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Wiederaufbau

„Zehn Übungsbücher für 50 Schüler“

von Fidelis Adele

Hintergrund

Ebola hat sich verheerend auf Schulen ausgewirkt: Teilnahme an per Radio übertragenem Unterricht im Februar 2015.

Ebola hat sich verheerend auf Schulen ausgewirkt: Teilnahme an per Radio übertragenem Unterricht im Februar 2015.

Sierra Leone hat Fortschritte dabei gemacht, vielen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Es bleibt aber noch viel zu tun. Das Bildungswesen braucht mehr Mittel.

Grundschulbildung für alle Kinder im ent­sprechenden Alter war das UN-Millenniumsziel 2 (MDG2 – Millennium Development Goal 2). Zur Bewertung der Lage in Sierra Leone sagt ein Mitarbeiter des UNDP, der seinen Namen nicht in der Presse lesen will, es sei nicht komplett erreicht worden, aber gestiegene Einschulungsraten in Primar- und Sekundarstufe seien positiv. Wegen unzureichender Statistiken bleibe es jedoch „recht schwer“, dem Land vollen Erfolg zu bescheinigen.

Sierra Leones Wirtschaft ist den vergangenen Jahren gewachsen, aber die Narben des zehnjährigen Bürgerkriegs, der offiziell 2002 zu Ende ging, sind noch deutlich zu sehen. Das Bildungswesen, das ohnehin schon schwach war, wurde zerstört. Aufeinanderfolgende Nachkriegsregierungen machten dann Bildung zur Priorität, um MDG2 zu erreichen, und beschlossen dafür Reformen und Pläne. 2004 wurde das Bildungsgesetz verabschiedet und 2007 das Gesetz über die Rechte von Kindern. In Sierra Leone leben rund 6 Millionen Menschen, von denen 42 Prozent jünger als 15 sind.

Die Ebola-Krise hat die Probleme verschärft, denn Behörden und zivilgesellschaftliche Organisationen mussten eine neue, tödliche Gefahr eindämmen. Die Schulen blieben monatelang geschlossen.

Grundsätzlich besteht heute Schulpflicht, aber selbst in nicht von Ebola geprägten Zeiten gehen viele Kinder nicht zum Unterricht. Michael Turay vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Technik sagt, 2011 seien 48 Prozent der Mädchen und 50 Prozent der Jungen tatsächlich Schulkinder gewesen. Aktuellere Daten sind nicht zuverlässig. Die Quoten mögen Ausländern niedrig erscheinen, aber es ist zu bedenken, dass der Krieg das Schulwesen auf null zurückgesetzt hatte.

Aus Sicht Turays waren die Zahlen von 2011 beachtlich – und besser als die Kennzahlen für andere MDGs. 1,2 Millionen Schulkinder seien angemeldet gewesen, fast ein Drittel mehr als im Jahr zuvor. „Wir haben das MDG vielleicht nicht erreicht“, sagt er, „aber wir sind stolz, dass wir so weit gekommen sind.“

Ein Problem ist allerdings, dass viel mehr Kinder die Schule beginnen als abschließen. Für Thomas Dicksen, einen Zeitungsredakteur, ist das eine von zwei „unüberwindlichen Herausforderungen“. Die andere sei die geringe Unterrichtsqualität.

60 Prozent Analphabeten

„Die Analphabetenquote beträgt in Sierra Leone noch immer 60 Prozent“, sagt William Sao Lamin von der zivilgesellschaftlichen Organisation Health Alert. Dabei könnten auch viele, die offiziell nicht zu den Analphabeten gezählt werden, nur schlecht lesen. Er meint, größere Anstrengungen hätten gemacht werden müssen, um die Qualität der Grundschulen anzuheben und die Abbrecherquoten zu senken.

Ibrahim Tommy beurteilt die Lage ähnlich. Er leitet das nichtstaatliche Centre for Accountability and Rule of Law und urteilt, Staat und Gebergemeinschaft müssten die Bildungsausgaben steigern. Zudem fordert er die Dezentralisierung der Verantwortung für Schulen auf die lokale Ebene, um sicherzustellen, dass Ressourcen effizient genutzt werden und Bücher und andere Unterrichtsmaterialen pünktlich zur Verfügung stehen.

Generell fordern zivilgesellschaftliche Organisationen, Staat und Geber sollten mehr tun, damit Sierra Leone das MDG2 so bald wie möglich erreicht. Manche Eltern finden die kostenfreien staatlichen Schulen nicht gut genug. Wenn sie es sich leisten können, schicken sie ihren Nachwuchs auf Privatschulen. Sie zahlen viel Geld für zuverlässig guten Unterricht.

Leider haben die Schulen generell zu wenig Mittel. Abdul Bundu leitet eine Grundschule in Freetown und sagt, er habe nicht genug Text- und Übungsbücher. „Wir haben nur zehn Übungsbücher für eine Klasse mit 50 Schülern.“

Es herrscht auch Raumnot. Rebecca Kanu unterrichtet an einer staatlichen Schule und klagt, die Kinder könnten nicht gut aufpassen, weil sie eng gedrängt ohne geeignete Möbel in kleinen Zimmern zusammen hockten. „Das belastet uns seit mehr als einem Jahrzehnt“, sagt sie. Was der Staat bereitstelle, halte mit den steigenden Einschulungsraten nicht Schritt.

Defizite gibt es auch bei der Lehrerbezahlung. Zainab Kamara leitet an einer weiteren Grundschule ein Team von 13 Lehrkräften. Die meisten seien ausgebildet und qualifiziert, aber nicht alle würden vom Staat bezahlt. „Die, die kein staatliches Gehalt bekommen, werden mit Schulgebühren entlohnt.“ Allerdings zahlen die Eltern nicht zuverlässig, so dass auch die Lehrkräfte ihr Geld oft nicht pünktlich oder nur unvollständig bekommen.

Grundsätzlich hat die Regierung allen Kindern in der Schule Gratis-Mahlzeiten versprochen. Schulspeisung wäre auch ein wichtiger Anreiz, um alle angemeldeten Kinder in der Schule zu behalten. Allerdings wird diese Politik nicht überall implementiert. Kamara sagt nur: „Es läuft nicht.“

Laut PR-Mann Turay aus dem Bildungsministerium organisiert das World Food Programme (WFP) Schulspeisung für rund 267 000 Kinder in Teilen von Sierra Leones Südost- und Nordprovinzen, der Catholic Relief Service (CRS) versorgt 28 000 Kinder im Koinadugu District. Das WFP habe aber nicht die Mittel, um alle Grundschulkinder in Sierra Leone zu beköstigen, und die Regierung müsse noch die nötigen Strukturen schaffen, um landesweite Schulspeisung zu ermöglichen.

Dafür sind ihm zufolge umgerechnet 13 Millionen Dollar nötig. 10 Millionen werde die Regierung aufbringen, der Rest werde von Gebern kommen. Der Beamte stellt klar, dass Schulspeisung nicht von MDG2 gefordert wird. Die Regierung werde aber dafür sorgen, um Kinder in den Schulen zu halten.

Turay sagt auch, die Regierung stelle seit langem mit einer Taskforce Lehr- und Unterrichtsmaterialien bereit. Dieser Taskforce gehörten die Antikorrup­tionskommission, das Büro für nationale Sicherheit sowie die Kreis- und Gemeindeverwaltungen an. „Die Verteilung der Materialien beruht auf den jährlichen Anmeldezahlen jeder Schule, und jedem Schüler steht pro Fach ein Schulbuch zu“, sagt Turay. Er räumt aber ein, dass es kein systematisches Monitoring durch das Ministerium gibt.

Beobachtern ist klar, dass Sierra Leones Institutionen weiterhin tendenziell überfordert sind. Dass noch viel getan werden muss, ist Konsens. Die Arbeitsbedingungen der Lehrerschaft müssen besser werden – gerade auch hinsichtlich der Bezahlung, und zwar vor allem im ländlichen Raum. Andererseits sollten auch die Lehrleistungen gemessen werden. Nötig sind obendrein Anreize, um sicherzustellen, dass alle Kinder – und vor allem die Mädchen – die Schule auch abschließen.

International waren die MDGs ein großer Erfolg, auch wenn sie nicht komplett erreicht wurden. In Sierra Leone hat MDG2 viel bewirkt, auch wenn es nicht wie erhofft 2015 erreicht wurde. Mittlerweile haben die UN neue Sustainable Development Goals (SDGs) beschlossen, die auf den MDGs aufbauen. Es ist aber Konsens, dass die MDG-Agenda abgeschlossen werden muss.

Sierra Leones Bildungsminister Minkailu Bah gibt sich zuversichtlich, dass das geschehen wird: „Auch wenn das Grundschulszenario in Sierra Leone in verschiedener Hinsicht schwierig bleibt, können wir in den nächsten 15 Jahren auf dem bescheidenen Erfolg, den wir bislang hatten, aufbauen und ihn verstetigen.“ Ihm zufolge wird das Land auch mit Blick auf die SDGs vorankommen.


Fidelis Adele arbeitet als Journalist in Freetown.
[email protected]

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