschung über Armuts- und Tropenkrankheiten beschlossen. Das war ein wichtiges Signal, das die Übernahme öffentlicher Verantwortung betont. Zwar gibt es noch keine Einigung über Details, doch eines ist klar: Ohne feste Finanzzusagen für öffentliche Pharmaforschung geht es nicht. Zusätzliche Subventionen für Pharmaunternehmen mögen zu neuen Medikamenten führen, machen sie aber nicht zwangsläufig günstig. Wenn dagegen die Forschungskosten öffentlich finanziert werden, ist kein Patentschutz nötig, und der Preis sinkt deutlich. Arzneimittelforschung ist eine öffentliche Aufgabe, denn das beste Medikament nützt nichts, wenn es unbezahlbar ist.