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Alterung und soziale Sicherheit

Afrikas Senioren

von Florian Jürgens

Hintergrund

Bezieher der Grundrente auf Sansibar im Jahr 2018.

Bezieher der Grundrente auf Sansibar im Jahr 2018.

Die Zahl der älteren Menschen wird in Afrika in den kommenden Jahren so schnell wachsen wie nirgendwo sonst. Das stellt den Kontinent vor enorme Herausforderungen. Wichtig ist deshalb die Einführung von steuerfinanzierten Grundrenten.

Afrika ist ein Kontinent der Jugend: Das Medianalter liegt derzeit bei 19 Jahren, während es in Europa 43 und in Asien 32 Jahre beträgt. Doch das wird sich ändern. In den kommenden Jahrzehnten wird sich der Anteil der älteren Menschen in Afrika immer mehr dem der Industrieländer annähern. Das erscheint zunächst überraschend, doch diese Veränderung kündigt sich seit längerem an. Seit 40 Jahren steigt der Anteil der älteren Menschen in Afrika, und dieser Trend wird sich beschleunigen. 2050 wird es voraussichtlich mehr als drei Mal so viele Über-60-Jährige geben wie 2017 – ein Anstieg von 69 Millionen auf 226 Millionen (siehe auch Alisa Kaps im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Paper 2020/04).

Für einige Länder ist eine alternde Bevölkerung bereits Realität. So liegt der Anteil der Über-65-Jährigen in Tunesien und Mauritius bei etwa sieben Prozent und damit doppelt so hoch wie vor 20 Jahren. Ähnlich ist es in Botswana, Südafrika und Libyen.

Die Lebenserwartung auf dem afrikanischen Kontinent ist immer noch niedriger als auf jedem anderen Erdteil, aber gleichzeitig wurden hier im weltweiten Vergleich die größten Fortschritte der vergangenen zwei Jahrzehnte erzielt. Nach UN-Angaben ist die Lebenserwartung bei Geburt zwischen 2000 und 2005 sowie zwischen 2010 und 2015 um mehr als sechs Jahre gestiegen. Durch Verbesserungen in der Armutsbekämpfung und der Gesundheitsversorgung dürfte sie sich zwischen 2045 und 2050 auf 71 Jahre erhöhen (von 60 Jahren zwischen 2010 und 2015).


Lebenserwartung

Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt wird maßgeblich durch die hohe Kindersterblichkeit beeinflusst und sagt deshalb wenig über das Überleben der älteren Erwachsenen aus. Ein besserer Indikator ist die Lebenserwartung mit 60 Jahren: Ein heute 60-jähriger Afrikaner kann im Durchschnitt mit 17 weiteren Lebensjahren rechnen.

Neben dem Überleben geht es aber auch um die Lebensqualität. Denn es ist ein Unterschied, ob die zusätzlichen Jahre bei guter oder schlechter Gesundheit erlebt werden. Die Weltgesundheitsorganisation  misst deshalb die Healthy Life Expectance (HALE), die gesunde Lebenserwartung. Diese steigt weltweit an, aber vielerorts nicht im selben Maße wie die Lebenserwartung. Das heißt, die Zahl der Menschen, die ihr Alter bei schlechter Gesundheit erleben, wird wohl zunehmen. In Kenia zum Beispiel ist die Kluft zwischen der Lebenserwartung von Frauen und Männern mit 60 und die HALE mit 60 zwischen 2000 und 2015 gewachsen.
 

Änderung der Einstellung

Der demografische Wandel berührt alle gesellschaftlichen Bereiche, vom Zugang zu altersgerechter Gesundheitsversorgung über die Unterstützung wirtschaftlicher und sozialer Aktivitäten von Senioren bis hin zur Sicherung eines regelmäßigen Einkommens in Form einer Rente. Arme und reiche Länder stehen vor derselben Herausforderung: Sie müssen Systeme entwickeln, die ein menschenwürdiges Altern ermöglichen. Die Gesellschaften müssen sich an die Alterung der Bevölkerung anpassen, denn es geht dabei um die Bedürfnisse von Millionen von Menschen. Angesichts des noch überwiegend jungen Alters der afrikanischen Bevölkerung überrascht es allerdings nicht, dass diese Frage meist noch nicht ganz oben auf der Agenda der Regierungen steht.

Noch ist Zeit, von den Erfahrungen anderer zu lernen, vor allem von asiatischen Ländern, denen die Anpassung von Politik und Sozialsystemen gelungen ist. Jetzt ist auch die Zeit gekommen, Altersdiskriminierung und Vorurteile gegenüber Älteren zu bekämpfen. In einer ugandischen Studie sagten 63 Prozent der befragten Senioren, dass sie Situationen erlebt hätten, in denen sie sich aufgrund ihres Alters nicht ernst genommen gefühlt hätten.

Vorurteile und Missverständnisse können dazu führen, dass eine Behinderung im Alter nicht erkannt, sondern als natürliche Begleiterscheinung des Alterns angesehen wird. Es braucht neue Narrative, die nicht nur widergeben, was ältere Menschen für die afrikanischen Familien, Gesellschaften und Volkswirtschaften leisten, sondern die auch anerkennen, dass die Menschenrechte auch für alte Menschen uneingeschränkt gelten.


Ausweitung der sozialen Sicherung

Aber wovon leben? Den meisten Menschen in Afrika fehlt im Alter ein sicheres Einkommen. Dieses während des gesamten Lebenszyklus zu gewährleisten, ist eine Kernaufgabe des Staates, denn es ist ein Menschenrecht – verankert in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und, auf regionaler Ebene, im Protokoll der Afrikanischen Union zur Afrikanischen Charta der Menschenrechte und der Rechte der Völker.

Die meisten Staaten nutzen als Mechanismus für ein sicheres Einkommen im Alter die Rente. Weltweit erhalten 68 Prozent der älteren Menschen eine Rente, jedoch sind es in Subsahara-Afrika nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation  unter 30 Prozent. Und beitragspflichtige Rentensysteme, die auf einer formellen Beschäftigung basieren, decken in Afrika nur einen sehr geringen Prozentsatz der älteren Menschen ab, denn die meisten Afrikaner gehen keiner formellen Beschäftigung nach.

Dies zu ändern, wird ein langer Weg: Nur etwa sechs Prozent der Arbeitnehmer in Subsahara-Afrika zahlen Rentenbeiträge. Während die wenigen Besserverdienenden im Alter von Ersparnissen, Vermögen oder familiärer Unterstützung leben können, haben die meisten Afrikaner sogar in ihren produktivsten Jahren nur geringe und unzuverlässige Einkommensquellen. Besonders benachteiligt sind ältere Frauen. Nach einem von Diskriminierung und unbezahlter Arbeit geprägten Leben bleiben die meisten von ihnen auch im Alter sozial und wirtschaftlich in der Abhängigkeit.

Die gute Nachricht ist, dass immer mehr afrikanische Länder steuerfinanzierte Grundrenten einführen. Vor allem das östliche und das südliche Afrika haben eine lange Tradition von steuerfinanzierten Grundrenten. Das älteste dieser Systeme ist der 1927 in Südafrika eingeführte Old Age Grant. Es folgten Namibia (1942), Botswana (1996), Lesotho (2004) und Swasiland (2005). Kleine Inselstaaten wie Mauritius und die Seychellen haben ebenfalls schon seit vielen Jahren Grundrenten, die 1950 beziehungsweise 1979 eingeführt wurden.

Jüngste Beispiele sind Kenia (2018), dessen universelle Grundrente fast eine Million ältere Menschen erreicht, und die Insel Sansibar im Jahr 2016 (siehe Hintergrundbox). Ugandas Senior Citizens Grant erreicht 348 000 ältere Menschen und wird derzeit landesweit eingeführt, um weitere 200 000 ältere Ugander zu integrieren.

Der Bezug einer Rente kann das Leben drastisch verändern. Krankheiten – vor allem chronische – und Behinderungen machen das Älterwerden zu einer kostspieligen Angelegenheit. Fast die Hälfte der Über-60-Jährigen hat irgendeine Form von Behinderung, und sowohl das Risiko als auch die Prävalenz der Behinderung steigen mit dem Alter.

Wie wichtig eine Rente ist, betonen ältere Menschen immer wieder selbst, doch es gibt auch objektive Anzeichen. Renten helfen ihnen nicht nur bei der Bewältigung ihres Alltags, sie steigern auch ihre Würde und Unabhängigkeit innerhalb ihrer Familien und Gemeinschaften. Besonders positive Auswirkungen hat die Auszahlung von Renten als Bargeldtransfers. Dadurch verbessert sich der Zugang älterer Menschen zur Gesundheitsversorgung und ihr allgemeines Wohlbefinden, denn sie haben einen besseren Zugang zu Lebensmitteln und sanitären Einrichtungen, ein höheres Selbstwertgefühl und mehr Würde, wie die Nichtregierungsorganisation HelpAge in einer Studie herausgefunden hat.

Aber nicht nur die Rentner selbst profitieren von einer Rente, sondern auch die mit ihnen im Haushalt lebenden Erwachsenen und Kinder. Zu den dokumentierten Vorteilen für Kinder gehören eine bessere Ernährung, eine höhere Schulbesuchsrate und weniger Kinderarbeit. Renten unterstützen auch die wirtschaftliche Entwicklung, denn sie tragen zur Steigerung des Haushaltseinkommens bei. Und schließlich stärken Renten auch die Rolle der Frauen: Sie können dazu beitragen, dass geschlechtsspezifische Ungleichheiten nicht ins Alter hineingetragen oder im Alter noch verstärkt werden.
 

Quellen

UN, 2019: World Population Prospects. The 2019 Revision.
https://population.un.org/wpp/Publications/

UN, 2019: World Population Ageing.
https://www.un.org/en/development/desa/population/publications/pdf/ageing/WorldPopulationAgeing2019-Highlights.pdf

ILO, 2018: Social protection for older persons. Policy trends and statistics 2017–19.
https://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---ed_protect/---soc_sec/documents/publication/wcms_645692.pdf

HelpAge, 2017: Cash transfers and older people’s access to healthcare. A multi-country study in Ethiopia, Mozambique, Tanzania and Zimbabwe.
http://www.helpage.es/silo/files/cash-transfers--.pdf

HelpAge, 2019: Impact Evaluation of the Zanzibar Universal Pension Scheme.
https://www.helpage.org/newsroom/press-room/press-releases/older-peoples-lives-transformed-in-zanzibar-through-pioneering-universal-social-pension-scheme/


Florian Jürgens ist Global Advisor – Social Protection bei HelpAge International..
[email protected]

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