Entwicklung und
Zusammenarbeit

UN Sustainable Development Goals

Rückbesinnung auf den SDG-Kern als Chance für die Entwicklungszusammenarbeit

Die Realisierung von Umwelt- und Klimaschutz und Entwicklung ist der Kern der SDGs – ihn wieder ins Zentrum des Handelns zu stellen, eröffnet nicht nur der Entwicklungszusammenarbeit eine Chance, das Thema entlang eines positiven Zukunftsbildes neu zu denken.
Das Logo der 17 UN- Nachhaltigkeitsziele:  In Deutschland wird Nachhaltigkeit häufig  auf ökologische  Anliegen reduziert. picture alliance/Panama Pictures/Christoph Hardt
Das Logo der 17 UN- Nachhaltigkeitsziele: In Deutschland wird Nachhaltigkeit häufig auf ökologische Anliegen reduziert.

Zehn Jahre nach Inkrafttreten der Agenda 2030 herrscht Ernüchterung. Nicht nur werden die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) nicht erreicht werden; die schwierige aktuelle Lage macht bei einigen Indikatoren sogar eine Verschlechterung gegenüber der Ausgangssituation in den Jahren 2015/16 möglich. Die Entwicklungszusammenarbeit steckt in einer ernsten Krise. Zugleich gewinnt auch im Kontext des unternehmerischen Nachhaltigkeitsengagements die Erkenntnis Raum, dass die bisherigen Bemühungen nicht dazu führen werden, dass die Ziele erreicht werden. 

Wenn je Fortschritte erzielt werden sollen, braucht es sowohl in der Entwicklungszusammenarbeit als auch im Privatsektor eine Rückbesinnung auf den Ursprungsgedanken der nachhaltigen Entwicklung, der Umwelt- und Klimaschutz und Entwicklung zusammenbringt. Hierzu ist internationale und akteursübergreifende Kooperation ein Muss, was erhebliche Potenziale für die Entwicklungszusammenarbeit eröffnet. An keiner Stelle wird dies so deutlich wie im Bereich des Klimaschutzes: Erfolg verspricht einzig eine international kooperative Herangehensweise zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden. Nur über einen solchen Weg sind die bis heute ungelösten Zielkonflikte zwischen ökologischen sowie ökonomischen und sozialen Anliegen besser in den Griff zu bekommen – zum Vorteil der Menschen überall auf der Welt.

Die aktuelle Situation

Die Entwicklungszusammenarbeit durchläuft eine schwierige Zeit. Die Unterstützung insbesondere der USA, aber auch der europäischen Länder bröckelt. Angesichts der wirtschaftlichen Rezession sinkt auch in Deutschland die Bereitschaft, Geld international einzusetzen. In der Folge stehen wesentlich weniger Mittel zur Verfügung. Zudem erschweren geopolitische Spannungen den Multilateralismus. 

In der Konsequenz verpufft die von den Vereinten Nationen ausgerufene „Decade of Action“: Die 17 Ziele der Agenda 2030 werden bis zum Jahr 2030 unerreicht bleiben. Doch die vorgenannten aktuellen Entwicklungen sind nicht der einzige Grund dafür; vielmehr gab es von Beginn an Hindernisse. Dazu zählen bis heute ungelöste Zielkonflikte zwischen ökonomischen und ökologischen Zielen, etwa zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Klimaschutz, ein Mangel an internationaler Kooperation sowie häufig eine primär nationale Herangehensweise, etwa beim Klimaschutz. Ein Blick in das diesbezügliche Tun der Unternehmen und die sie leitenden regulatorischen Anforderungen spricht Bände. Hinzu kommen gigantische Finanzierungslücken und Defizite bei der Verfügbarkeit und dem Transfer nachhaltiger Technologien. 

Außerdem stößt man auf ein weit verbreitetes falsches Verständnis des Begriffs Nachhaltigkeit: In Deutschland wird er viel zu häufig auf ökologische Anliegen reduziert. Dass der frühere deutsche Minister Gerd Müller aus dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ein „Bundesministerium für internationale Zusammenarbeit und nachhaltige Entwicklung“ machen wollte, wurde in der Breite der Gesellschaft nicht verstanden. Viel zu oft wurde und wird verkannt, dass es sich bei der Agenda 2030 um ein globales Zielsystem handelt, bei dem es um eine gleichzeitige Erreichung aller Ziele gehen muss.  

Back to the roots: Umwelt und Entwicklung

Vor der Beantwortung der Frage „Wie weiter?“ sollte der Blick zurück auf die Definition nachhaltiger Entwicklung und ihre Vorgeschichte gehen. Diese führt zur ersten Weltumweltkonferenz im Jahr 1972, als die damalige indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi das Recht der Entwicklungsländer auf wirtschaftliche Entwicklung einforderte. Dieses dürfe nicht dem Umweltschutz geopfert werden, beide Anliegen müssten vielmehr parallel verfolgt werden. Diese Gleichzeitigkeit wurde später in der Brundtland-Definition festgehalten: Nachhaltige Entwicklung bedeutet die gleichzeitige weltweite Realisierung von wirtschaftlicher Entwicklung und Umwelt- und Klimaschutz. Für Klaus Töpfer, ehemaliger deutscher Umweltminister und Exekutivdirektor des UN-Umweltprogramms, war genau dies die Lebensaufgabe. Stimmen wie seine fehlen heute sehr.

Die Agenda 2030 reflektiert diesen Kern, der allzu oft vergessen wird: Sie beinhaltet die weltweite Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse (Ziele 1–6) – und nicht etwa die Durchführung von Yogakursen als Teil des betrieblichen Gesundheitsmanagements, wie es europäische Unternehmen in ihren Nachhaltigkeitsberichten festhalten. Außerdem umfasst sie die Schaffung eines ökonomischen Systems, das Wohlstand generiert und zugleich weniger Ungleichheit hervorbringt, als es heute der Fall ist (Ziele 7–12). Es folgen Umwelt- und Klimaschutz (Ziele 13–15). Für all das müssen Voraussetzungen erfüllt sein, wie starke Institutionen und globale Kooperation (Ziele 16–17).

Vielen Akteuren in Politik und Wirtschaft mangelt es an einem tiefen Verständnis für die komplexen Zusammenhänge. Nur wer einen Blick für die Wechselwirkungen zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Fragestellungen hat, wird Maßnahmen ergreifen können, die nicht außer Acht lassen, dass man der Agenda 2030 nur gerecht wird, wenn man sie als global zu adressierendes Zielsystem versteht.

Von zentraler Bedeutung ist die Formulierung einer positiven Zukunftsvision, die vielerorts abhandengekommen zu sein scheint. In Deutschland wird Nachhaltigkeit in der Öffentlichkeit zunehmend mit Verboten, Wohlstandsverlust und Bürokratie assoziiert. Verloren gegangen zu sein scheint, dass es im Kern der Agenda 2030 um ein durchweg positives Versprechen geht: die Sicherung des Wohlergehens aller Menschen bei gelingendem Umwelt- und Klimaschutz.

Kooperation als Voraussetzung

Nachhaltige Entwicklung ist eine zutiefst kooperative, globale Aufgabe. Es gibt kein nachhaltiges Deutschland und kein nachhaltiges Unternehmen in einer nicht nachhal­tigen Welt. Der Spieltheoretiker Axel Ockenfels betont, dass der Klimawandel das „größte Kooperationsproblem der Menschheit“ ist. 

Klimaschutz kann nur gelingen, wenn alle eingebunden sind, denn das einzige relevante Ziel ist, ein „Global Net Zero“ zu erreichen. Nationale Alleingänge dienen der Sache nicht und erweisen sich oftmals sogar als kontraproduktiv, weil sie den Vorreiter wirtschaftlich schwächen und Emissionen nicht aus der Welt, sondern in andere Länder verschieben. Hierauf wiesen jüngst die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute hin. „Individuelle Verpflichtungen allein verringern die Emissionen nicht“, konstatierte auch Simon Stiell, Leiter des UN-Klimasekretariats, auf der COP30 in Belém. Deutschland sollte sich in besonderer Weise angesprochen fühlen. 

Ohne ein kooperatives Vorgehen zwischen Staaten, Unternehmen, Zivilgesellschaft und Konsument*innen, das auch den Entwicklungsanliegen des Globalen Südens Rechnung trägt, sind Fortschritte unmöglich. Die sich stellende gigantische Finanzierungsaufgabe lässt sich nur gemeinsam schultern. Für die Entwicklungszusammenarbeit bedeuten diese Zusammenhänge eine große Chance, den Klimaschutz als Hebel zu nutzen, um auch ihre anderen Anliegen zu adressieren. Dafür sollte sie eine viel stärkere Interaktion mit dem Privatsektor anstreben. 

Der Pariser Klimaschutzvertrag – vernachlässigte Details

Das im Pariser Klimaschutzabkommen genannte Zwei-Grad-Ziel können die Staaten der Welt nur gemeinsam erreichen. Es ist nicht überraschend, dass die weltweiten CO2-Emissionen stetig weiter ansteigen. Ein Blick auf die vereinbarten Klimaschutzziele der Staaten offenbart, dass sich die Ziele der Industrie- und der Entwicklungsländer wesentlich unterscheiden und den Industrieländern eine doppelte Verantwortung zukommt. Für Industrieländer wurden absolute CO2-Reduktionsziele festgelegt. Dagegen sind Entwicklungsländer „lediglich“ dazu verpflichtet, die CO2-Intensität ihres BIP-Wachstums zu verbessern. Das bedeutet: Bei wirtschaftlichem Wachstum dürfen ihre CO2-Emissionen sogar wachsen – allerdings weniger stark als das Bruttoinlandsprodukt. An dieser Stelle manifestiert sich das über 50 Jahre alte Anliegen Indira Gandhis: Umwelt- und Klimaschutz dürfen nicht zu Verhinderern von Entwicklung werden.

Ein zweiter grundlegender Unterschied: Die Klimaziele der Entwicklungsländer sind konditioniert. Sie müssen und können nur umgesetzt werden, wenn große Summen aus den Industrieländern fließen – ganz gemäß dem Prinzip der gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortung. 

Die Industrieländer haben also eine doppelte Aufgabe: Sie müssen sowohl die eigenen Ziele erreichen als auch Entwicklungsländer bei der Erreichung ihrer Ziele unterstützen. Bei der Klimakonferenz in Baku 2024 wurde in der Abschlusserklärung festgehalten, dass bis 2035 jährlich 1,3 Billionen Dollar aus staatlichen und privaten Quellen aufgebracht werden müssen, um den Entwicklungsländern beim Erreichen ihrer Ziele zu helfen. Es geht um eine große gemeinsame Finanzierungsaufgabe, die noch nie auch nur ansatzweise erfüllt wurde. Während Deutschland 2024 knapp 12 Milliarden Euro für den internationalen Klimaschutz aufbrachte, benötigt allein Kenia zwischen 2031 und 2035 jährlich 9 Milliarden Euro an internationaler Unterstützung. Das hat das Land in seinem jüngsten NDC-Bericht (Nationally Determined Contribution – die nationalen Beiträge zum Klimaschutz) dargelegt.

Gebot der Stunde

Die beschriebene Situation macht es unumgänglich, die beschränkten finanziellen Mittel effizient einzusetzen. Dies muss das Gebot der Stunde sein. Das bedeutet für Deutschland und andere Industrieländer: Es darf gerade nicht darum gehen, „koste es, was es wolle“, die letzte Tonne CO2 zu Hause einzusparen. Stattdessen gilt es, die Mittel für den Klimaschutz zum Beispiel unter Nutzung des Artikels 6 des Pariser Klimaabkommens international mit hoher Wirksamkeit einzusetzen. Dieser erlaubt Staaten, international zu kooperieren, um gemeinsam Emissionsreduktionen herbeizuführen. Auf diese Weise können Industrieländer ihre eigenen Klimaziele günstiger erreichen und darüber hinaus Entwicklungsländer bei der Erreichung ihrer Ziele unterstützen. 

Auch private Akteure wie Unternehmen können so Beiträge zum internationalen Klimaschutz leisten, die zugleich anderen Entwicklungszielen zugutekommen. Ebendies fördert die 2018 vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gegründete Allianz für Entwicklung und Klima. Sie sollte endlich die Öffentlichkeit und den klaren politischen Rückhalt bekommen, den die Sache erfordert. Die Stiftung unterstützt Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen, die freiwillig Klimaschutzprojekte in Ländern des Globalen Südens umsetzen.

Wege nach vorn

Internationale Klimafinanzierung ist ein Hebel für Entwicklung und damit für die gesamte Agenda 2030. Sie muss dringend ausgeweitet werden. In diesem Sinne sollten Akteure der Entwicklungszusammenarbeit sich dafür einsetzen, dass Deutschland als Industrieland im Sinne seiner doppelten Verantwortung handelt und die Erreichung der Klimaziele des Globalen Südens wesentlich umfangreicher unterstützt als bisher. Darüber hinaus sollte die Kooperation mit dem Privatsektor massiv ausgeweitet werden, der einen bedeutenden Anteil zur internationalen Klimafinanzierung beitragen muss.     

Wer, wenn nicht die Entwicklungszusammenarbeit, sollte sich mit allem Nachdruck hierfür einsetzen? Der Klimawandel ist eine der großen Bedrohungen, die die Entwicklungsfortschritte zunichtemachen könnten. Zugleich ist er die vielleicht größte Chance auf eine wesentlich ausgeweitete Entwicklungszusammenarbeit: Ohne Entwicklung kein gelingender Klimaschutz – das gilt es zu verstehen und in die Breite der Gesellschaft zu tragen, um Akzeptanz zu gewinnen. Wer beim Klimaschutz erfolgreich sein will, muss sich zugleich der Entwicklungszusammenarbeit widmen.

Estelle Herlyn ist Professorin und wissenschaftliche Leiterin des KompetenzCentrums für nachhaltige Entwicklung an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in Düsseldorf. Sie initiierte die Allianz für Entwicklung und Klima und ist unter anderem als Senior Advisor für UNIDO tätig.
estelle.herlyn@fom.de 

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