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Sommer-Special

Integration verstehen

von Subhadra Kaul

In Kürze

Subhadra Kaul

Subhadra Kaul

Subhadra Kaul aus Indien ist 24 Jahre alt und kam nach bestandenem Soziologie­studium als weltwärts-Freiwillige nach Deutschland. Von Juni 2016 bis April 2017 arbeitete sie für das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in dem größten Flüchtlingsheim von Köln. Hier berichtet sie über ihre Erfahrungen.

Es dauerte ziemlich lange bis ich meine Rolle im Flüchtlingsheim fand. Ich arbeitete in einem Übergangslager mit ungefähr 600 Menschen, hauptsächlich Familien, die darauf warteten, dass ihre Papiere ihren bürokratischen Weg gehen. Für sie war es ein langer und endloser Prozess, der zwischen drei Monaten und zwei Jahren dauerte. Während dieser Zeit war das Flüchtlingsheim ihr Zuhause und ein Vorbereitungsort für ein neues Leben außerhalb des Heims.

Ich assistierte bei den alltäglichen Programmen. Es gab eine Betreuungseinrichtung für Kinder zwischen drei und 12 Jahren und einen Jugendraum (für Kinder zwischen 12 und 18 Jahren). Die Kinder konnten Deutsch lernen, ihre Hausaufgaben machen und spielen. Es handelte sich um ein Integrationsprojekt auf kleinstem Raum, in dem die Kinder das deutsche Leben kennenlernten.

Mit der Zeit entwickelte ich eine enge Beziehung mit den neun bis 12 Jahre alten Mädchen. Ich bemerkte wie sie rastlos wurden und sich in der Einrichtung fehl am Platz fühlten. Sie befanden sich in einem schwierigen Alter: Sie waren zu groß für die Tagesbetreuung, aber noch nicht alt genug für den Jugendraum. Auf dem einzigen Platz draußen hingen viele Männer herum, die rauchten, redeten oder sich einfach die Beine vertraten.

Daher entschloss ich mich, das „Mädchen-Projekt“ zu beginnen, um die Mädchen an einem Ort zusammenzubringen, an dem sie unter sich sein konnten. Sie begeisterten sich sehr für Bollywood, sodass ich anfing, Bollywood-Tänze mit ihnen zu üben. Sie brauchten einige Zeit, um sich ans Tanzen zu gewöhnen. Als es soweit war, hat es großen Spaß gemacht, zu sehen, wie sie sich öffnen und voneinander lernten. Die kurdischen Mädchen zeigten mir auch Tanzschritte, die sie von zu Hause kannten.

Viele junge Frauen hatten gemischte Gefühle gegenüber Deutschland. Einige empfanden es als befreiend, dass sie den Hidschab nicht mehr in der Öffentlichkeit tragen mussten, andere entschieden sich ihn weiter zu tragen. Die Tatsache, dass sie frei wählen dürfen, ist entscheidend und wichtiger als was die Frauen dann tatsächlich machen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich es zu Beginn schwierig fand, Freunde zu finden. Aber irgendwann wurden meine Kollegen zu Freunden und eine wichtige Stütze für mich. Für die Flüchtlinge war es auch schwierig, einen regelmäßigen Kontakt mit Deutschen aufzubauen. Zu einer sozialen Gruppe zu gehören ist ein Grundbedürfnis für die meisten Menschen. Ein Student den ich traf, brachte einem syrischen Mann ehrenamtlich Deutsch bei. Später, als er nicht mehr genügend Zeit zum Unterrichten hatte, haben die zwei sich ab und zu getroffen und zusammen gekocht oder miteinander geredet. In meinen Augen ist das gelebte Integration.

In Deutschland habe ich erfahren wie Arbeit wertgeschätzt und respektiert wird. Die indische Gesellschaft ist gelinde ausgedrückt sehr vom Kastensystem beeinflusst. Sie muss noch einen weiten Weg gehen, wenn es um die Wertschätzung von Arbeit geht, sei es zu Hause, zwischen Ehepaaren oder im Beruf.

Seit Kanzlerin Angela Merkel die Grenzen 2015 öffnete, wurde die Integration der Flüchtlinge in Deutschland heiß debattiert. Aber Syriens Nachbarländer Türkei und Jordanien haben weit mehr Flüchtlinge aufgenommen als europäische Länder. Die Diskussionen über Flüchtlinge in Deutschland, bei denen es um Sicherheitsrisiken und die Aufnahmekapazität des Landes ging, hat viel mit der Politik Europas zu tun. Deutschlands Bevölkerung schrumpft und viele glauben, dass es langfristig vom demographischen Zustrom profitieren könnte.

Während eines Urlaubs in Dresden habe ich eine ausländerfeindliche Pegida-Demonstration gesehen. Auf der Rückfahrt nach Köln, fand ich es sehr ermutigend zu hören, dass es eine Solidaritätskundgebung mit Flüchtlingen gegeben hatte, auch als Gegengewicht gegen die rechtspopulistische AfD. Köln hat ein starkes Bündnis „Köln gegen Rechts“. Ich bin froh, dass wir als Freiwillige in einer so bunten und herzlichen Stadt wie Köln leben und arbeiten konnten.


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