Lieferketten
Kakao nachverfolgen – vom Baum bis in den Handel
Wer in Europa einen Schokoriegel in die Hand nimmt, kennt selten die Geschichte hinter dem Kakao, der darin steckt. Dabei steht der Kakaosektor im Mittelpunkt dringender globaler Debatten über Nachhaltigkeit, Fairness und Transparenz. Dies gilt besonders für Westafrika, wo etwa zwei Drittel des weltweiten Kakaos angebaut werden. Probleme wie Entwaldung, Kinderarbeit und der Kampf der Kleinbäuerinnen und -bauern um ein existenzsicherndes Einkommen plagen die Branche seit Langem.
Es wird immer mehr dafür getan, diese Herausforderungen in den Griff zu bekommen. Im Jahr 2023 verabschiedete die Europäische Union die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR), die im Januar 2027 vollständig in Kraft treten soll. Die Verordnung verpflichtet Unternehmen, nachzuweisen, dass wichtige Rohstoffe – unter anderem Kakao – nicht mit Entwaldung in Verbindung stehen und dass Menschenrechtsstandards eingehalten werden. Dies setzt die produzierenden Länder – besonders Ghana und Côte d’Ivoire – unter Druck, ihre Kakao-Lieferketten transparenter zu gestalten.
Digitaler Durchbruch
Darauf hat Ghana reagiert, indem es eine digitale Lösung eingeführt hat, die ein Wendepunkt für die Kakaoindustrie werden könnte. Das Ghana Cocoa Traceability System (GCTS) wurde vom Ghana Cocoa Board (COCOBOD) entwickelt und mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH getestet. Es soll jeden Sack Kakaobohnen nachverfolgen können, von dem Feld, auf dem die Bohnen geerntet wurden, bis zu dem Hafen, von dem aus der Kakao das Land verlässt.
Dieses Projekt ist Teil der EU-Initiative für nachhaltigen Kakao. Das 2020 ins Leben gerufene Programm fördert eine fairere und umweltfreundlichere Kakaoproduktion. Finanziert wird es von der Europäischen Union und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). COCOBOD leitet die Umsetzung in Ghana.
Das GCTS sammelt und verknüpft detaillierte Daten zu Kakaofarmen, Landwirt*innen, Produktionsmengen und Transportwegen. Mithilfe digitaler Tools wie GPS-Kartierung, Barcode-Kennzeichnung und mobiler Datenerfassung ermöglicht das System die Dokumentation und den Nachweis, dass Kakao gemäß den Anforderungen der EUDR produziert wurde. Dies hilft Exportfirmen und Regulierungsbehörden, die Einhaltung der EU-Vorschriften zu belegen.
In der Pilotphase im Bezirk Assin Fosu wurden mehr als 40.000 Farmen kartiert und mehr als 20.000 Landwirt*innen, die Kakao anbauen, registriert – 40 % davon sind Frauen. Während der mageren Saison 2023/2024 wurden mehr als 1230 Säcke (etwa 77 Tonnen) nachhaltig angebauten Kakaos verkauft und über das System verschifft.
„Das System hat bereits bewiesen, dass eine vollständige Rückverfolgbarkeit möglich ist“, sagt Faruk Nyame, technischer Leiter des GCTS-Implementierungsausschusses bei COCOBOD. „Jeder Sack Kakao kann mit einer Farm, einem Bauern und einer bestimmten Parzelle in Verbindung gebracht werden. Das ist nicht nur entscheidend dafür, dass die Vorschriften eingehalten werden, sondern auch dafür, Verantwortlichkeiten entlang der gesamten Lieferkette zu schaffen.“
Landwirt*innen profitieren
Zu den transformativsten Aspekten des GCTS zählt, wie es sich auf das Leben der Kakaobäuerinnen und -bauern auswirkt. Sie hatten bisher nur wenig Einblick in die Bewertung und den Verkauf ihres Kakaos und waren dadurch oft unfairer Preisgestaltung und dem Zwischenhandel ausgeliefert. Durch das GCTS werden Landwirt*innen mit eindeutigen digitalen IDs registriert und können direkter mit Einkaufs- und Unterstützungssystemen verbunden werden. Dies schafft Transparenz in der Kakao-Lieferkette und eröffnet Möglichkeiten für eine gerechtere Verteilung von Zahlungen und Inputs wie Dünger und Kakaosetzlinge, aber auch für den Zugang zu Rentensystemen und landwirtschaftlichen Beratungsdiensten.
„Das ist nicht nur eine technische Verbesserung“, erklärt Nana Kwasi Ofori, der die Landwirt*innen in Ghanas Zentralregion vertritt. „Es geht darum, Bäuerinnen und Bauern als Schlüsselfiguren in einer globalen Kette anzuerkennen und nicht nur als Zulieferer am Rande.“
Das GCTS kommt in einem kritischen Moment. Die europäischen Märkte bereiten sich darauf vor, strengere Importstandards gemäß der EUDR durchzusetzen. Somit spielen Systeme wie dieses eine zentrale Rolle dabei, Unternehmen die erforderlichen Sorgfaltspflichterklärungen für den EU-Markt zu ermöglichen. Angehörige der schweizerischen und niederländischen Botschaften, die kürzlich die Pilotstandorte besuchten, betonten, Unternehmen in ihren Ländern seien auf eine solche Rückverfolgbarkeit angewiesen, um ihre Ziele im Hinblick auf nachhaltige Beschaffung zu erreichen.
„Rückverfolgbarkeit ist nicht mehr nur ein nettes Extra, sondern ein absolutes Muss“, sagt Celine Prud’homme Madsen, Programmmanagerin für nachhaltige Landwirtschaft und Kakao bei der EU-Delegation in Ghana. „Ghana zeigt, dass es eine Vorreiterrolle bei der nachhaltigen Beschaffung einnehmen kann – und das sind gute Nachrichten sowohl für Bäuerinnen und Bauern als auch für Konsumenten.“
Vorbereitung auf landesweite Einführung
Das Pilotprojekt gilt als erfolgreich, und die nächsten Schritte sind bereits angelaufen. In Planungsworkshops in Kumasi wurden die Erfahrungen aus dem Pilotprojekt ausgewertet und die landesweite Umsetzung vorbereitet. Es gibt einen „Probelauf“ mit acht lizenzierten Einkaufsunternehmen, die zusammen 60 % der inländischen Kakaokäufe tätigen. Eine letzte Runde der Datenerfassung sorgte dafür, dass auch alle weiteren Bäuerinnen und Bauern registriert sind, bevor die vollständige Einführung in der Kakaosaison 2025/2026 beginnt.
Die vollständige Einführung stieß allerdings auf technische Schwierigkeiten, wie fehlende Internetzugänge in einigen Gemeinden und mangelnde technische Fachkenntnisse bei einigen Käufer*innen. Daher unterstützte die GIZ das COCOBOD dabei, lizenzierten Einkaufsunternehmen bei der Bewältigung dieser Herausforderungen zu helfen.
Claudia Maier, Länderkoordinatorin für die Sustainable Cocoa Initiative bei GIZ Ghana, betont die Bedeutung von Interoperabilität. „Das Rückverfolgbarkeitssystem muss nahtlos mit Zahlungssystemen und Logistikketten zusammengehen. Dafür braucht es eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem Privatsektor“, sagt sie.
Ghanas Finanzminister Cassiel Ato Forson betont, dass das GCTS „sicherstellen wird, dass Ghana die Sorgfaltspflichten der EU-Entwaldungsverordnung vollständig erfüllt“. Er sagt, das System versetze Ghana in eine bessere Position, um Kakao zu liefern, der rückverfolgbar, frei von Entwaldung und Kinderarbeit sowie konform mit den EU-Vorschriften sei.
Das Ghana Cocoa Traceability System ist ein Modell, das die Zukunft des globalen Kakaohandels prägen könnte. Es zeigt, wie digitale Tools – kombiniert mit politischem Druck und ausgerichtet auf die Kakaobäuerinnen und -bauern – sinnvolle Veränderungen herbeiführen können. Für wichtige Stakeholder der Branche wie Schokoladenproduzenten, Markenunternehmen, Regulierungsbehörden und NGOs ermöglicht das System zuverlässig, Angaben zur Nachhaltigkeit zu überprüfen. Regierungen hilft es, Umweltfolgen besser zu überwachen. Und für die Menschen, die Kakao anbauen und allzu oft übersehen werden, könnte es der Beginn einer transparenteren und selbstbewussteren Teilnahme am milliardenschweren globalen Markt sein.
Nastaran Zarnegari arbeitet für die GIZ in Deutschland im Bereich Kommunikation mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik. Sie koordiniert die strategische und politische Kommunikation der Sustainable Agricultural Supply Chains Initiative (SASI).
nastaran.zarnegari@giz.de
Francis Dadzie Mintah ist Berater für Monitoring, Evaluierung und Kommunikation beim GIZ – Sustainable Cocoa Programme in Ghana. Er hat in den Bereichen Landwirtschaft, Umwelt und Bergbau gearbeitet und ist auf Nachhaltigkeit, Datenanalyse und Projektmanagement spezialisiert.
francis.mintah@giz.de