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Oxfam-Skandal

#MeToo in der Entwicklungspolitik

von Sabine Balk

Meinung

Nach dem schweren Erdbeben 2010 waren Frauen in Haiti besonders in Not. Dies nutzten Oxfam-Mitarbeiter aus und feierten ausgiebige Sex-Partys mit Prostituierten.

Nach dem schweren Erdbeben 2010 waren Frauen in Haiti besonders in Not. Dies nutzten Oxfam-Mitarbeiter aus und feierten ausgiebige Sex-Partys mit Prostituierten.

Ein Skandal um sexuelle Ausbeutung in Haiti erschüttert Oxfam. Die acht Jahre zurückliegenden Geschehnisse sind völlig unakzeptabel, und der Umgang der wohltätigen Organisation damit wirft Fragen auf. Leider wird der Vorfall im Vereinigten Königreich gegen die Entwicklungspolitik instrumentalisiert.

Der Oxfam-Skandal ist ein gefundenes Fressen für Rechtskonservative. Sie lachen sich ins Fäustchen, weil die vermeintlichen Gutmenschen nicht so gut sind, wie sie vorgeben. Vor einigen Tagen wurde publik, dass Mitarbeiter der internationalen nichtstaatlichen Organisation (non-governmental organisation – NGO) während ihres Einsatzes nach dem Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 heimische Frauen – darunter wohl auch Minderjährige – für Sex-Partys bezahlten. Dort ist Prostitution illegal.

Was sagt das über Oxfam aus? Erst einmal nur, dass sich bestimmte Individuen falsch verhalten haben. Jedenfalls sind die Vorfälle unentschuldbar, was auch alle Oxfam-Manager sagen. Die Vizechefin Penny Lawrence übernahm die Verantwortung und trat zurück. Die deutsche Oxfam-Chefin Marion Lieser teilt mit, dass das Vorgefallene „im krassen Widerspruch zu allem steht, wofür Oxfam sich starkmacht. Es ist nicht zuletzt ein Schlag ins Gesicht für die vielen Menschen, die Oxfam mit Geld, Zeit oder Sachspenden unterstützen.“

Da Oxfam moralisch hohe Ansprüche vertritt, muss sich die NGO jetzt unangenehme Fragen über den Umgang mit der Affäre gefallen lassen. Der Führungsspitze waren die Vorfälle in Haiti bekannt. Sie nahm sie sogar in einem Untersuchungsbericht 2011 unter die Lupe, äußerte sich aber nicht öffentlich dazu.

Allerdings zog Oxfam wohl Konsequenzen und entließ vier beschuldigte Mitarbeiter. Weitere Angestellte kamen ihrer Entlassung durch Kündigung zuvor. Allerdings wurde die örtliche Polizei nicht eingeschaltet. Jetzt bemüht sich die Oxfam-Spitze um Schadensminimierung. Sie versicherte, es sei ihr sehr ernst damit, ihre Organisationskultur zu verbessern. Man werde eine unabhängige Untersuchungskommission bilden, die sexuelle Gewalt und Ausbeutung bei Oxfam genau unter die Lupe nehmen wird. Außerdem will Oxfam „Geld und Kapazitäten für den sofortigen Ausbau von Maßnahmen zum Schutz vor Belästigung, Ausbeutung und sexuellem Missbrauch“ bereitstellen.

Ob das das angekratzte Image retten kann, wird sich zeigen. Gewiss ist aber, dass der Skandal nicht nur Oxfam, sondern allen Hilfswerken und der gesamten Entwicklungspolitik schadet. Die britische Regierung und die EU-Kommission prüfen sogar, ob sie Oxfam weiter finanziell unterstützen. Oxfam bezieht fast die Hälfe seines jährlichen Gesamtbudgets von 461 Millionen Euro aus Steuermitteln. Der Rest kommt von privaten Spendern, von denen viele nun zutiefst enttäuscht und verunsichert sind. Dass angeblich kein Spendengeld für Sex geflossen ist, tröstet nur wenig.

Und wenn derlei bei einer großen Organisation wie Oxfam passiert, wie sieht es dann bei den vielen kleinen NGOs aus? Rechtskonservative Kräfte erkennen nun strukturelle Mängel der Entwicklungshilfe (official development assistance – ODA). In der Tat gibt es neben Haiti weitere Vorwürfe sexuellen Missbrauchs von Oxfam-Mitarbeitern im Tschad und sogar in britischen Oxfam-Läden. Auch Ärzte ohne Grenzen und Mitglieder anderer NGOs haben nun sexuelle Übergriffe von Mitarbeitern oder Kollegen öffentlich gemacht.

Die Oxfam-Affäre ist ein gefundenes Fressen für Entwicklungshilfe-Gegner. Britannien gehört zu den wenigen Industrieländern, die das jahrzehntealte UN-Versprechen erfüllen, 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung für ODA aufzuwenden. Der Tory-Rechtsaußen Jacob Rees-Mogg fordert bereits, statt Entwicklungshilfe mehr Geld für Bedürftige im eigenen Land auszugeben.

Um Wind aus den Segeln dieser Leute zu nehmen, ist eine neue Kultur der Offenheit nötig. Sexuelle Übergriffe sind nirgends tolerierbar. Das gilt für die Filmwirtschaft und andere Branchen ebenso wie für Politik, Kirchen und zivilgesellschaftliche Organisationen. Sicherlich ist menschliches Fehlverhalten nicht komplett zu verhindern – besonders in Situationen, in denen zwischen Menschen ein großes Macht- und Finanzgefälle besteht.

Dass manche Frauen und Mädchen in armen Ländern hoffen, dem Elend durch eine Ehe mit einem Ex-Pat zu entfliehen, macht die Dinge nicht leichter. Gerade entwicklungspolitische Akteure müssen vorbeugend handeln – und Plattformen schaffen, wo Opfer ohne Angst Vorfälle melden können. Hoffentlich geht Oxfam nun mit gutem Beispiel voran.


Sabine Balk ist Redakteurin von E+Z/D+C.
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