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Gesundheitssystem

Simbabwe in den Zeiten der Cholera

von Anne Jung
Der Zerfall des Gesundheitssystems in Simbabwe, der derzeit in der Cholera-Epidemie gipfelt, war vorhersehbar und vermeidbar. Schon 2006 warnten lokale Gesundheitsorganisationen vor der Seuche und baten die Regierung um präventive Maßnahmen. Die Warnungen verhallten unerhört, der Elite des Landes ging es bereits mehr um den Machterhalt als um die Grundbedürfnisse der Bevölkerung. Nun demonstrieren Vertreter der Zivilgesellschaft gegen eine Politik, die die Epidemie nicht eindämmt, sondern die Ursache ins feindliche „Außen“ verlagert und so den Tod hunderter Menschen mitverantwortet. [ Von Anne Jung ]

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprach Mitte Februar 2009 von fast 70 000 an Cholera erkrankten Menschen in Simbabwe. 3500 Menschen sollen bereits an der bakteriellen Durchfallerkrankung, die den Körper austrocknet, gestorben sein. Mit Beginn der Regenzeit wird sich die Zahl der Infizierten verdoppeln, schätzt die WHO. Das ist bescheiden geschätzt, denn viele Erkrankte werden in keiner Statistik erfasst. Da Kliniken geschlossen wurden, sterben viele zuhause, unbemerkt von der Außenwelt. Aus den ländlichen Regionen gibt es kaum Informationen, das Kommunikationsnetz funktioniert schlecht und viele Gegenden sind wegen Benzinmangels nicht erreichbar. Auch ist die Berichterstattung politisch eingeschränkt: Die jüngst eingeführte Akkreditierungs-Gebühr von bis zu 22 000 Euro jährlich für ausländische Medien wird die Lage auch nicht erleichtern.

Vielfältige Ursachen

Untypischerweise brach die Cholera im Sommer 2008 in der Trockenzeit aus. Die Epidemie hat sich rasant verbreitet und inzwischen auch die Nachbarländer Sambia, Mosambik, Botswana und Südafrika erreicht. Ausgelöst wurde sie durch Wassermangel, der eintrat, nachdem die Regierung die öffentliche Wasserversorgung in der Hauptstadt Harare und anderen Städten ohne Vorwarnung unterbrach. Robert Mugabes Regierungspartei ZANU-PF (Zimbabwe African National Union) hatte 2006 die gut funktionierende städtische Wasserversorgung in nationale Verantwortung übergeben, um die staatlichen Gewinne zu erhöhen. Seither wurden die maroden Leitungen kaum gewartet. Auch die Müllabfuhr arbeitet vielerorts nicht mehr. Der Müll verseucht das Wasser, Flüsse treten über die Ufer. Wenn die Regenzeit beginnt, wird das verkeimte Wasser in den Lebensraum der Bevölkerung sickern – das sind zwei der Gründe, warum Bewohner der dicht besiedelten Städte von der Epidemie stärker betroffen sind als die Landbevölkerung. Denn dort gibt es in einigen Provinzen noch Brunnen mit sauberem Trinkwasser.

Die ökonomische Krise im Land schwächt die Menschen auch gesundheitlich; es droht eine Hungersnot. Schon jetzt steigt wegen Unter- und Mangelernährung die Kinder- und Müttersterblichkeit. Nur noch ein Prozent der HIV-Infizierten und Aids-Kranken kommt an Medikamente. Da auch Kondome Mangelware sind, steigt die Infektionsrate wieder. Durch AIDS bedingte Immunschwäche und Mangelernährung machen Cholera gleichermaßen zu einer tödlichen Krankheit. Üblicherweise sterben bei einem Cholera-Ausbruch weniger als ein Prozent der Betroffenen – in Simbabwe sind es fünf Prozent.

Ohnehin hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung in den vergangenen 20 Jahren durch die hohen HIV und Aids-Raten bei jungen Erwachsenen in Simbabwe halbiert. Inzwischen liegt die Lebenserwartung bei 34 Jahren für Männer und 37 Jahren für Frauen – und ist damit die niedrigste der Welt.

Fast alle staatlichen Krankenhäuser des Landes sind geschlossen, es gibt nur selten Strom, vor allem fehlen Medikamente. Durch die Hyperinflationsrate von mehr als einer Milliarde Prozent sind die staatlichen Gehälter so niedrig, dass es bereits einen Monatslohn kosten würde, zur Arbeit zu fahren. Weder Personal noch Patienten schaffen es daher bis in die wenigen geöffneten Kliniken.

Leicht vorstellbar, dass sich die Situation weiter zuspitzen wird, zumal von Regierungsseite wenig zu erwarten ist. Bislang kündigte sie lediglich eine Aufklärungskampagne an. Eine Studie der internationalen Ärzte für Menschenrechte (Physicians for Human Rights) kommt zu dem Ergebnis, dass die Regierung den Cholera-Ausbruch durch unterlassene Hilfeleistung und Verharmlosung maßgeblich mitverschuldet. Darüber hinaus instrumentalisiert sie die Epidemie für politische Zwecke. Der ehemalige Informationsminister Sikhanyiso Ndlovu warf der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien vor, die Cholera gezielt ins Land gebracht zu haben. Die Agentur AFP zitiert ihn im Dezember 2008: „Die Cholera ist eine kalkulierte, rassistische Attacke auf Simbabwe, verübt durch die reuelose ehemalige Kolonialmacht, unterstützt von den amerikanischen und europäischen Verbündeten und verbunden mit dem Ziel, in unser Land einzudringen.“ Afrikanische Intellektuelle wiesen dies als „Angriff auf die menschliche Intelligenz“ zurück (www.pamazuka.org). Doch es ist wichtig, diesen bis heute wirkenden antiwestlichen Reflex genauer zu betrachten.

Privatisierung von Gesundheitssystemen

Vor 20 Jahren investierte Simbabwe noch in das staatliche Gesundheitssystem. Das Musterbeispiel für eine partizipativ ausgerichtete Basisgesundheitsversorgung (Primary Health Care) sicherte allen Menschen gesunde Lebensbedingungen und Versorgung im Krankheitsfall.

Dann kamen die Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank, die Präsident Robert Mugabe und die simbabwische Regierung zu drastischen Einschnitten in der sozialen Infrastruktur zwangen, vor allem im Gesundheitsbereich. Bis 1999 stiegen die privaten Gesundheitskosten für Patienten um 150 Prozent. Die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich, gut ausgebildetes Gesundheitspersonal verließ das Land. Vor allem Großbritannien rekrutierte diese Leute regelrecht, denn in Folge der neoliberalen Privatisierungspolitik wuchs der Bedarf nach billigen Arbeitskräften im britischen Gesundheitswesen. 2008 waren nur noch 200 bis 300 ausgebildete Ärzte und Ärztinnen im Land.

In den 1980er Jahren galt das Gesundheitssystem als vorbildlich; 85 Prozent der Bevölkerung hatten Zugang zu medizinischer Versorgung in nächster Nähe. Durch den brain drain in Simbabwe und anderen afrikanischen Ländern verschlechterte sich die ärztliche Versorgung. Als die simbabwische Regierung Anfang der 1990er Jahre Investitionen im Gesundheitsbereich fast gänzlich einstellte, brach das öffentliche Gesundheitswesen zusammen. Nun hat nur noch eine privilegierte reiche Minderheit Zugang zu Gesundheit – die Preise sind exorbitant hoch; schon eine einfache ärztliche Behandlung braucht das durchschnittliche Jahresgehalt auf.

Je weniger das Recht auf Gesundheit in Simbabwe gewährleistet ist, desto erfolgreicher sind selbsternannte Heiler und religiöse Prediger – darunter evangelikale Pfingstkirchen – darin, der verzweifelten Bevölkerung das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen. Das Geschäft mit dem Glauben gehört zu den wenigen gewinnträchtigen Branchen des Landes.

Lokale Gesundheitsbewegung

Gesundheitsorganisationen wie die Community Working Group on Health (CWGH) oder die Zimbabwe Association of Doctors for Human Rights (ZADHR) thematisieren Missstände, die offiziell negiert werden. Das ist riskant. Immer wieder werden Proteste gegen Schließung von Kliniken und Medikamentenmangel gewaltsam beendet. Dennoch setzen sich Basis-Gesundheits-Organisationen gemeinsam mit der Zivilgesellschaft – mit Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern, Gewerkschaften, Frauenorganisationen, Kirchen, Händlern aus dem informellen Sektor und mit Menschenrechtsgruppen – aktiv gegen den Zusammenbruch des Gesundheitssystems ein.

Neben Protesten und Appellen an die Regierung versuchen sie durch Gesundheitsaufklärung und frühzeitige Behandlung die Verbreitung von Seuchen zu verhindern. Da es auf dem Land kaum mehr medizinisches Fachpersonal gibt, wissen viele nicht, wie Krankheiten vermieden und behandelt werden können. Die vor Jahren in den Provinzen gegründeten lokalen Komitees, denen neben Aktivisten und Fachpersonal auch gewählte und traditionelle Vertreter der Gemeinden angehören, arbeiten eng mit der Bevölkerung zusammen. Ihrer Ansicht nach darf Gesundheit kein Privileg für die Wenigen sein, die teure Privatpraxen besuchen können.

Der Ausbruch der Cholera konnte nicht verhindert werden. Aber zumindest in einigen Regionen gelang es den über 400 Gesundheitsarbeiterinnen und -arbeitern durch ihre Aufklärungsarbeit die weitere Aus­breitung einzudämmen. Unterstützt wurden die Komitees von internationalen NROs.

Ambivalente Rolle der NROs

Die Leerstelle, die der Staat hinterließ, als er sich aus seiner sozialen Verantwortung zurückzog, füllten in Simbabwe (wie auch in anderen afrikanischen Ländern) oft NROs und supranationale Strukturen aus. Leider ignorieren sie dabei oft die bestehenden Strukturen und bauen Parallelstrukturen auf, die die Eigeninitiative der Bevölkerung vielerorts lähmen. Die Gemeinden seien in alle Nothilfemaßnahmen zur Cholera-Bekämpfung einzubeziehen, forderte daher die CWGH in einem offenen Brief an die WHO: „Simbabwer/innen sind mehr als die Anzahl der Cholera-Fälle oder Gestorbene. Wir sind Menschen, die auf eine zunehmend schwierige Situation reagiert haben, die sich für das Recht auf Gesundheit einsetzen und die im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen sollten, das System zu erneuern.“

Das sollte die Entwicklungs­zu­sam­men­ar­beit generell berücksichtigen. NROs können weder kurzfristig noch dauerhaft ein funktionierendes Gesundheitssystem ersetzen. Ohne eine Lösung der politischen Konflikte ist das Gesundheitssystem weder in Simbabwe noch in anderen Ländern wieder aufzubauen.