Macht und Reichtum
Wir leben in der Weltordnung der Oligarch*innen. Was können wir tun?
Während die ganze Welt im April die Folgen der Sperrung der Straße von Hormus zu spüren bekam, die Nahrungsmittelpreise stiegen und Energie knapp wurde, konnte ein Schiff die Meerenge ungehindert passieren: die Superyacht des russischen Oligarchen Alexei Mordashow, der mit einem weiteren Oligarchen verbandelt ist – mit Wladimir Putin. Die Durchfahrt der Yacht ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie Oligarch*innen sich in der Welt von heute bewegen: Sie überschreiten Grenzen, die allen anderen verschlossen sind.
Doch Mordashow, Eigentümer des Stahlgiganten Severstal, steht nur für einen von mehreren Oligarchen-Typen. Die Oligarch*innen von heute besitzen nicht mehr nur Minen, Banken oder Pipelines. Einige kontrollieren zunehmend die Plattformen, Daten, Cloud-Systeme und KI-Fähigkeiten, über die moderne Staaten und Gesellschaften funktionieren.
Vieles von dem, was heute auf der Welt geschieht, erklärt sich damit, dass wir in einer „Weltordnung der Oligarchie“ leben: Zunehmend gestalten Oligarch*innen Weltwirtschaft und internationale Politik zu ihren Gunsten. Die dringendste Aufgabe ist es, sie in ihrer Fähigkeit, Reichtum und Macht zu vereinen, zu begrenzen.
Oligarch*innen prägen Politik und Weltwirtschaft
Mit Oligarch*innen sind Menschen gemeint, die Reichtum und Macht verbinden: Personen, die in der Lage sind, außerordentlichen Reichtum in Macht und Macht wiederum in Reichtum umzuwandeln – und das über Ländergrenzen hinweg.
In den letzten Jahren ist die Zahl der Oligarch*innen gestiegen, und ihr durchschnittliches Vermögen auch. So konnten sie diverse Formen der Macht erlangen. Unseren Schätzungen zufolge hatten im Jahr 2026 bisher 47 Oligarch*innen das Amt eines Staats- oder Regierungsoberhauptes inne, viele von ihnen in autokratischen Regimen.
Anhand von Weltbank-Daten und volkswirtschaftlichen Berechnungen schätzen wir, dass am Ende des Zweiten Weltkriegs von Oligarch*innen geführte Staaten weniger als ein Fünftel der weltweiten Wirtschaftsleistung ausmachten. Heute sind es fast drei Fünftel. Acht der 20 weltgrößten Volkswirtschaften werden von Oligarch*innen geführt, die meisten mit autokratischen Tendenzen. Sie sind kein Randphänomen mehr. Zunehmend nutzen sie Demokratie, Entwicklung und die internationale Ordnung dazu, ihren Reichtum und ihre Macht zu schützen.
Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird es mehr Autoritarismus geben, und die demokratische Selbstbestimmung des Volkes wird zu einer leeren Hülle verkommen. Zu viele Menschen – etwa in den Vereinigten Staaten – nehmen Oligarch*innen und deren Machtüberschreitungen inzwischen als normal hin oder als unterhaltsame Ablenkung. Beides ist falsch.
Sanktionen reichen nicht – Eindämmung möglicherweise schon
Auf den ersten Blick erscheint es naheliegend, als Gegenmaßnahme den Reichtum und die Macht von Oligarch*innen zu beseitigen – durch Sanktionen, Strafverfolgung oder indem man Vermögenswerte beschlagnahmt. Praktisch hat sich das aber als unwirksam erwiesen. Sanktionen haben Mordashow nicht davon abgehalten, mit seinem Schiff durch die Straße von Hormus zu fahren. Auch die Macht anderer stark sanktionierter russischer Oligarch*innen wurde durch Sanktionen nicht wesentlich eingeschränkt. Zudem gibt es einen strukturellen Widerspruch: Sanktionen sind ein staatliches Instrument, das von externen Mächten verhängt wird und genau den geopolitischen Kalkülen unterliegt, die Oligarch*innen ausnutzen.
Oligarch*innen werden zudem selten beseitigt, sondern meist ersetzt, wie schon häufig in rohstoffreichen Entwicklungsländern von Lateinamerika bis Südasien zu sehen war.
Die notwendige Maßnahme ist daher Eindämmung: Das bedeutet, die Möglichkeiten einzuschränken, Reichtum in Macht und Macht in Reichtum umzuwandeln, sowie zugleich die Institutionen zu stärken, die Oligarch*innen in Schach halten. Dafür sind zwei Bedingungen maßgeblich. Erstens muss die Eindämmung global sein. Zweitens darf sie nicht allein den Regierungen überlassen bleiben; es bedarf einer weitgehend nichtstaatlichen Antwort. Wir können nicht erwarten, dass Regierungen, die bereits unter dem Einfluss von Oligarch*innen stehen, dieses Problem lösen.
Die Verschmelzung von Reichtum und Macht ist legal – und das ist ein Problem
Es gibt bereits Institutionen, die darauf ausgelegt sind, die illegale Anhäufung von Reichtum und Korruption einzudämmen. Dazu zählen zwischenstaatliche Gremien wie etwa die OECD, aber auch Nichtregierungsorganisationen oder Netzwerke des investigativen Journalismus. Letztere haben etwa in den Panama- und Pandora-Papers aufgedeckt, wie tief der Reichtum der Oligarch*innen im globalen Finanzsystem verankert ist.
Doch all deren Bemühungen sind begrenzt: Sie können nur gegen das angehen, was illegal ist. Reichtum zu Macht und Macht zu privatem Reichtum zu machen, ist in den meisten Rechtsordnungen völlig legal. 2010 entschieden US-Gerichte sogar, dass Ausgaben für politische Kampagnen unter den Schutz der Meinungsfreiheit fallen – womit die Verschmelzung von Geld und Politik faktisch gesetzlich verankert wurde.
Um den Einfluss der Oligarch*innen zu begrenzen, braucht es daher eine neue, dezentrale und weitgehend nichtstaatliche Koalition: ein Netzwerk aus Journalist*innen, Forschenden, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Finanzaufsichtsbehörden, das die Netzwerke der Oligarch*innen aufdeckt und den Widerstand dagegen über die Grenzen hinweg koordiniert. Dieses Netzwerk müsste keine einzelne, zentrale Organisation sein, sollte aber gemeinsame Funktionen erfüllen. Dazu zählt etwa, die Vermögens- und Machtnetzwerke der Oligarch*innen aufzudecken, ihre internationalen Unterstützer*innen aufzuspüren und gemeinsam Druck auf Entscheidungsträger*innen auszuüben. Die Reputations- und die Finanzkosten dafür, Vermögen in öffentliche Macht umzuwandeln, müssen steigen.
Der Zweck dieser Eindämmung ist einfach, aber elementar: Die Grenzen zwischen Reichtum und Macht sollen gestärkt werden, und die Fähigkeit von Gesellschaften erhalten bleiben, sich selbst zu regieren. Das kann nur über Institutionen erreicht werden, die stark genug sind, um sich nicht vereinnahmen zu lassen.
Trauen wir uns, Grenzen zu ziehen?
Oligarch*innen werden stärker, wenn Unsicherheit und Ungleichheit zunehmen und Institutionen ihren Einfluss verlieren. Ihre größten Vorteile sind aber nicht Reichtum oder Macht an sich, sondern die zunehmende allgemeine Überzeugung, dass man gegen beides nichts ausrichten kann. Und das macht es umso wichtiger, zu handeln.
Dazu braucht es zweierlei: Erstens müssen Gesellschaften ein besseres Verständnis davon bekommen, wie Oligarch*innen denken und agieren. Ein Netzwerk zur Eindämmung muss die Instrumente moderner Finanz- und Technologiesysteme einsetzen. Es muss finanzielle Transparenz, Datenanalyse und gegebenenfalls künstliche Intelligenz nutzen, um Vermögensnetzwerke aufzuspüren und zu erschweren, dass Vermögen in Macht – und umgekehrt – umgewandelt wird.
Zweitens müssen Gesellschaften klare Grenzen setzen, indem sie eindeutige Beschränkungen für die Umwandlung von Reichtum in Macht und Macht in Reichtum setzen. Problematisch ist weder Reichtum als solcher noch Macht allein, sondern ihre Verschmelzung.
Eindämmung wird das Oligarchentum nicht abschaffen. Die Aufgabe der heutigen Gesellschaften ist es, zu verhindern, dass sie die Institutionen dominieren, auf denen stabile, offene Gesellschaften basieren. Die Frage ist nicht, ob Oligarch*innen versuchen werden, reicher zu werden und zu herrschen. Das werden sie. Die Frage ist, ob freie Gesellschaften sich noch trauen, ihnen Grenzen zu setzen.
Literatur
Lingelbach, D., und Rodríguez Guerra, V., 2026: Games without thrones: 8 leadership lessons from oligarchs. De Gruyter.
Lingelbach, D., und Rodríguez Guerra, V., 2023: The oligarchs’ grip: fusing wealth and power. De Gruyter.
Lingelbach, D., und Rodríguez Guerra, V. (upcoming): The oligarchs of the Americas: from the Conquistadores to Silicon Valley. De Gruyter.
David Lingelbach ist Gründer und Vorsitzender des Center for the Study of Oligarchs und Professor für Entrepreneurship an der Universität Baltimore. Zuvor war er CEO der Bank of America in der ehemaligen Sowjetunion und arbeitete mit Oligarchen wie Wladimir Putin zusammen.
dlingelbach@oligarchcenter.org
Valentina Rodríguez Guerra ist Gründerin und stellvertretende Vorsitzende des Center for the Study of Oligarchs. Sie promoviert derzeit im Fach Management an der Universidad de los Andes.
vrodriguez@oligarchcenter.org