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Kolonialvergangenheit

Die dunkle Seite der europäischen Aufklärung

von Hans Dembowski

In Kürze

Postkoloniale Pracht in Senegals Hauptstadt Dakar.

Postkoloniale Pracht in Senegals Hauptstadt Dakar.

Achille Mbembe äußert harte Kritik an Europa – aber der Intellektuelle aus Kamerun betont, er sei nicht antieuropäisch. Er fordere nur, dass die früheren Kolonialmächte die Versprechen der Aufklärung erfüllen.

Mbembes Vision ist „afripolitanisch“. Mit diesem Begriff verbindet er die Einhaltung der Menschenrechte und Chancen für alle Afrikaner, das öffentliche Leben zu prägen. Der Philosoph lehnt Denken in Opferrollen ab. Er zeichnet auch kein romantisches Bild von Afrika, sondern benennt alle Schwächen von Armut über Ausbeutung bis hin zu Gewalt. Er lebt im multikulturellen Südafrika, das, wie er schreibt, von den Ländern des Erdteils seiner  Vision am nächsten komme. Bürgerkriegsländer seien am weitesten davon entfernt.

Mbembes Buch „Ausgang aus der langen Nacht“ ist 2016 auf Deutsch erschienen. Das französische Original ist sechs Jahre älter. Mbembe schreibt darin, Afrikas Geschichte sei eng verknüpft mit der anderer Kontinente. Migration aus Afrika (früher erzwungen, heute freiwillig) und Migration nach Afrika (besonders während der kolonialen Eroberungen) prägen ihm zufolge alle beteiligten Länder bis heute – unter anderem durch Rassismus. Die Vorstellung, dass alle Menschen in Afrika dasselbe Recht wie alle andern Erdenbürger haben, ein selbstbestimmtes, zielgerichtetes Leben zu führen, sei immer noch nicht selbstverständlich. Aus seiner Sicht ist die europäische Aufklärung keine historische Leistung, sondern ein unerfülltes Versprechen.

Doppelmoral war für die Kolonialmächte typisch. Europäische Philosophen schufen die  Aufklärung, während ihre Länder Sklavenhandel betrieben und dann Weltreiche errichteten, in denen Menschen mit dunklen Hautfarben ihrer Rechte beraubt und ausgebeutet wurden. Die Imperialisten predigten Zivilisation und nährten den Rassismus.   

Ein Beispiel für derartige Doppelmoral war Thomas Jefferson, der Hauptautor der Unabhängigkeitserklärung der USA. In dem Dokument heißt es: „Wir halten für selbstverständliche Wahrheiten, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden dass sie von ihrem Schöpfer mit unveräußerlichen Rechten versehen wurden, und dass Leben, Freiheit und das Streben nach Glück zu diesen Rechten gehören.“ Jefferson war jedoch Sklavenhalter. Mbembe stellt klar, dass die USA erst im Jahrhundert danach in einem blutigen Bürgerkrieg die Sklaverei abschafften und Rassismus die Gesellschaft bis heute prägt.

Die europäischen Mächte waren nicht besser, wie Mbembe betont. Ihr Umgang mit schwarzen Menschen habe nie ihrer Aufklärung entsprochen.

Mbembe hat starke Argumente, allerdings bleiben manche Metaphern recht mehrdeutig. Seine Gedanken sind interessant, aber er macht keine konkreten Politikvorschläge. Dennoch verdient er Aufmerksamkeit in Europa.

Uns Europäern ist allzu oft nicht bewusst, dass westliche Diskurse über gute Regierungsführung und Menschenrechte auf Afrikaner oder Asiaten unglaubwürdig wirken. Wir denken, Rassismus und Kolonialismus gehörten nicht mehr in unsere kosmopolitische Zeit. Wenn Europäer mit Afrikanern über Menschenrechte reden, denken sie meist an Dinge wie Meinungs-, Versammlungs- und Assoziierungsfreiheit, ohne zu merken, dass unsere Gesprächspartner an ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer denken. In diesem Kontext ist ermutigend, dass Mbembe betont, er sei nicht antieuropäisch eingestellt, sondern wolle nur, dass Europa seinen eigenen Ansprüchen gerecht werde.

Seine Obsession mit Europa scheint aber etwas übertrieben. Auf Deutsch hat sein Buch 300 Seiten. Davon behandeln 100 Seiten Frankreich. Ein Drittel des Essays beschäftigt sich also nicht, wie der Untertitel verspricht, mit dem „entkolonialsierten Afrika“, sondern mit dem postkolonialen Frankreich. Es stimmt natürlich, dass afrikanische und europäische Geschichte eng zusammenhängen und nur im gemeinsamen Kontext zu verstehen sind. Europäische Defizite zu betonen trägt aber nicht viel dazu bei, afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme zu finden. Daran, dass das nötig ist, lässt Mbembe selbst keinen Zweifel – und verweist auch gleich darauf, dass Europas Einfluss schwinde.

Hans Dembowski

Buch:
Mbembe, A., 2016: Ausgang aus der langen Nacht – Versuch über ein entkolonialisiertes Afrika. Berlin: Suhrkamp.
(Französisches Original: Sortir de la grande nuit – essai sur l’Afrique(dem)

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