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Ressourcen

Umweltbewegung der Armen

von Sunita Narain
A participant in an Adivasi demonstration against rural land  deals in Mumbai in July

A participant in an Adivasi demonstration against rural land deals in Mumbai in July

Für viele benachteiligte Gemeinschaften in Entwicklungsländern sind ökologische Fragen nicht Luxus, sondern eine Sache des Überlebens. In Indien finden solche Sorgen Ausdruck im Protest breiter sozialer Bewegungen. Von Sunita Narain

In ganz Indien gibt es Protest gegen Infrastrukturprojekte und das, was gängig „Entwicklung“ genannt wird. Drei Beispiele:

– In den vergangenen vier Jahren kam es am Rande von Noida, einem Vorort Delhis, wiederholt zu Zusammenstößen zwischen Bauern und der Polizei. Die Bauern wehren sich gegen Autobahn- und Stadtentwicklungsvorhaben, weil sie keine adäquate Entschädigung bekommen. Landlose Farmarbeiter etwa kriegen gar nichts, obwohl ihre Erwerbsmöglichkeiten zerstört werden.
– Auf dem Bauplatz eines Kohlekraftwerks im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh schoss die Polizei auf rund 10 000 Demonstranten und tötete zwei. Die Menschen dort lehnen das Kraftwerk ab, weil es Wasser braucht, auf das sie selbst angewiesen sind.
– Es wäre etwas weit hergeholt, den Naxalitenaufstand in den zentralindischen Wäldern als Umweltkonflikt zu bezeichnen. Aber er hat eine starke ökologische Dimension, denn die maoistischen Milizen nutzen dort vor allem Dörfer und Waldbewohner aus, deren traditioneller Lebensunterhalt durch das bedroht wird, was die Bundes- und Landesregierungen als Entwicklung deklarieren: Bergbau und andere Veränderungen in der Landnutzung.

Solche Proteste sind weit verbreitet. Es lässt sich sagen, dass praktisch alle Infrastrukturprojekte und neuen Industrieansiedlungen von betroffenen Menschen bekämpft werden, die um ihren Lebensunterhalt fürchten. Diese lokalen Gemeinschaften stehen an der vordersten Front der indischen Umweltbewegung und sind ihre entschlossensten Aktivisten.

Für sie ist Umweltschutz kein Luxus, sondern eine Frage des Überlebens. Es geht nicht um die Lösung der Probleme des Wachstums. Der Protest wendet sich gegen das Wachstum selbst.

Die betroffenen Menschen wissen, dass Bergbau und Waldrodungen dazu führen, dass ihre Wasserstellen austrocknen oder sie Weide- und Ackerland verlieren. Sie wissen, dass sie arm sind. Und sie sagen laut und so deutlich wie möglich, dass das, was andere Entwicklung nennen, sie nur noch ärmer macht. Deshalb stellen sie das herrschende Entwicklungsparadigma in Frage.

Dieses Phänomen nenne ich Umweltbewegung der Armen. Sie haben recht, denn die Entwicklungsvorhaben nutzen örtliche Ressourcen – Mineralien, Wasser, Land. Aber sie bringen keine Arbeitsplätze, um die Menschen, die ihre traditionelle Lebensweise verlieren, zu entschädigen. Falsch verstandener „Fortschritt“ zerstört mehr Einkommen, als er schafft. Daher ertönt in Indien überall der Aufschrei von Menschen, die die Entwicklung selbst bekämpfen.

Wie weiter? Ich meine, dass wir auf die Stimmen des Protests hören müssen, anstatt sie abzuwürgen oder sie als rückwärtsgewandt oder Naxalismus abzutun. Es würde unsere Demokratie stärken, Mitbestimmung in Entwicklungsangelegenheiten zu ermöglichen.

Natürlich verlangt das indische Forstrecht, dass die Dorfversammlungen in den Stammesgebieten ihre schriftliche Zustimmung geben müssen, bevor ein Projekt beschlossen wird. Öffentliche Anhörungen zu ökologischen Auswirkungen sollen den betroffenen Menschen eine Plattform bieten. In der Praxis manipulieren und unterlaufen die Behörden aber diese Verfahren meist. Öffentliche Anhörungen und sogar ­Videoaufnahmen werden gefälscht. Die vorgetragenen Bedenken werden meist ignoriert und Projekte im Namen der industriellen Entwicklung durchgedrückt. Das muss aufhören.

Massenhafte grüne Meutereien

Die massenhaften grünen Meutereien sind ein Test der indischen Demokratie. Es gibt Bedarf an neuen, leistungsstarken Industrie- und Infrastrukturprojekten, aber er muss sich auch an der zunehmenden Kritik messen lassen. Wir werden wohl erkennen müssen, dass wir nicht gegen den Willen unseres Volkes arbeiten können.

In den reichen Nationen halten sich manche – nicht alle – Menschen an eine alternative Umwelt­ethik. Sie finden Lösungen im herrschenden Paradigma, indem sie Bio- und Fair-Trade-Produkte kaufen, sie fahren Hybridautos und installieren Solarpanel auf ihren Dächern. Die indische Mittelschicht folgt diesem Beispiel. Zweifellos meinen sie es alle gut. Dennoch ist das, was sie tun, nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Die Herausforderungen für die Menschheit sind viel zu groß, als dass weniger zerstörerischer Konsum ausreichen könnte. Die Umweltbewegung der Armen lehrt uns, dass technologische Reparatur bereits entstandener Umweltschäden nicht ausreicht, wenn gleichzeitig immer mehr Schäden entstehen.

Die reiche Welt hat trotz ihrer Investitionen in Energieeffizienz darin versagt, ihre Treibhausgasemissionen zu verringern. Autos verbrauchen zwar heute weniger Benzin, aber die Leute fahren mehr und besitzen mehr PKW. Die Emissionen nehmen weiter zu.

Begrenztes Wachstum

Die wohlhabende Welt muss Wege finden, Wirtschaftswachstum ohne fossile Brennstoffe und nur innerhalb von Grenzen zu erreichen. Sie hält seit Jahrzehnten an ihrem zerstörerischen Wirtschaftsmodell fest, obwohl längst klar ist, dass weder sie selbst auf Dauer so weitermachen noch der Rest der Welt ihrem Beispiel folgen kann. Die reichen Nationen haben ihren Lebensstil nicht ausreichend korrigiert – und deshalb ist es der multilateralen Politik nicht gelungen, den Klimawandel zu stoppen. In der Praxis sind die UN-Klimarahmenkonvention und ihr Kyoto-Protokoll wertlos. Am schmerzhaftesten spüren aber die Armen in den Entwicklungsländern die Folgen des Treibhauseffekts.

Offenkundig hält unser Planet die derzeit praktizierten energieintensiven Wachstumsmodelle nicht aus. Die Ressourcen der Erde sind begrenzt, und die Risiken, die mit der Energieproduktion einhergehen, sind enorm. Die Menschheit muss neue Wege finden, weniger Energie zu verbrauchen sowie andere Energie und mehr Energie zu produzieren – und zwar alles gleichzeitig.

Drastische Einschränkungen sind nötig. Dennoch spricht keine Regierung von der Beschränkung des Konsums. Wir wissen, dass Effizienz ein Teil der Lösung ist, aber Effizienz ohne Suffizienz ist bedeutungslos. Die Priorität kann nicht sein, die Gier der Mächtigsten zu erfüllen. Es muss darum gehen, die einfachen Bedürfnisse der Ärmsten zu befriedigen.

Die reichen Nationen sind aber noch immer nicht bereit, das Offensichtliche anzuerkennen: Wachstum hat Grenzen, es sei denn, wir wachsen anders.

Das Beste, was die Demokratie Indien bringen könnte, wäre eine Neudefinition der Art und Weise, wie wir uns entwickeln. Fest steht, dass Wachstum künftig erfordert, viel mehr mit viel weniger zu schaffen. Unser Weg zum Wachstum wird auf Sparsamkeit und Innovation basieren müssen. Die Herausforderung ist, eine große Masse Menschen an den Früchten der Entwicklung teilhaben zu lassen. Dazu muss ein Wachstum erfunden werden, dass sowohl bezahlbar als auch nachhaltig ist. Nur Demokratie und nochmals Demokratie führen zum richtigen Wandel.

Aber erst wenn die mächtigsten Nationen der Welt akzeptieren, dass ihr Wachstum Grenzen haben muss, wird die globale Staatengemeinschaft diesen neuen Weg einschlagen. Es ist möglich – und muss geschehen.

Die Frage ist, ob die Städter und Mittelschichten in Indien und der ganzen Welt diese Lektion schnell genug lernen. Wir können uns den teuren, reparierenden Umweltschutz, der mit aufwändigen Bandagen schwere Frakturen heilen will, nicht leisten. Wir müssen einsehen, dass unsere Zukunft davon abhängt, dass wir uns der Umweltbewegung der Armen anschließen und neue Antworten auf alte Probleme finden.