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Internationale Zusammenarbeit

Hilfe mit Schattenseiten

von Leon Valentin Schettler

Hintergrund

Haiti ist in hohem Maße auf Hilfe angewiesen. Hier verteilen Mitarbeiter des Kinderhilfswerks NPH Deutschland Nahrungsmittel an Bedürftige.

Haiti ist in hohem Maße auf Hilfe angewiesen. Hier verteilen Mitarbeiter des Kinderhilfswerks NPH Deutschland Nahrungsmittel an Bedürftige.

Haiti ist in hohem Maße auf internationale Hilfe angewiesen. Doch die ausländischen Experten haben ein schlechtes Image. Eine Reform der Zusammenarbeit, die zur Selbstbestimmung der Haitianer führt, ist dringend geboten.

Am 12. Januar 2010 wurde Haiti von einem verheerenden Erdbeben erschüttert. Schätzungen zufolge kamen dabei 222 750 Menschen ums Leben, 313 000 Häuser wurden stark beschädigt oder zerstört. Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und internationale Organisationen (IOs) kamen nach Haiti, um Hilfe zu leisten und Wohnungen, Schulen, Regierungsgebäude und Krankenhäuser wieder aufzubauen. Sie trafen auf eine große Zahl von Helfern, die bereits vor Ort waren. In Haiti übersteigt die internationale Hilfe regelmäßig das Volumen des Staatshaushalts – nach dem Erdbeben war die Summe an Hilfsgeldern rund viermal so groß.

Der Wiederaufbau war noch längst nicht abgeschlossen, als Hurrikan Matthew im Oktober 2016 auf Haiti traf und weitere Infrastruktur zerstörte. 546 Menschen verloren ihr Leben. Rund 4,4 Millionen Menschen – knapp die Hälfte der Bevölkerung – leiden aktuell unter Ernährungsunsicherheit, 1,3 Millionen von ihnen akut. Neben diesen gewaltigen humanitären Herausforderungen sieht sich Haiti mit großen Entwicklungsaufgaben konfrontiert. Auf dem Human Development Index (HDI) nimmt es Platz 163 von 187 gelisteten Ländern ein.

Haiti ist fortwährend in außergewöhnlich hohem Maße auf externe Hilfe angewiesen – und die internationale Gemeinschaft will auch helfen. Doch das Verhältnis zwischen deren Mitarbeitern und der lokalen Bevölkerung ist angespannt. Dies hat Konsequenzen für die Arbeit von IOs, welche den Löwenanteil internationaler Hilfe verwalten.

Wissenschaftler des „Sonderforschungsbereichs (SFB) 700 – Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ der Universität Potsdam haben Mitarbeiter von IOs in Haiti befragt, die sich um Ernährungssicherheit bemühen. Darunter waren das Welternährungsprogramm (WFP), die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), die Weltbank sowie die Europäische Union. Die Mitarbeiter dieser IOs übten in den Gesprächen harsche Kritik an den Adressaten ihrer Hilfe. Sie kritisieren nicht nur die Defizite der haitianischen Verwaltung, sondern auch die Erwartungshaltung der Bevölkerung.

Den Wissenschaftlern fiel auf, dass viele Mitarbeiter erregt, wütend, frustriert und bisweilen resigniert wirkten. Sie sind gekommen, um zu helfen. Doch die Hilfsprojekte kommen in ihren Augen nur sehr schleppend oder gar nicht voran. Die Projektpartner scheinen häufig nicht recht kooperieren zu wollen. Zahlreiche Initiativen versickern im Nirgendwo. Und die Mitarbeiter der IOs haben den Eindruck, dass sie gar nicht als Helfer wahrgenommen werden, denen man für ihren Einsatz dankbar ist. Im Gegenteil.

Offenbar bestehen in der haitianischen Bevölkerung erhebliche Ressentiments im Hinblick auf die Arbeit der IOs. Die Gründe dafür liegen in der Kolonialgeschichte, der extremen Ungleichheit zwischen IO-Mitarbeitern und Haitianern sowie dem notorisch schlechten Image der UN-Friedensmission im Land.

Zwar war Saint-Domingue, wie Haiti damals hieß, im 18. Jahrhundert die reichste Kolonie Frankreichs. Doch der einzige erfolgreiche Sklavenaufstand der Geschichte im Jahr 1804 führte keineswegs in die politische geschweige denn in die wirtschaftliche Unabhängigkeit. Noch heute leben zwei Drittel der Bevölkerung von der Landwirtschaft, insbesondere vom Kaffee-Export, die Mehrheit von ihnen unter der Armutsgrenze. Das koloniale Erbe wirkt nach.

Gemeinsam mit Namibia und Südafrika gehört Haiti laut Gini-Koeffizient zu den drei Ländern mit der größten Einkommensungleichheit weltweit. IO-Mitarbeiter aus dem Ausland sind besonders wohlhabend. Die meisten leben in Petionville, dem reichsten Viertel von Port-au-Prince, wo eine Parallelwelt aus bewachten Wohnkomplexen, Chauffeuren, Clubs und teuren Supermärkten entstanden ist.

Zu dem schlechten Image von Ausländern beigetragen hat auch die UN-Mission, die kurz nach dem Erdbeben 2010 nachweislich die Cholera nach Haiti brachte. Mehr als 9 000 Menschen starben im Zuge der Epidemie, fast 800 000 infizierten sich. Trotz erdrückender Beweise entschuldigte sich der damalige UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erst Ende 2016 vage für „die Rolle der UN“ und stellte Reparationen in Aussicht. Schwer wiegen zudem die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs durch UN-Blauhelme. Die vor kurzem ans Licht gekommenen Sexpartys von Oxfam-Mitarbeitern in Haiti gießen hier zusätzlich Öl ins Feuer (siehe E+Z/D+C e-Paper 2018/03, S. 12).

Klar ist aber auch, dass so manche Kritik überzogen ist. Unter Experten herrscht Konsens, dass Haiti ohne die – insbesondere humanitäre – Hilfe der internationalen Gemeinschaft heute schlechter dastünde. Gleichzeitig müssen die IOs sich selbstkritisch fragen, wie es kommt, dass sie gegenwärtig eher als Bevormunder denn als Wegbereiter zur Selbsthilfe wahrgenommen werden. Zahlreiche IO-Mitarbeiter vor Ort sind inzwischen zu einer solchen Reflexion bereit. Ihre Ausführungen legen nahe, dass beide Seiten, IOs und Haitianer, sich aus der bestehenden Beziehungsdynamik emanzipieren müssen.

Dazu muss die Selbstbestimmung der Haitianer konsequent ins Zentrum der Zusammenarbeit gestellt werden. Ein vielversprechender Ansatz zur praktischen Umsetzung dieser Maxime bietet das „Community Organising“ (siehe Kasten). Wenn mehr Entwicklungsprojekte in Haiti auf den Säulen dieses Ansatzes stünden, wäre der Grundstein zur Selbstermächtigung der Menschen gelegt und einer nachhaltigen Entwicklungskooperation zwischen IOs und Haitianern stünde nichts im Wege. Die Zeit für eine solche Reform ist reif.


Leon Valentin Schettler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des DFG-geförderten „Sonderforschungsbereichs (SFB) 700 – Regieren in Räumen begrenzter Staatlichkeit“. Das von Andrea Liese geleitete Projekt zu internationalen Organisationen im Bereich Ernährungssicherheit führte unter anderem Feldforschung in Haiti, Niger, Kolumbien, Sierra Leone und der Côte d’Ivoire durch.
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