Entwicklung und
Zusammenarbeit

Nachkriegsgesellschaften

Syriens Start-ups: Innovation aus den Trümmern

Im Nachkriegs-Syrien haben Start-ups gelernt, mit Stromausfällen, geringer Bandbreite und Treibstoffknappheit umzugehen – statt darauf zu warten, dass sich die Lage wieder normalisiert. Somit sind sie nicht nur Unternehmen, sondern auch Teil des Wiederaufbaus des Landes.
Das Quizat-Büro in Damaskus. Rishabh Jain
Das Quizat-Büro in Damaskus.

„Heute Nachmittag ist dreimal der Strom ausgefallen“, sagt Hamza Hourani, Mitbegründer von Quizat. Das Team ließ sich davon jedoch wenig beirren. Eine Person verband sich mit dem Hotspot eines Handys, eine andere wechselte zu einer zwischen­gespeicherten Version der Plattform auf dem Laptop. Die Arbeit ging weiter. Das zeigt etwas Wesentliches darüber, wie Technologie im Nachkriegs-Syrien entwickelt wird: nicht trotz der Funktionsstörungen, sondern in ständiger Auseinandersetzung damit.

Wenn man durch Damaskus nach Homs fährt, sind noch immer die Narben des Krieges zu sehen – eingestürzte Fassaden, Straßen, in denen Schutt nur weggeschoben statt beseitigt wurde, Wohnblocks, denen Stockwerke fehlen wie ausgeschlagene Zähne. Und doch entwickelt eine Generation von Unternehmer*innen in Büros in ebendiesen Vierteln Apps für Fahrdienste, Bildungsplattformen und Netzwerke für Essens-Lieferdienste. Sie warten nicht, bis alles wiederaufgebaut ist. In vielerlei Hinsicht sind sie selbst der Wiederaufbau.

Der Bürgerkrieg hat die syrische Wirtschaft hart getroffen, an seinem Höhepunkt mehr als die Hälfte der Bevölkerung vertrieben und die Städte ohne zuverlässige Stromversorgung und öffentlichen Nahverkehr zurückgelassen. Dass ein Technologiesektor unter diesen Umständen überleben – geschweige denn wachsen – könnte, schien unwahrscheinlich. Doch die Unternehmen, die sich etablierten, taten dies genau deshalb, weil sie ihre Geschäftsmodelle an die Krise anpassten.

Not als Gestaltungsprinzip

YallaGo, eine Ende 2018 gelaunchte Fahrdienst-App, ist ein Paradebeispiel dafür. Ihr Gründer, Khaled Moustafa, entwickelte die Plattform für ein Land, in dem globale Zahlungssysteme nicht zugänglich sind, Internetverbindungen ohne Vorwarnung abbrechen und Kraftstoff chronisch knapp ist. Die App kommt mit minimalem Datenverbrauch aus und stützt sich auf ein vom Mobilfunknetz unabhängiges GPS. Gezahlt wird in bar, die Routen sind so optimiert, dass Kraftstoff gespart wird. Die Plattform ist mittlerweile so fest im Alltag verankert, dass „ein YallaGo rufen“ zum allgemeinen Begriff für die Bestellung einer Fahrgelegenheit geworden ist. Das Unternehmen schätzt, dass inzwischen mehr als 35.000 Familien ihren Lebensunterhalt über diese Plattform bestreiten.

Die Bildungs-App Quizat folgte einer ähnlichen Logik. Das syrische Schulsystem ist durch den Krieg schwer in Mitleidenschaft gezogen worden: Qualifizierte Lehrkräfte sind geflohen, Schulgebäude wurden bombardiert und Millionen von Schüler*innen haben Jahre an Lernfortschritt verloren. Hourani entwickelte eine Plattform speziell für Umgebungen mit geringer Bandbreite und für ältere Smartphones – also genau für die Geräte, die die meisten syrischen Familien besitzen. Der Schwerpunkt liegt auf selbstbestimmtem Lernen und Übungstests für Hochschulaufnahmeprüfungen, nicht auf Live-Streaming-Unterricht, der eine stabile Verbindung erfordern würde.

Auch BeeOrder, ein Lieferdienst für Essen und Lebensmittel, wandte diesen Ansatz auf die Logistik an. Statt stadtweite Lieferrouten festzulegen, die von Treibstoff und befahrbaren Straßen abhängen, arbeitet die Plattform hyperlokal: Lieferant*innen bedienen nur bestimmte Stadtteile. Dadurch bleiben die Entfernungen kurz und die Kosten selbst bei Treibstoffknappheit oder Bewegungsbeschränkungen absehbar.

Was diese Unternehmen verbindet, ist die Einschränkung: Sie müssen innerhalb eines kaputten Systems arbeiten – oder eben gar nicht. Dadurch waren sie dazu gezwungen, Fähigkeiten zu entwickeln – Offline-First-Architektur, Cash-Management, Bandbreitenoptimierung – die für die meisten Start-ups in stabilen Volkswirtschaften nie Thema sind.

Frauen in der Start-up-Welt

Eigen ist der syrischen Start-up-Szene auch die Frage, wer diese tatsächlich aufbaut. Der Krieg hat eine große Zahl syrischer Männer dazu gezwungen, aus dem Land zu fliehen, sich dem Militär anzuschließen – oder einfach zu verschwinden. Diese düstere Realität hat Frauen – wenn auch nur in unvollkommener Weise – neue Wege eröffnet, ins Berufsleben einzusteigen.

Das Kernteam von Quizat besteht überwiegend aus Frauen, sagt Hourani. Das war keine strategische Entscheidung, sondern spiegelt wider, wer sich beworben hat und geblieben ist. Die Frauen entwickeln und warten die App, pflegen die Fragen-Datenbanken, koordinieren die Zusammenarbeit mit den Content-Ersteller*innen und leiten den Betrieb. Laut Startup Syria, einer gemeindebasierten Organisation, die den Sektor beobachtet, stieg der Anteil der von Frauen geführten Start-ups in Syrien von nur 4,4 % im Jahr 2009 auf 34,7 % im Jahr 2025.

Bei YallaGo gibt es ebenfalls Frauen, die die Fahrdienste machen. Suha Khaddour, eine 51-jährige ehemalige Abteilungsleiterin bei Syrian Telecom, verdient nun das Familieneinkommen über diese Plattform. Sie muss mit gewissen Einschränkungen zurechtkommen, zum Beispiel, indem sie bestimmte Stadtteile nach Einbruch der Dunkelheit meidet. Aber der Job existiert, und sie führt ihn aus.

Die Rückkehr der Diaspora

Jahrelang war Syriens Technologiesektor fast komplett isoliert. Der Zugang zu globalen Zahlungssystemen, Cloud-Infrastruktur und internationalen Investitionen war durch Sanktionen versperrt. Gründer*innen wie Moustafa kamen damit teilweise zurecht, indem sie von Dubai aus operierten, wo sie Zugang zu Geschäftstools hatten, die es in Syrien nicht gab. Doch Kapital und Netzwerke der Diaspora blieben weitgehend unzugänglich.

Das begann sich nach dem Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 zu ändern. Im Februar 2025 organisierte eine Gruppe syrisch-amerikanischer Ingenieur*innen und Unternehmer*innen aus dem Silicon Valley die SYNC – die erste große unabhängige Tech-Konferenz in Syrien. Sie rechneten mit 50 oder 60 Teilnehmenden. Laut dem Magazin „Rest of World“ meldeten sich jedoch innerhalb weniger Tage nach der öffentlichen Ankündigung mehr als 1000 Personen an, mehr als 1200 standen auf der Warteliste. Der Gipfel lockte schließlich über 3000 Menschen an, und die Teilnehmenden kamen aus mehr als 15 Ländern. Nur vier Monate später folgte eine zweite SYNC-Konferenz in Damaskus, bei der Workshops von Branchenführenden aus Kalifornien, Kanada, Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Arabischen Emiraten abgehalten wurden.

HTS-Chef Ahmed al-Sharaa am 8. Dezember in der Umayyaden-Moschee in Damaskus: Noch ist nicht klar, ob er sich als Sektierer oder als pluralistischer Politiker entpuppt.

Die Veranstaltenden hatten das Ziel, bis 2030 im syrischen Technologiesektor 25.000 neue Arbeitsplätze zu fördern. Doch abgesehen von den Zahlen signalisierten die Konferenzen etwas, das sich schwerer quantifizieren lässt: dass die weltweite syrische Diaspora – die lange Zeit durch ihre Auswanderung charakterisiert war – beginnt, sich selbst als Finanzierungsquelle neu zu definieren. Laut Moustafa, dem Gründer von YallaGo, macht das Geld der Diaspora mittlerweile einen großen Teil der Investitionen in syrische Start-ups aus.

Bisweilen sind die damit verbundenen Erwartungen unrealistisch: Rückkehrende bringen vom Silicon Valley geprägte Visionen mit, die nicht immer in einen Kontext passen, in dem die Server eines Start-ups von der Regierung abgeschaltet werden können und erst durch öffentlichen Druck in den sozialen Medien wieder hochgefahren werden. Doch die Fachleute aus der Diaspora bringen auch Mentoring, Netzwerke und Zugang zu globalen Märkten mit, die sich durch noch so viel lokalen Einfallsreichtum nicht ersetzen lassen.

Ein anderes Modell von Resilienz

Der aufstrebende Technologiesektor Syriens schmälert nicht das Ausmaß der Krise im Land. Die Inflation ist nach wie vor hoch, und weiterhin verlassen viele qualifizierte Syrer*innen das Land. Die Wunden des Krieges werden nicht dadurch geheilt, dass es eine Fahrdienst-App gibt.

Doch die in Damaskus, Homs und Latakia entstehenden Unternehmen sind eine Lektion in Sachen Wiederaufbau nach Konflikten – und Entwicklungsexpert*innen und politisch Verantwortliche täten gut daran, hier hinzuschauen. Sie zeigt nämlich, dass Unternehmertum in fragilen Staaten nicht einfach eine abgespeckte Version von Unternehmertum woanders ist, lediglich mit schlechterer Infrastruktur. Es ist im Gegenteil etwas strukturell Eigenständiges: geprägt von Einschränkungen, die im Laufe der Zeit zu einer Art Expertise werden. 

Die „Offline-First“-Designphilosophie, die syrischen Entwickler*innen wegen der schlechten Netzabdeckung aufgezwungen wurde, wird weltweit zunehmend wichtiger, da die Infrastruktur durch Klimakatastrophen und Konflikte an immer mehr Orten unzuverlässiger wird. Das hyperlokale Liefermodell von BeeOrder – als Reaktion auf die Treibstoffknappheit entwickelt – ist nachhaltiger und krisenfester als die weitläufigen Logistiknetzwerke seiner finanzstarken westlichen Konkurrenz. 

Mit anderen Worten: Was Syriens Start-ups aufgebaut haben, ist eine Blaupause – unvollkommen, unvollständig, aber ein Hinweis darauf, welche konkrete Form Innovation annehmen kann, wenn sie keine andere Wahl hat als zu funktionieren.

Rishabh Jain ist freiberuflicher Journalist und Dokumentarfilmer und befasst sich mit Themen wie Klimawandel, Gesundheit, Menschenrechte und Migration.
rish.jain8899@gmail.com 

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