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Massenmedien

„Mehr Tiefe“

von Eleonore von Bothmer

Hintergrund

An Internet café in Delhi: nowadays, it is a lot easier for citizens to make themselves heard

An Internet café in Delhi: nowadays, it is a lot easier for citizens to make themselves heard

In Ländern, in denen es keine stabile Demokratie gibt und wo die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist, hat mediale Teilhabe eine ganz andere Bedeutung als in Ländern wie Deutschland. „Bürgerjournalisten“ spielen eine immer größere Rolle, weil sie oft eine andere Perspektive einnehmen als professionelle Medienschaffende. Das Internet bietet ihnen viele Möglichkeiten dabei. [ Von Eleonore von Bothmer ]

Bürgerjournalismus diene vor allem dem Selbstausdruck, meint Werner D’Inka, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z), und sei deshalb eher mit Literatur verwandt als mit der seriösen Presse. Im Journalismus gehe es aber um mehr als „storytelling“, nämlich um Dinge wie etwa das Prüfen von Fakten. „Nachrichten sollten von professionellen Journalisten gemacht werden, nicht von Bürgern“, sagt D’Inka. Das sei eine „Frage der Qualität“.

Andere Medienschaffende sehen das anders. Gerade weil etablierte Medien relevante Information nicht immer transportieren und manche Regionen der Welt nur schlecht versorgen, werden Bürgerjournalisten gebraucht. Das ist weitgehender Konsens unter den Teilnehmern einer internationalen Podiumsdiskussion von F.A.Z. und InWEnt im April in Berlin.

Krisenrelevant

Astrid Kohl, Leiterin des Internationalen Instituts für Journalismus (IIJ) von InWEnt, bringt es auf den Punkt: „Bürgerjournalismus kann gerade in Entwick­lungsländern ein Gewinn für Minderheiten sein.“ Es kommt immer auf den politischen Kontext an. Joseph Ubalde aus den Philippinen nennt drei Bedingungen für das Gedeihen eines partizipativen Journalismus:
– zuverlässiger Internetzugang,
– schlechte Berichterstattung in den Medien und
– Unzufriedenheit mit der Regierung.

„Die Bürger würden nicht mitmachen, wenn sie zufrieden wären“, twittert Ubalde während der Veranstaltung, bei der digitale Kurzkommentare der Anwesenden auf eine „Twitterwall“ projiziert werden. Ein Kollege aus Uganda stimmt diesem Urteil zu: „In Krisenzeiten gewinnen Instrumente wie Facebook, SMS et cetera an Bedeutung.“ Das gelte besonders da, „wo es keine freie Presse gibt“.

Die hier eingesetzte Twitterwall steht beispielhaft dafür, was Bürgerjournalismus im Alltäglichen bedeuten kann. Wer früher auf derartigen Veranstaltungen nicht zu Wort gekommen wäre, kann seinen Kommentar nun sofort veröffentlichen. Die Dis­kussion beschränkt sich nicht mehr nur auf die Profis auf dem Podium, sondern ist offen für alle, die sich online artikulieren können und wollen. Nötig dafür sind freilich Laptop oder Smartphone mit Internetzugang.

Die Existenzberechtigung und Bedeutung des Bürgerjournalismus stellen die meisten Fachleute längst nicht mehr in Frage. „Bürgerjournalismus zwingt uns dazu, dahin zurückzukehren, wo Journalismus hingehört – zu den Themen, die für die einfachen Menschen wichtig sind“, so ein afrikanischer Teilnehmer.

Das ist in Indien nicht anders. „Bürgerjournalisten erzählen von Dingen, über die die klassischen Medien nie berichten würden. So werden Vorurteile abgebaut“, sagt Ritu Kapur, Executive Producer der „Citizen Journalist Show” von CNN-IBN Indien. „Es ist gut, wenn jemand von den Dingen berichtet, die ihn beschäftigen, denn meistens hat das auch eine Menge mit anderen Menschen zu tun.“

Chance für den Frieden

Saqib Riaz von der Fakultät für Medien und Kommunikation an der Universität von Islama­bad sieht in dieser neuen Art von Journalismus sogar ein friedensförderndes Potenzial (siehe auch Aufsatz von Rousbeh Legatis, Tribüne, S. 254). Pakistanische Bürgerjournalisten wollten beispielsweise keinen „Kalten Krieg“ mit Indien. Deshalb informierten sie ihre Landsleute – entgegen der offiziellen Sichtweise und dem herrschenden Trend in den Massenmedien – auch über positive Dinge aus dem Nachbarland.

Sein Institut ermutige Bürger, sich an öffentlichen Debatten zu beteiligen, sagt Riaz. Allerdings, schränkt der Medienwissenschaftler ein, gebe es natürlich auch ein Glaubwürdigkeitsproblem. Das von Laien eingesendete Material sei nur bedingt nutzbar. „Wir lassen Bürgerjournalisten niemals etwas allein veröffentlichen.“

Unumstritten ist unter Fachleuten, dass Bürgerjournalisten die ethischen Grundregeln des Medienwesens kennen und beherzigen sollten. So gehört es zu den wichtigsten Aufgaben von Journalisten, die Wahrheit zu suchen und zu erzählen, aber nicht dem ersten Eindruck zu vertrauen. „Dinge sind oft komplizierter, als sie erscheinen“, warnt Riaz.

Südafrikanische Erfahrungen

Solana Larson weiß, dass es auch im Bürgerjournalismus auf Qualität ankommt. Sie ist geschäftsführende Redakteurin von Global Voices. Das Motto dieser internationalen Gemeinschaft von Bloggern mit mehr als 200 Mitgliedern lautet: „The world is talking, are you listening?“

Es gebe natürlich „gute und schlechte Blogger“, so Larson. Das sei aber unter professionellen Medienschaffenden nicht anders. Bürgerjournalisten sorgten für die Verbreitung von Informationen, welche die konventionellen Medien vernachlässigen. Als Beispiele nennt sie Berichte von den Mapuche nach dem Erdbeben in Chile oder „nomad green“, eine Website, auf der mongolische Bürgerjournalisten beschreiben, welche Folgen der Klimawandel für ihr Leben hat.

Auch der Chefredakteur der südafrikanischen Tageszeitung „Grocott’s Mail“, Steven Lang, betont den Wert des Bürgerjournalismus. Er hat im vergangenen Jahr einen Newsroom eingerichtet, um dort journalistische Laien technisch und handwerklich fortzubilden. Seiner Erfahrung nach sind die schreibenden Bürger oft näher an den Themen als die professionellen Schreiber. Das ermögliche „mehr Tiefe“, schaffe zugleich Druck auf Autoritäten und diene nicht zuletzt der Leser-Blatt-Bindung.