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Sicheres Trinkwasser

400 Brunnen für 20 Ethnien

von Frank Bliss

Hintergrund

An unusual scene: a boy ! helping a girl to lift a 20-litre water container

An unusual scene: a boy ! helping a girl to lift a 20-litre water container

Brunnen zu bauen zählt zu den ältesten und vermeintlich ein­fachsten Übungen der Entwicklungshilfe. Doch ein Beispiel aus dem Tschad zeigt, dass in einigen Regionen selbst solche Vorhaben höchst kompliziert sein können. Soziale und kulturelle Faktoren wiegen manchmal schwerer als technische. Von Frank Bliss

Mayo Kebbi heißt ein Zipfel des Tschad, der weit nach Kamerun hineinragt und in der Regenzeit monatelang vom Verkehr abgeschnitten ist. Auf rund 20 000 Quadratkilometern Fläche gibt es keinen einzigen Kilometer Asphaltstraße. Rund 1100 Dörfer mit 750 000 bis 850 000 Einwohnern sind während des Regens auf sich selbst gestellt.

Hier hat die KfW Entwicklungsbank in den vergangenen sieben Jahren ein Projekt zur Trinkwasserversorgung durchgeführt. Gearbeitet wurde dabei allerdings nur in der Trockenzeit von Januar bis Juni, denn auch die Brunnenbohrungen mussten während des Regens ausgesetzt werden. In Mayo Kebbi erwies sich das Wetter aber als eine eher kleine Herausforderung – andere Dinge bereiteten größere Sorgen.

Die offizielle Statistik kennt in Mayo Kebbi acht große sowie fünf „weitere“ Ethnien und erwähnt außerdem „andere Sesshafte und Nomaden“, darunter Araber und Bornu-Volksgruppen aus dem Tschadseegebiet. Befragungen, die für das Trinkwasserprojekt gemacht wurden, kamen auf über 20 ethnische Gruppen, die sich ohne gemeinsame Verkehrssprachen überwiegend nicht verstehen. Verwendet werden unter anderem Französisch, Tschad-Arabisch oder Fulfulde, die Sprache der halbnomadischen Fulbe.

Um alle Bewohner zu erreichen, brauchten die Mitarbeiter des Projekts umfangreiche Sprachkompetenzen. Alle beherrschten mindestens drei lokale Sprachen fließend. Dennoch waren sie oft auf Übersetzungshilfe von Dorfschullehrern oder Veteranen der Kolonialarmee, die Französisch und ihre Lokalsprache beherrschen, angewiesen.

Die Ethnien haben sehr unterschiedliche Kulturen. Bei den Moundang und Fulbe verfügen die traditionellen Autoritäten über erhebliche politische und gesellschaftliche Legitimität. Es verfügen aber nicht alle „Chefs de Canton“, wie sie im Tschad amtlich genannt werden, über ähnlich großen Einfluss.

Um möglichst viele Menschen zu erreichen, wurden die grundlegenden Informationen über das Projekt breit gestreut. Um die besonders von Wassermangel betroffenen Dörfer vorrangig mit Brunnen versorgen zu können, fuhren die Projektmit­arbeiter mit dem Motorrad zu allen Antragstellern. Dabei stellte sich schnell heraus, dass einige Kantonchefs bestimmte Dörfer – darunter solche mit gravierenden Wasserproblemen – weder informiert noch auf der Liste der Ortschaften mit dem dringendsten Bedarf aufgeführt hatten. Einige Dörfer lagen mit ihrem Chef de Canton im Streit, andere hatten nicht genügend Geschenke abgeliefert.

Ein Kantonchef diskreditierte sogar seinen Status als „traditionelle Autorität“ völlig. Er kassierte und behielt die Projektbeträge für fünf Dörfer – rund 265 Euro je Dorf. Nicht einmal die Intervention des Unterpräfekten konnte ihn dazu bewegen, das Geld wieder herauszugeben. Ein paar Tausend Menschen wären ohne sauberes Trinkwasser geblieben, hätten sie das Geld nicht noch einmal gesammelt.

Die meisten ethnischen Gruppen in Mayo Kebbi betreiben Ackerbau und etwas Viehzucht. Das gilt auch für einige der traditionell nomadischen Fulbe, wobei viele sich in bestimmten Jahreszeiten noch als Halbnomaden („Transhumantes“) mit ihren Herden Hunderte Kilometer von ihren Dörfern entfernen. Einzelne Wohnquartiere der Fulbe scheinen deshalb manchmal nahezu verlassen, bieten aber in anderen Monaten vielen Menschen ein Heim – diese Leute brauchen dann selbstverständlich auch Trinkwasser. Sie durften also bei der Projektplanung nicht vergessen werden. Andernfalls wäre ein Teil der Zielgruppe unberücksichtigt geblieben und es hätte nach der Rückkehr der Halbnomaden in die Dörfer Streit über Wasser gegeben.

Wegen negativer Erfahrungen wollten sich die Projektmitarbeiter nicht mehr auf die Kantonchefs verlassen. Also mussten sie sich vor Ort nach Fulbe-Siedlungen erkundigen, ihre Zahl in Erfahrung bringen und nach Möglichkeit die Chefs kontaktieren. Schließlich bohrten sie Brunnen an einigen Orten, die von Fulbe-Siedlungen aus zu Fuß leicht zu erreichen waren.

In nur temporär besiedelten Weilern errichteten sie keine Brunnen und Handpumpen. Das Risiko der Zerstörung wäre zu groß gewesen. Obendrein hätten die Fulbe allein die Unterhaltungskosten nicht tragen können. Da die Halbnomaden an der Aushandlung der Standorte beteiligt wurden, tragen sie jetzt auch einen Teil der Wartungsaufwandes.

Frauen in Wasserkomitees

In Afrika spielen Frauen und Mädchen eine wichtige Rolle bei der Bereitstellung von Trinkwasser. Sie schleppen das Wasser zu Fuß – oft kilometerweit und mehrfach am Tag. Von Entscheidungen über Wasser werden sie dagegen insbesondere im ländlichen Milieu oft ausgeschlossen. Als Wasserkomitees gewählt werden sollten, um die Verantwortung für die Verwaltung der fertigen Pumpen zu übernehmen, erklärten die Chefs mehrerer Dutzend Fulbe-Dörfer kategorisch, Frauen dürften sich nicht mit Männern zusammensetzen.

Das Projektteam sprach den zuständigen Kantonschef an und bat ihn, seinen Einfluss geltend zu machen. Dieser verwies zunächst auf einen Fqih (islamischer Gelehrter) in Kamerun, der als religiöser Führer der Fulbe im Großraum Mayo Kebbi und Ostkamerun galt. Der Mann erwies sich als exzellent ausgebildeter Gelehrter und sagte, dass Frauen „aus Sicht des Islam“ selbstverständlich bei der wichtigen Wasserfrage mitreden dürfen. Das Projektteam organisierte daraufhin ein Treffen mit ihm, dem Kantonschef und allen Dorfvorständen. Der Fqih erläuterte die Situation aus religiöser Sicht, und danach gab es keine Bedenken mehr gegen die Wahl von Frauen in Wasserkomitees.

Elementares Know-how

Das Trinkwasserprojekt in Mayo Kebbi endete planmäßig im Juni 2010. In sieben Jahren Laufzeit erstellte es über 400 Handpumpenbrunnen, die nun weit über 100 000 Menschen mit hygienisch einwandfreiem Trinkwasser versorgen. Im Jahr 2010 ist auch Deutschlands Finanzielle Zusammenarbeit mit dem Tschad ausgelaufen.

Das Beispiel Mayo Kebbi zeigt, dass sowohl die Projektplanung als auch die Implementierung in Regionen mit vielen Ethnien sehr aufwändig sind. Beispielsweise muss die Beteiligung von Frauen bei jeder ethnischen Gruppe separat behandelt werden. Oft sind für ähnliche Probleme recht unterschiedliche Lösungen nötig. Benachteiligte soziokulturelle Gruppen – wie etwa die Fulbe in Mayo Kebbi – werden von der Mehrheitsbevölkerung oft nicht informiert und von Entscheidungen ausgeschlossen, obwohl sie für den Erfolg und die Nachhaltigkeit der Maßnahmen wichtig sind. Um Konflikten vorzubeugen und aus Gründen der Gerechtigkeit müssen die Projektmitarbeiter mit bestehenden Machtstrukturen so umgehen, dass am Ende auch die Benachteiligten profitieren.

Das Projektteam braucht zudem direkten Kontakt mit der Bevölkerung, wie die Probleme mit traditionellen Autoritäten verdeutlichen. Diese Leute sollten nicht übergangen werden, aber die Projektmitarbeiter müssen über sie hinaus mit ihren Botschaften auch die Nutzer selbst erreichen. Wie sich immer wieder herausstellt, genügt es nicht, nur auf die scheinbar legitime „Cheferie“ zu hören.

Diese Herausforderungen machen zusätzlichen Aufwand nötig. Die Projektmitarbeiter benötigen ausgewiesene soziokulturelle Fähigkeiten mindestens so dringend wie engverstandene „technische“ Kompetenz. Rekrutiert wurden daher Mitarbeiter, die bereits Projekterfahrung hatten. Mit zusätzlichem Training wurde die kultur- und gendersensible Vorgehensweise eingeübt.

Wenn hinreichend Personal und Finanzen bereitstehen, sollten die Probleme zu meistern sein und es dürfte sich oft herausstellen, dass der wirkliche Aufwand bei soziokulturell angemessenen Begleitmaßnahmen geringer ist als gemeinhin vermutet und deutlich unter dem technischen Aufwand eines Projektes liegt. Das Projektbeispiel in Mayo Kebbi mit seinen vielen kulturell bedingten Herausforderungen belegt, dass die Implementierung zwar schwierig sein mag, sich für viele Probleme aber am Ende doch Wege finden lassen, die alle Seiten akzeptabel finden.