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Erziehungsmethoden

Schlimme Folgen von Schulgewalt

von Laura Hinze

Hintergrund

Körperliche Züchtigung und Erniedrigung gehören in vielen Ländern noch zu den schulischen Erziehungsmaßnahmen wie hier in Benin.

Körperliche Züchtigung und Erniedrigung gehören in vielen Ländern noch zu den schulischen Erziehungsmaßnahmen wie hier in Benin.

Körperliche Bestrafung an Schulen ist in vielen Weltregionen noch weit verbreitet. Die Konsequenzen sind verheerend. Kinder, die Gewalt von Lehrern (und Eltern) erleben, entwickeln nicht selten emotionale Probleme und Verhaltensauffälligkeiten. Die psychische Belastung beeinflusst häufig auch ihre kognitiven Fähigkeiten und Schulleistungen negativ. Es muss im Interesse der Staaten liegen, diese archaische Erziehungsmethode zu beenden.

Trotz international festgehaltener Ziele zur Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder ist laut der globalen Initiative „End All Corporal Punishment“ physische Bestrafung zu Hause derzeit in 139 Ländern legal, in der Schule in 67 Ländern. Am höchsten sind die Zahlen in Südostasien und Afrika, wo physische Bestrafung in Schulen in vielen Staaten sowohl legal als auch gesellschaftlich akzeptiert ist.

Seit acht Jahren widmet sich ein Team um den Psychologen Tobias Hecker von der Universität Bielefeld der Erforschung und Prävention von Gewalt in der Erziehung von Kindern im östlichen Afrika, unter anderem in Tansania. Die Wissenschaftler haben in einer Studie Schüler, Eltern und Lehrer an tansanischen Grundschulen befragt. 96 Prozent der Lehrer berichteten, im vorangegangenen Monat der Befragung mindestens eine Form von körperlicher oder emotionaler Gewalt gegen Schüler angewandt zu haben.

Am häufigsten gaben sie an, Schülern mit Gewalt zu drohen. Jeder fünfte Lehrer tat dies mehr als 20 Mal im Monat. Sie gaben auch an, die Schüler häufig anzuschreien und sie mit einem Lineal, Stock oder Ähnlichem auf das Gesäß oder auf Arme, Beine oder Hände zu schlagen. Passend zu den Angaben der Lehrer, berichteten 95 Prozent der Schüler, einmal im Monat mindestens eine Art von Gewalt durch Lehrer erfahren zu haben.


Leistungsabfall bei Schülern

Die Studien der vergangenen Jahre konnten zeigen, dass die erlebte Gewalt in direktem Zusammenhang mit psychischen Problemen der Kinder steht. Je mehr Gewalt Kinder durch Lehrer und die Eltern erleben, desto eher zeigen sie emotionale Probleme (Depressionen oder sozialen Rückzug) und Verhaltensauffälligkeiten (Aggressivität oder Hyperaktivität). Durch die psychische Belastung können sich Schüler schlechter konzentrieren und den Stoff lernen.

Kinder, die Gewalt erleben, sind meist kognitiv weniger leistungsfähig. Dies zeigt sich etwa durch schlechtere Schulnoten. Während Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Kinder gesellschaftlich weniger Gehör finden, stoßen Erkenntnisse über die Folgen für die schulischen Leistungen auf großes Interesse sowohl von Lehrern als auch Eltern. Kinder vor Gewalt zu schützen ist nicht nur für ihre eigene gesunde Entwicklung dringend notwendig, sondern auch, um die Wirtschaft in einkommensschwachen Ländern wie Tansania nicht zusätzlich zu belasten. So untersuchte Plan International anhand einer Studie die wirtschaftlichen Folgen von Gewalt gegen Kinder am Beispiel von Indien: Die Kosten, die der Gesellschaft durch Schulabgänge aufgrund von Schulgewalt entstehen, wurden auf etwa 1,5 bis 7,5 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt.

Mit Blick auf die verheerenden Konsequenzen – emotional, kognitiv, aber auch wirtschaftlich und gesellschaftlich – stellt sich die Frage, warum Lehrer Schüler körperlich und seelisch bestrafen, um sie zu disziplinieren. Auch dieser Frage geht das Forschungsprojekt von Tobias Hecker nach und fand heraus, dass die Einstellung der Lehrer gegenüber Gewalt in der Erziehung dabei eine wichtige Rolle spielt.

Eine zustimmende und akzeptierende Haltung gegen Gewalt kann unter anderem durch eigene Erfahrungen in der Kindheit erklärt werden. Die Lehrer haben es ihrerseits oft nicht anders erlebt und sind in einem gesellschaftlichen Umfeld aufgewachsen, in dem körperliche Bestrafung als normal gilt. Ein Teilnehmer der Studie berichtet: „Darüber nachzudenken, wie ich die Prügel von meinen Lehrern erlebt habe, wie ich mich gefühlt habe und was ich gedacht habe, das hat etwas verändert. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich einen Schüler verprügele, dann kommen gleich meine Wut, meine Verzweiflung, mein Hass hoch, die ich empfunden habe, als mein Lehrer mich verprügelt hat.“

Es spielen aber auch konkrete Überzeugungen und Mythen zu physischer Bestrafung eine wichtige Rolle. Viele Lehrer glauben, dass andere Erziehungsstrategien weniger effektiv sind. Sie bringen körperliche Bestrafung mit dem Erlernen von Respekt und der Bildung des Charakters in Zusammenhang. Es herrscht auch die Auffassung, dass einige Kinder mit anderen Methoden nicht zu kontrollieren seien. Zudem sind Lehrer mit Klassen von bis zu 200 Schülern, mangelnden Unterrichtsmaterialien und einem Haushaltseinkommen von meist weniger als 220 Dollar monatlich (mit durchschnittlich 5 Personen pro Haushalt) großem Stress ausgesetzt. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass Stress zu höherer Aggressivität führt und dass Lehrer mit höherem Stress mehr Gewalt gegen Schüler anwenden.


Gewaltfreie Erziehung lernen

Das Forschungsteam von Hecker hat zusammen mit afrikanischen Wissenschaftlern ein Trainingsprogramm für Lehrer entwickelt, das bei den Ursachen für den Einsatz gewalttätiger Bestrafung ansetzt (siehe Kasten). Interaction Competencies for Children for Teachers (ICC-T) ist ein einwöchiger interaktiver Workshop für 20 bis 30 Teilnehmer. Dieser vermittelt Wissen über kindliche Entwicklung, Folgen von Gewalt und alternative Erziehungsmethoden (wie Verstärkungssysteme, logische Konsequenzen oder Partizipation). Die Teilnehmer werden in einem Teil des Programms aber auch dazu angeleitet, ihre eigenen Gewalterfahrungen aus der Kindheit – sowie ihre jetzige Rolle als Ausübende von Gewalt – zu reflektieren.

Das Besondere an ICC-T ist, dass es speziell für ressourcenschwache Kontexte entwickelt wurde. Die Teilnehmer werden dazu motiviert, den Workshop aktiv mitzugestalten und sich mit den anderen intensiv auszutauschen. Auch über den Workshop hin­aus sollen sich die Lehrer über soziale Medien ein Netzwerk zum Austausch aufbauen. Langfristig soll das die Wahrscheinlichkeit, dass die Teilnehmer im Alltag zu alten Gewohnheiten zurückkehren, senken. Außerdem sollen Kollegialität und Kommunikation zwischen den Lehrern gestärkt und damit die Arbeitsatmosphäre verbessert werden.

Bislang wurde ICC-T im Rahmen von drei Studien an 17 Schulen durchgeführt. Teilnehmende Schulen waren Grund- und Sekundarschulen aus urbanen und ländlichen Regionen in Tansania und Uganda. Das Interesse der Lehrer an dem Workshop war groß, die Teilnehmer überwiegend sehr motiviert. Die ersten beiden Studien, in denen das Programm an weiterführenden Schulen in Tansania und Uganda durchgeführt und auf seine Wirksamkeit hin überprüft wurde, lieferten vielversprechende Ergebnisse. Die teilnehmenden Lehrer berichteten, dass sich ihre Einstellungen zu Gewalt verändert habe, und gaben an, weniger physische und emotionale Gewalt gegenüber ihren Schülern anzuwenden. Ein Teilnehmer berichtet: „Ich habe vorher nie darüber nachgedacht, was meine Schüler dabei empfinden. Es fühlt sich für mich aber nicht gut an, wenn ich nun weiß, dass sie mich hassen, dass sie auf Rache sinnen, dass sie mich nur noch fürchten und nicht mehr achten. Der Gedanke ist schrecklich, und das ist nie und nimmer das, was ich wollte.“


Laura Hinze war für ihre Masterarbeit im Fach Psychologie an der Durchführung der Studie von Tobias Hecker beteiligt. Aktuell arbeitet sie als klinische Psychologin in einer psychiatrischen Akutklinik.
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