Beschäftigung
Ein zarter, aber aussichtsreicher Trend für Somalias Unternehmerinnen
In Somalias Hauptstadt Mogadischu findet Arbeit nicht nur in Büros oder Fabriken statt, sondern oft auch zu Hause – im Wohnzimmer, in der Küche oder am Handy. In der ganzen Stadt und darüber hinaus bauen junge somalische Frauen mittlerweile selbst kleine Unternehmen auf. Nicht unbedingt, weil das Unternehmertum schon immer ihr Traum war, sondern vielmehr, weil formelle Arbeitsplätze nach wie vor rar sind. Angesichts der nach wie vor schwierigen Wirtschaftslage des Landes müssen viele Frauen ihren eigenen Arbeitsplatz erschaffen – und sind dadurch auch selbst resilienter geworden.
Generell spielt Unternehmertum eine zentrale Rolle für Somalias fragile Wirtschaft. Laut Weltbank werden geschätzt 76 % aller Arbeitsplätze im Land durch unternehmerische Aktivitäten geschaffen, die meisten davon informell. Frauen sind dabei eine treibende Kraft. In Städten wie Mogadischu und Bosaso besitzen sie rund 45 % aller etablierten formellen Unternehmen; und im ganzen Land betreiben Frauen Unternehmen von zu Hause aus. Dennoch werden Unternehmerinnen ausgebremst, auch weil sie nur begrenzten Zugang zu Finanzmitteln haben, soziale Erwartungen sie zurückhalten und sie nur schlecht an Märkte angebunden sind.
Boutiquen und ein Dessertladen
Die 28-jährige Kowther Abdikarim kennt diese Umstände nur zu gut. Sie hat ein Netzwerktechnik-Studium absolviert und einen Postgraduiertenabschluss gemacht, suchte aber dennoch jahrelang erfolglos nach einer formellen Anstellung. Schließlich gründete sie ein Unternehmen und verkauft nun von zu Hause aus Parfüms, Damenbekleidung, Schuhe und Taschen. Vor allem Social Media und mobile Zahlungsdienste haben es ihr ermöglicht, zu wachsen und durch Mundpropaganda einen treuen Kundenstamm aufzubauen. Abdikarim ist Teil eines allgemeinen Trends: Frauen nutzen immer häufiger ihre Fähigkeiten und Netzwerke, um Geld zu verdienen.
Da ist zum Beispiel die 26-jährige Hawa, die sich schon länger für Mode interessiert und nun eine kleine Boutique in ihrem Viertel eröffnet hat, in der sie lokal hergestellte Kleidung und Accessoires verkauft. Und da ist die 25-jährige Mariam; sie kombiniert ihre digitalen Fähigkeiten mit kulinarischem Know-how und betreibt ein Dessertgeschäft, das Cafés und Restaurants beliefert. Daneben verdient sie Geld mit TikTok-Werbung für lokale Marken. In gewisser Weise zeigen solche Geschichten, wie Frauen neu definieren, was als „richtige“ Arbeit gilt.
Doch es gibt nach wie vor Herausforderungen. Laut Weltbank werden zwar seit 2019 fast die Hälfte der 1600 Kreditnehmer*innen im Rahmen der Gargaara MSME Financing Facility in Somalia von Frauen geführt; doch erhielten sie weniger als zehn Prozent des gesamten Kreditvolumens und haben so nur sehr eingeschränkte Wachstumsmöglichkeiten. Die meisten von Frauen geführten Unternehmen bleiben zudem informell, was den Zugang zu Schulungen, größeren Märkten und langfristiger Stabilität zusätzlich einschränkt. Laut UN ist die wirtschaftliche Teilhabe von Frauen in Somalia außerdem oft von unbezahlter Pflegearbeit und kulturellen Erwartungen geprägt, was viele dazu veranlasst, Unternehmen zu gründen, die sie in der Nähe ihres Wohnortes betreiben können.
„Wirtschaftliche Führungsrolle“
Für die Politikexpertin Fardosa Abdullahi ist dieser Trend sowohl vielversprechend als auch bezeichnend. „Frauen nehmen eine wirtschaftliche Führungsrolle ein“, sagt sie, „doch ohne gezielte Unterstützung – dazu zählen etwa Qualifizierungsmaßnahmen oder der Zugang zu Finanzmitteln und Märkten – wird ihr Wachstum begrenzt bleiben.“ Der Ökonom Uweis Abdullahi Ali stimmt dem zu. „Bei diesen Unternehmen geht es nicht nur darum, gerade so über die Runden zu kommen“, sagt er. „Das sind Zentren der Innovation und Widerstandsfähigkeit. Mit der richtigen Unterstützung könnten sie die lokale Wirtschaft verändern.“
Einige Fortschritte zeichnen sich bereits ab. Für Unternehmerinnen wächst das Angebot an Finanzschulungen und Unterstützung bei der Unternehmensentwicklung – durch Programme, die von UN und Weltbank unterstützt werden, aber auch durch lokale Initiativen. Dennoch bleibt der Weg für Frauen wie Kowther, Hawa und Mariam ungewiss.
Jedes verkaufte Produkt und jede Kundenbeziehung ist trotzdem mehr als nur gut fürs Einkommen. Es ist Zeichen gelebter Unabhängigkeit und erinnert daran: Somalische Frauen warten nicht einfach auf bessere Zeiten, wenn Arbeitsplätze knapp sind. Sie schaffen sich ihre eigenen.
Bahja Ahmed ist freiberufliche Autorin, Pädagogin und Mitarbeiterin einer humanitären Hilfsorganisation aus Mogadischu, Somalia.
bahmedmuse@gmail.com