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Bildung

Begegnungen auf Augenhöhe

von Claudia Schilling, Christine Blome

Hintergrund

Pals from Cotonou and Berlin exploring the German capital

Pals from Cotonou and Berlin exploring the German capital

Das Schulaustauschprogramm ENSA sucht nach neuen Wegen für beidseitiges Lernen in einer globalisierten Welt. Jugendliche aus Deutschland und Entwicklungsländern sitzen dabei auf derselben Bank. Von Christine Blome und Claudia Schilling

Juliane Bär hat eine Collage gebastelt und an die Wand gehängt. Sie hat Landkarten darauf geklebt, von Europa und Afrika; mit einem schwarzen Edding hat sie den Weg von Togo nach Deutschland verbunden. Daneben klebt eine Achterbahn. Und darüber hat sie geschrieben: „Togo 2007 bis †.“

Togo bis zum Tod? Die Schülerin des Friedrich-Stoy-Gymnasiums in Falkenberg (Brandenburg) erklärt: „Togo hat mein altes Leben gesprengt und somit mein jetziges aufgebaut. Wer bin ich? Wer will ich sein? Wo gehöre ich hin? Togo war ein Auslöser für all diese Fragen, aber auch Grundlage für deren Antwort. Darum begann meine Togozeit 2007 und endet noch lange nicht.“

Juliane Bärs Togoreise wurde vom Entwicklungspolitischen Schulaustauschprogramm (ENSA) gefördert. Dieses ­Programm unterstützt 2012 insgesamt 24 Schul­begegnungen. In Benin tauschen sich Jungs und Mädchen aus beiden Ländern über Kinderrechte aus, Jugendliche aus Bangladesch diskutieren in Freiburg mit Gleichaltrigen über Armut und soziale Ungerechtigkeit, und Heranwachsende aus Brasilien, Bosnien, Südafrika und Deutschland werden als Peer-Leader ausgebildet, die Wissen zum Thema Nachhaltigkeit ­weitergeben.

Das ENSA-Programm entstand, um eine Lücke zu füllen. In einem Antrag an den Bundestag schrieben 2002 Mitglieder der damals regierenden Sozialdemokraten und Grünen, es fehle eine institutionelle Förderung der Jugendarbeit für Entwicklungsthemen. Daraufhin beauftragte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Jahr 2005 das ASA-Programm von InWEnt (heute GIZ), ein Konzept zu erstellen. ASA ermöglicht seit den 60er-Jahren jungen Studierenden und Berufstätigen aus Süd und Nord den Austausch miteinander. Die jungen Leute sollen die Lebensbedingungen ihrer ausländischen Partner kennen lernen, damit beide Seiten sich im späteren Alltag weiter für entwicklungsrelevante Themen engagieren.

Lernprojekte in Süd und Nord

Kurz vor der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland 2006 startete das Pilotprojekt „Die andere Spielhälfte“. Es ermöglichte fünf deutschen Schulen, fünf Straßenfußball-Projekte in Brasilien, Peru, Senegal und Südafrika zu besuchen. Die Jugendlichen schlossen Bekanntschaft, nahmen am Unterricht und am Familienleben teil und halfen bei kommunaler Freiwilligenarbeit. Sie waren einer Vielzahl an positiven, aber auch herausfordernden Eindrücken ausgesetzt. Ein Schüler berichtet: „Es war sehr beeindruckend, solche Erfahrungen machen zu dürfen.“

2006 begann die Probephase des entwicklungspolitischen Jugend- und Schulaustausches. In einem der ersten Projekte schreinerten deutsche Azubis Tische mit ihren Partnern in Mosambik und nähten Kleidung. Ihr gemeinsames Handwerk hatte eine Begegnung auf Augenhöhe zum Ziel. In einem weiteren Austausch dachten Schüler aus Bangladesch im Spreewald darüber nach, welches Problem Wasser als Wirtschaftsware aufwirft. Im Herbst 2007 beschloss das BMZ, das Programm regulär fortzusetzen. Bisher förderte ENSA über 150 Begegnungsreisen. Träger ist seit 2012 ENGAGEMENT GLOBAL.

Die meisten Austauschprogramme für Entwicklungsländer ermöglichen keinen gegenseitigen Besuch, sondern sind einseitige Auslandsreisen. Das ist bei ENSA anders. Etwa die Hälfte der Lernprojekte findet in Deutschland statt, die andere Hälfte in einem Partnerland. Die Bildungsarbeit soll Vorurteile ausräumen und aktive Zusammenarbeit fördern. Deshalb gibt es Workshops für Team­arbeit, Konfliktlösung und Diversität, aber auch zum Thema Rassismus.

Schulbegegnungen zwischen Nord und Süd werfen viele Fragen auf, auch für ENSA-Betreuer: Ist eine Begegnung auf Augenhöhe überhaupt möglich? Wie sieht die Vor- und Nachbereitung der Schülerinnen und Schüler in den Partnerländern aus? Und welche Chancen oder welche Interessen haben zum Beispiel Hauptschüler oder generell Jugendliche aus benachteiligten Lebensverhältnissen, an einem entwicklungspolitischen Schulaustausch teilzunehmen?

Auch dass die finanzielle und inhaltliche Förderung hauptsächlich aus Deutschland kommt, erschwert die angestrebte Begegnung auf Augenhöhe. ENSA fragt deshalb Antragsteller, was sie tun wollen, um eine möglichst gleichberechtigte Partnerschaft zu schaffen. Durch Vorbereitungsseminare weckt das Programm Bewusstsein für gesellschaftliche Machtverhältnisse, Folgen des Kolonialismus und der Globalisierung. Ein Handbuch für Öffentlichkeitsarbeit hilft Teilnehmern wie Veranstaltern außerdem, ihre Erfahrungen in Blogs oder weiteren Workshops weiterzugeben, ohne Klischees zu erzeugen. ENSA ist daran gelegen, dass die Partnerschulen langfristig kooperieren.

Schüler, Lehrer und NRO-Vertreter aus dem Ausland pädagogisch zu begleiten bleibt aber eine Herausforderung. ENSA arbeitet in unterschiedlichen Ländern der Welt, und überall herrschen andere Bedingungen. Deshalb lassen sich folgende wichtige Fragen nicht pauschal beantworten:
– Welche Folgen hat ein langfristiger Austausch auf die Schule und das Umfeld der Teilnehmer in den Partnerländern?
– Welche Voraussetzungen sind in beiden Ländern notwendig, um fruchtbare Lernprozesse und vorurteilsfreie Begegnungen für alle Beteiligten zu schaffen?
– Welche pädagogischen Hilfen und Rahmenbedingungen fehlen?

Eine weitere Herausforderung von ENSA ist, Jugendliche aus benachteiligten Schichten zu erreichen. 2012 stellten Gymnasien und Oberschulen die Hälfte aller ENSA-Anträge; nur zehn Prozent der Anträge wurden von Haupt- und Realschulen eingereicht. Die aktuelle Ausschreibung für 2013 richtet ENSA deshalb verstärkt an Schulen, die benachteiligte Jugendliche ausbilden und unterrichten.

Ein Beispiel dafür ist die Partnerschaft zwischen der Christopherusschule in Bonn und dem Centre El May auf der tunesischen Insel Djerba. Beide unterrichten eine Schülerschaft mit Behinderungen. Für diese Menschen sind Reisen oft unmöglich. Sie konnten in der Vergangenheit gar nicht an entwicklungspolitischer Jugendbildung teilnehmen, weil sie in internationalen Austauschprogrammen einfach nicht vorkamen. ENSA hat das geändert und fördert die Partnerschaft zwischen Bonn und Djerba seit 2006. Zuletzt kamen die tunesischen Partner 2011 nach Berlin (siehe Interview mit Rabiaa Ouermini in E+Z/D+C 2012/06, S. 252 f.).

Beim Schulwettbewerb des Bundespräsidenten gewann der Bonn-Djerba-Austausch vor drei Jahren den „Sonderpreis der Nichtregierungsorganisationen“. Die Jury lobte den Austausch, weil er beweise, „dass eine gelungene Nord-Süd-Partnerschaft nicht von Intellekt und Wissen abhängen muss, sondern ganz einfach darauf beruht, dass Menschen sich begegnen, die ähnliche Lebensgrundlagen haben“.

Nachgewiesene ­Wirkung

In einer Verbleibstudie aus dem Jahr 2011 bestätigten 86 Prozent der Befragten, das Programm habe sie in ihrem entwicklungspolitischen Engagement bestärkt. Drei von vier Befragten fühlten sich anschließend für Entwicklungsthemen „stärker qualifiziert“. Über den Schulaustausch hinaus setzen sich viele Teilnehmer weiter mit Armut, sozialer Gerechtigkeit, Folgen des Klimawandels oder Rassismus und Kolonialismus auseinander.

Durch ENSA entstehen langjährige Freundschaften, in denen Menschen andere Lebensumstände persönlich kennen lernen, die ihnen zu Hause nicht begegnen. Gleichzeitig erleben Teilnehmer, dass sie einen persönlichen Beitrag dazu leisten können, etwas in der Welt zu verändern. Ehrlicherweise zeigt sich allerdings auch, dass Interesse und Engagement mittelfristig abnehmen, wenn Schüler ihre Schule verlassen. Zurzeit überlegen sich die Planer bei ENSA verschiedene Modelle, wie Projektteilnehmer über ihre Schulzeit hinaus begleitet werden könnten.