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Nachhaltigkeitszertifizierung

Wie Nachhaltigkeitszertifizierung im Tourismus funktioniert

Green Globe zertifiziert Tourismusunternehmen anhand von 44 Kriterien, die mit den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs – Sustainable Development Goals) verbunden sind. Geschäftsführerin Birte Pelayo erklärt den Zertifizierungsprozess und was für einen wirklich nachhaltigen Tourismus wichtig ist.
Green Globe-zertifiziertes Hotel in Aruba. Bucuti & Tara Beach Resort Green Globe-zertifiziertes Hotel in Aruba.

Wie korrespondiert der Zertifizierungsprozess von Green Globe mit den SDGs?

Wir haben aktuell 44 Kriterien mit 385 Indikatoren, die aufzeigen, wie die Kriterien zu erreichen sind. Davon sind hundert obligatorisch. Da die Kriterien mit den SDGs übereinstimmen, sind unsere Mitglieder automatisch im Einklang mit letzteren, wenn sie die ersteren erfüllen.

Tatsächlich gibt es Green Globe schon länger als die SDGs. Wir sind ein Geistesprodukt des Earth Summit in Rio de Janeiro, der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED) von 1992. Ende 1994 unterstützten bereits 19 Verbände der Reisebranche das Programm und bewarben Green Globe über gemeinsame Marketingstrategien bei ihren Mitgliedern. Als 2015 die SDGs definiert wurden, haben wir sie übernommen.

Bei manchen Zielen ist naheliegend, wie Tourismus zu deren Erreichen beitragen kann, bei anderen weniger. Wie können Unternehmen etwa Indikatoren für SDG16 (Frieden und Gerechtigkeit) oder SDG3 (Gesundheit) erfüllen?

Bei Gesundheit ist eine Schlüsselfrage für uns: Wie behandeln Unternehmen ihre Angestellten? Sind diese versichert? Bekommen sie genügend Zeit, um sich von Krankheit zu erholen? Welche Gesundheitsworkshops oder Sensibilisierungskampa­gnen werden angeboten?

Bezüglich Frieden und Gerechtigkeit prüfen wir etwa, wie Unternehmen für den Schutz von Kindern sorgen, oder ob sich ihre Arbeitskräfte in Arbeitnehmerorganisationen engagieren können. Es geht aber auch darum, Beschäftigte darin zu schulen, auf bestimmte Situationen deeskalierend zu reagieren, oder – was leider immer wichtiger wird – Katastrophenmanagement oder Notfallbewältigung zu betreiben, etwa bei Naturkatastrophen oder Terroranschlägen.

Wie läuft Ihr Zertifizierungsprozess ab?

Jedes Unternehmen hat seine Art zu agieren, daher geben wir keine Handreichungen oder Vorlagen. Alle unterscheiden sich, was Standort, Größe, Arbeits- und lokale Kultur angeht. Wir wollen, dass sie unsere Kriterien so umsetzen, dass es für ihren Betrieb funktioniert. Wir erzielen nur dann nachhaltige Ergebnisse, wenn unsere Standards als natürlicher Bestandteil ihres Arbeitsalltags und nicht als Belastung empfunden werden.

Neue Mitglieder – wir zertifizieren hauptsächlich Hotels – können über ein Onlinesystem unkompliziert beitreten und dann den Standard Schritt für Schritt abarbeiten. Sobald sie etwas umgesetzt haben, müssen sie Nachweise hochladen. Dann werden sie von unseren Auditor*innen überprüft, online sowie vor Ort. Wir führen alle zwei Jahre Kontrollen vor Ort durch. Manche Mitglieder sind schon seit 15 Jahren bei uns – was sie bei ihren ersten Audits geliefert haben, entspricht längst nicht mehr dem, was wir heute fordern. Daher braucht es regelmäßige Anpassungen an neue Entwicklungen, Technologien oder wissenschaftliche Erkenntnisse.

Wie oft passen Sie Ihre Kriterien an neue Entwicklungen an?

Wir überprüfen sie zweimal im Jahr. Dabei geht es aber nicht um neue Entwicklungen, sondern darum, ob Kriterien oder Indikatoren nach einer Weile für Unternehmen vor Ort noch sinnvoll sind und ob sie diese auch anwenden. Niemand soll einen Uniabschluss brauchen, um unsere Standards zu verstehen. Stellt sich etwas als unklar heraus, müssen wir es neu formulieren.

Alle paar Jahre gibt es eine große Überarbeitung, in die wir alle neuen Entwicklungen der letzten Jahre einbeziehen. Die Struktur bleibt aber gleich: Der erste Teil befasst sich mit nachhaltigem Management, der zweite und dritte Teil mit sozioökonomischen und kulturellen Aspekten wie Personalpolitik oder Bezug zu lokalen Gemeinschaften. Im vierten und größten Teil geht es um Umweltpraktiken und „grüne“ Indikatoren wie Ressourcenmanagement, Einkaufspraktiken oder Tierschutz.

Vor allem Hotels produzieren viel Abfall, weil sie viele Menschen beherbergen. Was tun Green-Globe-zertifizierte Unternehmen in Bezug auf den Umgang mit Ressourcen?

Es beginnt beim Einkauf: Lieferunternehmen, die eine Recyclingpolitik verfolgen und Verpackungen zurücknehmen, sollten bevorzugt oder Verpackungen wiederverwendet werden. Statt Plastik- sollte es Glasflaschen geben. Bei Buffets werden natürlich viele Lebensmittel verschwendet. Hier braucht es daher eine vernünftige Planung.

Beim Faktor Wasser kommt es auf Grundlegendes an, wie wassersparende Duschköpfe oder Wasserhähne mit geringem Durchfluss. Wenn es einen Pool gibt, sollte das Wasser recycelt und wiederverwendet werden können. Wir schauen auch nach der Befehlskette. Wenn Hausmeister*innen einen undichten Wasserhahn entdecken: Wie lange dauert es, bis er repariert ist?

Es geht auch viel um Bewusstseinsbildung. Wenn ein Hotel von seiner Lage in der Nähe schöner Mangroven profitiert, sollte klar sein, dass das Abwasser nicht in diese Mangroven gelangen darf. Aber solche Dinge geschehen vielerorts immer noch. Es braucht uns und andere Zertifizierungsorganisationen, die dafür sorgen, dass sich die Unternehmen ändern. Wir schicken alle zwei Jahre Leute zu Inspektionen dorthin – die Regierungen machen das nicht.

Wie unterstützt Green Globe, dass lokale Gemeinschaften in die Tourismusindustrie einbezogen werden – insbesondere dort, wo Tourismus für die wirtschaftliche Entwicklung wichtig ist?

Wir haben dafür einige verbindliche Indikatoren. Wir wollen sicherstellen, dass es lokales Personal gibt und dass dieses ein Gehalt bekommt, von dem die Menschen leben können – und das ist nicht unbedingt der Mindestlohn, falls es einen gibt. Angestellte in Tourismusgebieten haben oft hohe Lebenshaltungskosten. Das muss bedacht werden.

Auch Diversität beim Personal ist zu beachten. Es braucht Maßnahmen gegen Diskriminierung – sei es aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Religion.

Wie gewährleisten Sie, dass Unternehmen die Wünsche indigener Gemeinschaften hinsichtlich Tourismus in ihren Gebieten res­pektieren?

Wenn ein neues Hotel oder Resort gebaut wird, sollten die Beziehungen zu den umliegenden Gemeinden von Anfang an auf Augenhöhe sein. Es ist schlimm, wenn Einheimische etwa keinen Zugang mehr zu bestimmten Stränden haben, weil diese für Gäste reserviert sind.

Wir fordern die Unternehmen auch auf, lokale Geschäftsleute vom ersten Tag an einzubeziehen. Sie können etwa zu dem beitragen, was im Souvenirladen eines Hotels verkauft wird. Möchte die Gemeinde einheimische Kunst ausstellen, so sollte man ihr diese Möglichkeit geben.

Wir wollen zudem, dass die Gäste lernen, die lokalen Gemeinschaften zu respektieren. Heilige Stätten müssen gekennzeichnet werden und Verhaltensregeln klar sein. Viele Gäste sind ja an der lokalen Kultur interessiert. In Hotels kann man quasi im Vorbeigehen Infos geben – im Aufzug etwa können Plakate oder kurze Videos auf einem Bildschirm gezeigt werden. An der Rezeption oder im Frühstücksraum können Broschüren ausgelegt werden. Führungen sollten Einheimische machen, um selbst entscheiden zu können, was sie wie vermitteln wollen.

Es geht darum, herauszufinden, wie lokale Gemeinschaften einbezogen werden wollen – und dann einen guten und respektvollen Weg der Zusammenarbeit zu finden.

Nennen Sie uns doch bitte ein paar Best Practices von Green-Globe-Mitgliedern.

In Belize hat ein Hotel eine Drei-Schicht-Lösung eingeführt. Während die einen arbeiteten oder frei hatten, kümmerte sich immer jemand vom Personal um die Kinder aller Gemeindemitglieder, die mit dem Hotel zu tun hatten. Ein weiteres Beispiel ist ein von uns zertifiziertes Hotel in Thailand, das über ein von einem Start-up-Unternehmen entwickeltes System aus der feuchten Luft Trinkwasser für die Gäste gewinnt.

Wie unterstützt Green Globe zertifizierte Unternehmen dabei, ihre Nachhaltigkeitsansätze effektiv zu kommunizieren?

Wir haben eine ganze PR-Abteilung ausschließlich dafür. Sobald ein Unternehmen zertifiziert ist, müssen wir das kommunizieren – auf Social Media, Videos oder in unserem Newsletter. Wir kooperieren auch mit Plattformen wie booking.com. Damit ein Hotel dort bevorzugt gelistet wird, muss es von einer dritten Partei zertifiziert sein, von Green Globe etwa. Auch deshalb entscheiden sich mehr Menschen für nachhaltige Hotels.

Wenn Sie in die Zukunft blicken – was sind die größten Herausforderungen und Chancen für nachhaltigen Tourismus?

Ob durch Krieg, Klimakrise oder Pandemie – der Tourismus ist immer einer der ersten Wirtschaftszweige, den globale Krisen hart treffen. Aber der Sektor ist auch sehr widerstandsfähig und erholt sich immer wieder. Zudem ist die Branche sehr alt – Menschen werden immer auf die eine oder andere Art reisen.

Klar erkennbar ist allerdings, dass sich Urlaubsziele immer mehr vom Massentourismus abwenden, weil die Umwelt das schlicht nicht mehr verkraftet. Auch überdenkt die jüngere Generation zweimal, in die Ferne zu reisen. Die jungen Menschen wollen nicht extra auf die Malediven fliegen, nur um dort in einem Resort zu sitzen und zu entspannen. Wenn sie ins Ausland reisen, dann wollen sie das Land auch wirklich erleben. Der lokale Tourismus wird also eine größere Rolle spielen. Aber ich glaube nicht, dass die Menschen ganz aufhören werden zu reisen. Die Frage, die sich ihnen stellt, ist einfach: Wie können wir das auf möglichst nachhaltige Weise tun?

Birte Pelayo ist Geschäftsführerin von Green Globe Certification.
bpelayo@greenglobe.com