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Biodiversitität

„Die Evolution steht nicht still“

von Erich Mies
Für die Ernährungssicherheit der Menschheit ist es wichtig, pflanzengenetische Ressourcen zu schützen und sie ökonomisch nachhaltig zu nutzen. InWEnt unterstützt das notwendige Umdenken, wie InWEnt-Mitarbeiter Erich Mies erläutert. [ Interview mit Erich Mies ]

Welche Politikfelder und Verwaltungsebenen in Deutschland haben Einfluss auf Biodiversität?
Umwelt-, Agrar-, Forst-, Energie- und Infrastrukturpolitik spielen alle eine Rolle. Auf der Bundesebene betrifft das vor allem die Ministerien für Umwelt, Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz sowie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), in dessen Auftrag InWEnt arbeitet. Auf der Länderebene sind es neben den entsprechenden Ministerien vor allem die Landratsämter und andere Fachbehörden, die beispielsweise für die Umsetzung von land- und forstwirtschaftlichen Rahmenplanungen zuständig sind. Über die Überwachung der Einhaltung der Regeln haben sie Einfluss darauf, ob sich der Zustand der Biodiversität durch wirtschaftliches Handeln negativ oder positiv verändert.

Deutschland ist kein Land mit großer Biodiversität, wie in anderen Industriestaaten hat es historisch enorme Umweltschäden gegeben. Inwiefern können wir Vorbild sein?
Für die Entwicklungsländer können die Erfahrungen der Industrieländer, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne, wertvolle Hinweise zur Vermeidung von Fehlern im Rahmen der nationalen Entwicklungspläne geben. Den Teilnehmenden unseres Programms ist regelmäßig positiv aufgefallen, dass Umweltschutz inklusive Rücksicht auf die biologische Vielfalt in Deutschland zum Alltagsleben der Menschen gehört. In vielen Entwicklungsländern bleibt es meistens bei politischen Absichtserklärungen in Hauptstädten. Bei uns ist das anders, weil Regierungsvorgaben durchaus auf der Gemeindeebene konkrete Folgen haben.

Das klingt sehr positiv.
Wir haben in unseren Trainingskursen auch die Schattenseiten eines Industrielandes gezeigt: Großflächige Agrarlandschaften ohne Strauch- und Baumbewuchs oder die Mondlandschaften ehemaliger Braunkohletagebaue südlich und nördlich von Leipzig. Das sind massive Eingriffe in ganze Landschaften und viele kleine Biotope. Andererseits konnten wir dann aber auch zeigen, dass Umweltzerstörung rückgängig gemacht werden kann, dass wir uns um Renaturierung kümmern und dass das besonders gut funktioniert, wenn man die Bevölkerung – zum Beispiel über Vereine – einbezieht. Das ermutigt Menschen aus Ländern, in denen ähnliche Umweltzerstörungen gerade stattfinden.

Mit welchen Instrumenten wird Biodiversität weltweit geschützt?
International ist die Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt (CBD) das wichtigste politische Instrument. Deutschland hat diese Konvention unterzeichnet und mit der Entwicklung einer Biodiversitätsstrategie konkrete Schritte zur Erhaltung und zur Nutzbarmachung von Artenvielfalt eingeleitet. Auf der europäischen Ebene dienen Programme wie Natura 2000 oder Flora-Fauna-Habitat dem Schutz der Biodiversität. Wirkungsvoll können auch direkte und indirekte finanzielle Fördermechanismen sein, wie beispielsweise Prämien für extensive Bewirtschaftungsformen. Die Zertifizierung von Waldflächen, im organischen Landbau, Öko-Siegel oder Fair Trade sind ebenfalls Initiativen, die zum Schutz oder zur nachhaltigen Nutzung von Biodiversität beitragen.

Viele Menschen verbinden mit dem Stichwort Biodiversität Naturparke – das ist aber zu kurz gegriffen.
Ja, Naturparke, also großflächige Gebiete, die man ganz oder teilweise unter Schutz stellt, leisten in der Tat einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität. Besonders wichtig ist das in tropischen Regenwäldern oder Korallenriffen, wo eine besonders hohe Artenvielfalt auf kleinem Raum existiert. Aber Naturschutzgebiete sind auch in Europa sinnvoll, auf Feuchtwiesen zum Beispiel ist die Diversität oft sehr groß. Dennoch reichen Naturschutzgebiete nicht aus, um die Biodiversität zu schützen. Es geht um den Erhalt vielfältiger Landschaften und ihrer typischen Lebensformen einerseits. Geschützt werden soll aber auch die Vielfalt innerhalb der einzelnen Tier- und Pflanzenarten, also die Genpools einzelner Arten.

Dafür gibt es Genbanken.
Richtig, sie sind wichtig, um die genetische Vielfalt zu erhalten. Allerdings reicht es nicht, Samen und Keimzellen in einer Genbank einzulagern – denn die natürliche Umwelt entwickelt sich immer weiter, die Evolution steht nicht still. Das Material, das in Genbanken eingelagert wird, ist aber aus der Evolution herausgenommen. Das bedeutet dass spezifische Eigenschaften von bestimmten Sorten verloren gehen können, obwohl die Erbinformationen eigentlich in einer Genbank sicher aufbewahrt werden. Es kommt also schon auch darauf an, die biologische Vielfalt in ausgewachsenen Organismen in der normalen Umwelt zu erhalten.

Welchen Stellenwert hat agrarische Biodiversität?
Die Artenvielfalt landwirtschaftlicher Nutzpflanzen wird für die Ernährungssicherheit der Weltbevölkerung in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen. Das liegt unter anderem daran, dass die Weltbevölkerung zunimmt, die Landflächen zur Produktion von tierischer und pflanzlicher Nahrung zugleich aber eher abnehmen. Die Produktionssteigerungen durch technologischen Fortschritt sind zuletzt auch geringer ausgefallen als erhofft. Obendrein müssen wir vermehrt mit Produktionsverlusten wegen der Auswirkungen des Klimawandels rechnen. All das bedeutet, dass Züchter einen möglichst großen Pool an genetischen Informationen brauchen, um Sorten zu erzeugen, die der Menschheit erlauben, diese gewaltigen Herausforderungen zu meistern.

Für Laien ist oft nicht leicht nachzuvollziehen, warum der Schwund der Vielfalt so beunruhigend sein soll. Können Sie das erklären?
In den letzten 50 Jahren sind weltweit viele Haustierrassen und einheimische Getreidesorten verschwunden. Das lag auch daran, dass eine aggressive Agrarindustrie die Einführung von Hochleistungsrassen und -sorten forciert hat. Zu Beginn der Landwirtschaft vor etwa 10 000 Jahren wurden etwa 7000 Pflanzenarten für die menschliche Ernährung verwendet. Heute jedoch werden 95 Prozent der Nahrungsenergie der Menschen nur noch von 30 Pflanzenarten gedeckt. Der Anteil von Weizen, Reis und Mais allein liegt dabei bei über 50 Prozent und der Anteil dieser drei Kulturarten nimmt weltweit 70 Prozent aller landwirtschaftlich genutzten Flächen in Anspruch. Das ist riskant, denn Krankheiten oder extreme Wetterlagen können zu hohen Ernteausfällen bei einzelnen Sorten führen. Wenn viele verschiedene Sorten und Arten kultiviert werden, ist das Risiko kleiner.

Umdenken wird doch aber spätestens seit dem Erdgipfel der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro 1992 gefordert, auf dem die Grundlagen für die CBD, die Klimarahmenkonvention und andere Abkommen über Umwelt und Entwicklung gelebt wurden.
Der Geist von Rio ist durch liberale Wirtschaftspolitik verweht worden. Und es hat den Anschein, dass erst seit dem Report von Nicolas Stern über die Folgen des Klimawandels 2006 langsam wieder ein Umdenken in Gang kommt. Aber die Zeit läuft uns davon: Täglich gehen zwischen 50 und 100 Arten unwiederbringlich verloren und damit auch wirtschaftliche Optionen. Denken sie zum Beispiel an Medizin aus tropischen Pflanzen. Positiv ist allerdings die verstärkte Rückbesinnung auf lokale und regionale Produktion und Vermarktung zu erwähnen.

Was tun Sie denn, um Änderungen in der Praxis zu bewirken?
Von 1995 bis 2007 haben wir in Zusammenarbeit mit dem IPK Gatersleben – „IPK“ steht für Institut für Pflanzengenetik und Kulturartenforschung – Trainingskurse zu "Schutz und Nutzbarmachung pflanzengenetischer Ressourcen" durchgeführt. An dem einjährigen Programm in Deutschland haben insgesamt rund 150 Fachkräfte aus Lateinamerika, Afrika und Asien teilgenommen. Alle brachten praktische Fragestellungen aus ihrer Heimat und ihren Institutionen oder Organisationen mit, denen sie dann hier nachgingen – und dabei auch Kontakte über InWEnt und das IPK hinaus zu weiteren Hochschulen und Fachleuten nutzten und auch heute noch nutzen. Dabei ging es dann beispielsweise darum, in Burundi die genetischen Daten von besonders ergiebigen Bananensorten zu erfassen. Partner in Laos waren daran interessiert, die Erträge einheimischer Reissorten zu steigern.

Sind Sie mit den Ergebnissen zufrieden?
Angesichts der Dimensionen dieses globalen Problems ist Zufriedenheit der falsche Begriff. Es muss viel mehr geschehen, als bisher erreicht wurde. Das heißt aber nicht, dass ich mich über Erfolge nicht freuen würde. Und es gibt Erfolge. Auf der Basis der eben erwähnten Datensammlung hat sich der Bananenanbau in Burundi diversifiziert und die Produktivität wurde verbessert. In Bolivien ist es auf der Grundlage der Arbeit einer unserer Teilnehmerinnen gelungen, mit einem Kälteverfahren wertvolles genetisches Material einer Vielzahl von Knollengewächsen langfristig zu konservieren. Das ist sehr wichtig, denn die Anden sind die Herkunftsregion der Kartoffel, weshalb dort die genetische Vielfalt dieser Pflanze besonders groß ist. Solche Beispiele zeigen, dass das Motto „think globally, act locally“ nicht nur hohles Gerede ist.