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Diskriminierung

Indonesiens ethnische Ressentiments

von Edith Koesoemawiria

Hintergrund

Shoppen im Chinatown von Jakarta: Covid-19 hat alles runtergefahren.

Shoppen im Chinatown von Jakarta: Covid-19 hat alles runtergefahren.

Vor mehr als zwei Jahrzehnten hat Indonesien bereits formell Gesetze abgeschafft, die die Diskriminierung von Bürgern chinesischer Herkunft fördern. Die Vorurteile zu überwinden dauert aber.

„Ich möchte nicht in diese Straße fahren, sie ist zu voll“, sagt der Taxifahrer Anwar aus Jakarta. Eine merkwürdige Bemerkung, denn der Verkehr in der Stadt ist durch die Covid-19-Restriktionen ziemlich ausgedünnt. Aber weiterhin scheuen einige Fahrer vor bestimmten Seitenstraßen zurück – wie etwa jener, die zum Petak-Sembilan-Markt in Jakartas Chinatown führt. Vielleicht geht es dem Taxifahrer wirklich darum, den Stau zu vermeiden. Möglich ist aber auch, dass er die Gegend meidet, weil die Bewohner – zu Unrecht – einen schlechten Ruf haben.

Jakartas Chinatown hat schwere Zeiten durchgemacht. Die Pandemie hat das Geschäftstreiben in der ganzen Stadt eingeschränkt, doch dieses Viertel ist besonders betroffen. In schwierigen Zeiten neigen die Menschen dazu, zu glauben, anderen gehe es besser als ihnen selbst – in Indonesien richtet sich solcher Argwohn oft auf Bürger chinesischer Herkunft.

Einige der Animositäten haben mit Arbeit zu tun. Indonesien ist einer der Hauptstandorte von Chinas „Belt and Road“-Initiative zum Bau von Infrastruktur. An die 1000 chinesische Unternehmen sind im Land präsent; sie sind in Baugewerbe, Bergbau und Elektrotechnik aktiv und haben mindestens 25 000 Arbeiter aus China mitgebracht. Die Firmen beschäftigen gerne Arbeiter, die Mandarin sprechen. Die Anwesenheit so vieler ausländischer Arbeiter ärgert viele Indonesier.

Aber die antichinesischen Ressentiments gehen über den aktuellen Unmut wegen Arbeitsplätzen hinaus. Indonesische Staatschefs haben Chinesischstämmige seit Kolonialzeiten diskriminiert. Immer wieder griffen Mobs Chinesen an – teils sogar staatlich gebilligt. 1740 töteten Soldaten der Niederländisch-Ostindien-Kompanie etwa 10 000 ethnische Chinesen. Diskriminierung war über Jahrhunderte hinweg legal erlaubt und verbreitet und gipfelte in antichinesischen Gesetzen, die der autokratische Präsident Suharto in den 1960er-Jahren erließ. Diese diskriminierenden Gesetze wurden aufgehoben, die Fremdenfeindlichkeit besteht aber fort (siehe Kasten).


Gelebte Bigotterie

Vorurteile gegen Chinesen kommen meist zu Wahlkampfzeiten hoch. Es sei an die Hass-Kampagne gegen den ersten chinesischstämmigen Gouverneur Jakartas, Basuki Tjahaja Purnama (bekannt unter seinem chinesischen Spitznamen Ahok), erinnert. Er kam 2012 ins Amt, nachdem sein Vorgänger Joko Widodo zum Staatspräsidenten gewählt worden war. Ahok war sein Stellvertreter. Als er für die nächste Wahl kandidierte, wurde er Ziel rassistischer Attacken. Als Christ hatte er es in einer muslimisch dominierten Gesellschaft zusätzlich schwer. General Surya Prabowo sagte, Ahok solle „seinen Platz kennen, damit die Indonesier nicht die Folgen seines Handelns tragen müssen“. Zudem gab es große Anti-Ahok-Demos.

Viele Indonesier fürchteten, es könne wieder zu antichinesischen Ausschreitungen kommen wie im Mai 1998. Damals hatten Bürgerwehren zwei Tage lang in verschiedenen indonesischen Städten randaliert. Fast 1000 Menschen wurden dabei getötet und 87 Frauen vergewaltigt – die meisten chinesischer Herkunft. Ahok gewann die Wiederwahl nicht.

Vorurteile klingen bis heute nach. Im September 2020 druckte die Regierung eine neue 75 000 Rupiah-Banknote (umgerechnet etwa 4,50 Euro), um des 75. Jahrestags der Unabhängigkeit Indonesiens zu gedenken. Einen der neuen Geldscheine zierte eine traditionelle chinesische Tracht. Es folgte ein Aufschrei in den sozialen Medien; Indonesier fragten, ob chinesische Bilder auf die Währung gehörten. Erst nachdem die Regierung versicherte, es handele sich um Kleidung eines Eingeborenenstamms auf Borneo, legte sich der Sturm.

Auch andere ethnische Minderheiten werden diskriminiert. Im August 2019 attackierten indonesische Nationalisten in der javanischen Stadt Surabaya melanesische Studenten aus Papua und beschimpften sie als „Hunde“ und „Affen“. Papua-Studenten von den Maluku-Inseln im Osten Indone­siens machten ähnliche Erfahrungen in Zentraljava.

Derartige Ereignisse erinnern an eine lange Geschichte voller ethnischer Spannungen und Diskriminierung. Viele Wissenschaftler führen das Problem auf die Kolonialzeit zurück. Die Niederländer errichteten in ihrer ehemaligen Kolonie Niederländisch-Ostindien ein Klassensystem. Europäer galten als Ausländer erster Klasse. Asiatische Ausländer, besonders chinesischer oder indischer Herkunft, die oft zu relativ wohlhabenden Handelsfamilien gehörten, sahen sie als Mittelsleute zweiter Klasse. Einheimische wurden als Menschen dritter Klasse ausgebeutet und unterworfen. Dieses System schürte Feindschaften zwischen Chinesischstämmigen und Einheimischen.

Mit der Zeit setzte sich die Identitätspolitik durch, Bürgerrechte wurden mit Herkunft verknüpft. Als einheimische Gruppen an die Macht kamen, wurden Menschen chinesischer Herkunft als Unterkategorie behandelt, obwohl sie sich längst an die Einheimischen assimiliert hatten. Nichteinheimische erhielten das Stigma des „Andersseins”. Besonders die wirtschaftlich oft gut gestellten ethnischen Chinesen ernteten tiefes Misstrauen, wie der indonesische Wissenschaftler Irawan S. S. Basuki in einem Artikel schreibt.

Basuki fordert Indonesiens Geschichte in ausgewogener Weise neu zu schreiben und so uralte Vorurteile beizulegen, um die ethnischen Spannungen im Land zu überwinden. „Wir können unsere Sicht auf die Chinesen ändern, indem wir ihre Geschichte auf eine verhältnismäßige und kontextbezogene Weise neu schreiben”, sagt er. „Studenten müssen deren Beitrag im Kampf um die Unabhängigkeit in den Geschichtsbüchern nachlesen können.“


Multikulturalität feiern

Kürzlich hat Indonesien eine Kampagne gestartet, um interkulturelle und interreligiöse Verständigung zu fördern. Verschiedene große Religionsgruppen halten regelmäßig Gottesdienste ab, um das breite Spektrum religiöser Praktiken im Land zu zeigen. Regierung, Medien und Nichtregierungsorganisationen zeigen der Öffentlichkeit so, wie multikulturell das Land ist, und betonen die Notwendigkeit sozialer Inklusion. Solche Bemühungen beginnen Früchte zu tragen.

Rund um das chinesische Neujahr lockt Jakartas Chinatown mit seinen buddhistischen Tempeln, Essensständen und Löwentänzen Indonesier jeglicher Herkunft zum Feiern herbei. Es hilft, dass die Regierung das chinesische Neujahr vor 20 Jahren zu einem Nationalfeiertag erklärt hat.

Zudem betont die Regierung gerne Indonesiens „Exotik”. Tourismusbroschüren propagieren das Bild einer extravaganten, bunten, unkonventionellen „Andersartigkeit“ – ein zweischneidiges Schwert, da der positive Begriff des „Exotischen“ und der negative Begriff des „Andersseins“ verschmelzen.

Indonesien profitiert vielfach von seiner kulturellen Vielfalt. Es spielt aber eine Rolle, ob man diese hervorhebt oder auch sicherstellt, dass jene, die diese Traditionen leben, andere Gruppen als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft akzeptieren. Die Bevölkerung muss diese Gleichberechtigung auf den rund 6000 bewohnten Inseln des Landes auch leben.


Edith Koesoemawiria ist freie Journalistin.
[email protected]

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