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Frauengesundheit

Beschneiderinnen legen Messer nieder

von Nfamara Jawneh
Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) war in Gambia ein Tabuthema. Erst kürzlich wurde das Schweigen gebrochen – nun sprechen die Menschen über die gesundheitsschädliche Tradition. ­60 Beschneider, die in 351 Gemeinden in Gambias Zentral- und Oberfluss-Regionen tätig sind, schworen im Dezember diesem Brauch öffentlich ab. [ Von Nfamara Jawneh ]

Am 5. Dezember 2009 organisierte die Nichtregierungsorganisation Gambia Committee on Traditional Practices Affecting the Health of Women and Children (GAMCOTRAP) die öffentliche Zeremonie „Die Messer beiseite legen“ in der Stadt Basse. In diesem Rahmen schworen fünf Dutzend ehemalige Beschneider folgenden Eid:

„Wir, die Beschneider von Gambia, die die Dorfverbände aus den Zentral- und Oberfluss-Regionen vertreten und heute im Stadion von Basse anwesend sind, erklären feierlich vor aller Welt und vor Gambia, dass wir die Praxis weiblicher Genitalverstümmelung in unseren Gemeinden aufgegeben haben. Jahrelang wurden wir durch die Aufklärungsarbeit von GAMCOTRAP über Frauengesundheit und die Erkenntnisse über die Folgen von FGM für die Sexual- und Reproduktionsrechte von Frauen sowie Kinderrechte informiert. Nachdem wir dieses Wissen nun haben, erklären wir öffentlich, dass wir uns nie wieder dem Brauch der FGM widmen werden. Wir übernehmen hiermit die Verantwortung für den Schutz und die Förderung der Interessen von Mädchen.“

Tausende Menschen verfolgten die Zeremonie im Stadion. Die Ärztin und
GAMCOTRAP-Geschäftsführerin Isatou Touray, hob die Rolle der Beschneider hervor – zumeist Frauen, die zugleich Heilerinnen und Geburtshelferinnen sind. Es sei ein großer Fortschritt, diese Frauen davon überzeugt zu haben, dass sie Schaden anrichten. Diese Frauen sind Autoritäten in ihren Gemeinden; wenn sie den Brauch aufgeben, werden das auch die Gemeinden tun.

Isatou Touray und ihre Organisation kämpfen in ganz Gambia dafür, Genitalverstümmelung zu beenden. Ihr Kampf begann bereits 1984, doch erst 2007 hörte die erste Gemeinde mit dem Brauch des Beschneidens auf und erklärte dies auch öffentlich.

Diese Tradition hat tiefe historische Wurzeln, ist aber nicht – wie viele Menschen glauben – religiös motiviert. In Gambia, einem muslimischen Land, wären viele Menschen bereit zu sterben, wenn ihre Religion es verlangt. Deshalb ist es wichtig zu betonen, dass weder der Koran noch die Heiligen Schriften anderer großer Religionen die Beschneidung von Frauen verlangen. Tatsächlich ist dieser Brauch in muslimischen Ländern wie Indonesien oder Bangladesch unbekannt.

„Als Opfer und mit kulturellen Erfahrungen dieser Praxis habe ich gelernt, durch Information, Bildung und Kommunikation die wahren Gründe für FGM zu verstehen“, sagt Isatou Touray. „Ich wuss­te, dass es sozioökonomische, kulturelle und religiöse Faktoren gab.“ GAMCOTRAP setzt an diesen Faktoren an. Sie diskutieren FGM-relevante Fragen über Glauben, Tradition, Gesundheit, Menschenrechte und Wirtschaft umfassend mit Beschneidern, die in ihren Gemeinden viel Verantwortung haben. Zugleich wird die breite Bevölkerung einbezogen – in einer Sprache, die sie versteht. Lieder, Bilder, Geschichten und Dramen helfen, Menschen über derartige Themen aufzuklären. Relevante Fragen lauten:
– Warum sterben immer wieder Frauen bei der Geburt?
– Was sind typische Geburtskomplikationen?
– Wie hängen sie mit FGM zusammen?

Für GAMCOTRAP sind die ehemaligen Beschneider wichtige Partner. Sie sind bestens dafür geeignet, sich an die anderen Heilerinnen und Geburtshelferinnen, die sich noch an die Tradition halten, zu wenden. Ein Problem ist es, dass die Beschneiderinnen mit ihrer Arbeit Geld verdienen, sodass sie Einkommen einbüßen, wenn sie die Messer niederlegen. GAMCOTRAP will das kompensieren, indem sie diesen Frauen Unternehmerfähigkeiten und alternative Beschäftigungsmöglichkeiten vermit­telt und sie in Gemeindeprojekte einbezieht.

Nationale Politik

Regierungsvertreter würdigen die Arbeit von GAMCOTRAP. „FGM ist schädlich für die Gesundheit kleiner Mädchen“, sagte Mariama Jaw beim öffentlichen Eid der Beschneider in Basse. Sie sprach als Ratsmitglied im Auftrag des Regionalgouverneurs und dankte GAMCOTRAP ausdrücklich dafür, „das Schweigen gebrochen“ zu haben.

UNFPA, das Intra-Africa Committee on Traditional Practices (IAC) und Yolocamba Solidaridad finanzierten die Zeremonie. Der stellvertretende Länderbeauftragte von UNFPA, Ruebe Mboge, vertrat dabei die UN-Behörden. Er bekräftigte das Engagement seiner Organisationen, die Initiativen bei der Eliminierung von FGM in Gambia zu unterstützen.

Bekai Camara, Abgeordneter für Wuli East, sagte, es werde bald ein Gesetz gegen FGM geben. Wer dann diesen Brauch weiterhin praktiziere, werde strafrechtlich verfolgt. Tatsächlich wurde der Gesetzgeber im Herbst umfassend über FGM informiert. Das Ergebnis war die Erklärung, dass FGM aufhören muss, weil es die Rechte der Frauen verletzt. Derzeit wird ein Beschneidungsverbot ab 2011 erwogen. Befürworter hoffen, dass das Parlament ein solches Gesetz einstimmig beschließt.

Gambia hat die UN-Konvention zur Eliminierung aller Formen von Diskriminierung gegen Frauen ratifiziert – ebenso wie das Afrikanische Protokoll über Frauenrechte. Entsprechende Gesetze zu erlassen ist die richtige Antwort auf diese internationalen Abkommen.

Unterdessen ist GAMCOTRAP enttäuscht von der einflussreichsten religiösen Organisation des Landes. Gambias Oberster Islamischer Rat hat sich bislang nicht öffentlich zum Thema geäußert. Die Organisation sieht den Rat als Verantwortlichen für viele Falschinformationen. „War­um beziehen sie keine ehrliche Position in der Öffentlichkeit? Wenn Leute zu dir aufblicken und du Verantwortung trägst, solltest du sie wahrnehmen, auch wenn es schwierig sein mag“, sagte GAMCOTRAP-Chefin Isatou Touray. Sie fühlt sich aber nicht von allen religiösen Führern im Stich gelassen: „Ich bin froh, dass Leute wie Imam Baba Leigh, Oustass Sanowo, Saikou Fayinke aus Basse und ein paar Wissenschaftler sich öffentlich im Sinne der Frauen geäußert haben.“

Auch andere nichtstaatliche Organisationen engagieren sich im Kampf gegen FGM. BAFROW (Foundation for Research on Women’s Health, Productivity and Development) und APGWA (Association for the Promotion of Gambian Women and Children) sind auch sehr aktiv. Kürzlich hat sich TOSTAN, eine weitere NRO, der Kampagne angeschlossen. Mit vereinten Kräften sollte es den Organisationen letztlich gelingen, eine weitere Hürde zu überwinden: Sie hoffen auf mehr Aufmerksamkeit in Gambias Staatsfernsehen und -rundfunk, den Anstalten mit Sendemonopolen im Land.