SDGs
Wie Peru trotz politischer Krisen Fortschritte erzielt hat
Javier Bronfman im Interview mit Eva-Maria Verfürth
Viele Länder Südamerikas liegen im SDG-Ranking vor Peru – mit Chile, Uruguay und Argentinien an oberster Stelle. Dennoch ist Peru das Land, das in den letzten zehn Jahren die größten Fortschritte erzielt hat. Wie war das möglich?
Peru ist von einem niedrigen Niveau gestartet und hat beeindruckende Fortschritte erzielt, auch wenn es in vielen Bereichen noch deutlich zurückliegt. Dieser Fortschritt war auch aufgrund des Wirtschaftswachstums möglich, das durchaus breitenwirksam war. Das Land stützt sich auf Einnahmen aus dem Export natürlicher Ressourcen und Bergbau, und ein beträchtlicher Teil davon wurde in soziale Programme wie Bildung und Sozialversicherungen investiert.
Würden Sie also sagen, dass Perus Fortschritte bei den SDGs vor allem auf das Wirtschaftswachstum zurückzuführen sind?
Zum Teil ja. Chiles Wirtschaft ist vor einigen Jahrzehnten stark gewachsen, und auch dort haben sich die Indikatoren in diesem Zeitraum verbessert. Aber: Wirtschaftswachstum kann zwar Impulse für Entwicklung geben, hat jedoch nicht immer diese Wirkung. Bemerkenswert in Peru ist, dass die Einnahmen in sinnvolle soziale Investitionen geflossen sind, was nicht in allen lateinamerikanischen Ländern der Fall war. Der Fortschritt bei den SDGs war also einerseits möglich wegen des Wirtschaftswachstums – aber auch aufgrund solider Politik.
Das ist eine überraschende Aussage angesichts der politischen Turbulenzen in Peru in den letzten Jahren. Im Oktober wurde die ehemalige Präsidentin Dina Boluarte nach massiven Protesten und Unruhen ihres Amtes enthoben. Wie konnte das Land unter solchen Bedingungen Fortschritte erzielen?
Peru hatte in den letzten zehn Jahren sieben Präsident*innen, von denen viele anschließend zu Gefängnisstrafen oder Hausarrest verurteilt wurden. Auch die Fluktuation bei Minister*innen war hoch. Eine solche Instabilität schwächt in der Regel die Institutionen und behindert nachhaltige Entwicklung. Außerdem schreckt sie ausländische Investoren ab und behindert Wirtschaftswachstum. In Peru war dies jedoch nicht der Fall. Ausländische Investitionen, insbesondere im Rohstoffsektor, blieben stark.
Warum funktionierten die Institutionen weiterhin?
Die fachlich-technische Führung innerhalb der öffentlichen Institutionen ist stark. Beispielsweise hat CEPLAN, das Nationale Zentrum für strategische Planung, hervorragende Arbeit geleistet, Herausforderungen identifiziert und langfristige strategische Ziele festgelegt. Auch das Bildungsministerium verfügt über kompetente Führungskräfte. Sie sorgen trotz der Instabilität auf der höheren politischen Ebene für Kontinuität, setzen wirkungsvolle Maßnahmen um und haben das Land in die richtige Richtung gelenkt. Ein weiterer Grund ist, dass Peru bereits über recht gut konzipierte Sozialprogramme verfügt, wie Bargeldhilfen und Bildung.
Im Bereich Bildung hat Peru besonders große Fortschritte gemacht. Was hat das Land dafür getan?
Peru hat sich zunächst auf den Zugang zu Bildung, dann auf Qualität konzentriert. Es wurde in die Lehrerausbildung investiert, in zweisprachigen Unterricht und die Einbeziehung Indigener Gemeinschaften. Zudem hat das Land neue nationale Bildungspläne und Lehrmethoden eingeführt und mit internationalen Organisationen zusammengearbeitet. Die lokalen Behörden erhielten mehr Autonomie bei Budgetentscheidungen. Obwohl sich die Indikatoren erheblich verbessert haben, ist die Bildungsqualität jedoch noch lange nicht ausgezeichnet.
Auch die Korruptionswahrnehmung ist in Peru hoch. Transparency International stuft Peru auf Platz 127 von 180 Ländern ein. Behindert das Entwicklung nicht?
Die wahrgenommene Korruption auf höchster politischer Ebene ist einer der Gründe für die aktuellen Unruhen und behindert definitiv Entwicklung. Ein Land kann sein Entwicklungspotenzial nicht ausschöpfen, wenn seine politische Führung häufig wechselt. Es gibt jedoch noch eine andere Ebene der Korruption – die informellen Netzwerke gegenseitiger Unterstützung. Diese reichen von den ärmeren Bevölkerungsschichten bis zu den höheren Machtebenen. Die Menschen nehmen diesen Austausch nicht immer als Korruption wahr, und in einigen Fällen fördert er sogar eine Art sozialen Zusammenhalt. Wenn alle am Netzwerk der Gefälligkeiten teilhaben und niemand zurückgelassen wird, kann dies in einem ansonsten instabilen und informellen Umfeld von Vorteil sein.
Können Sie das etwas näher erläutern?
Informalität ist in Peru weit verbreitet – nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch in der Gesellschaft. Die Menschen helfen sich gegenseitig und verlassen sich aufeinander, weil formelle Systeme oft nicht funktionieren. Das verleiht ihnen Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit und schafft auch Flexibilität: Wenn es weniger formelle Anforderungen gibt, ist es leichter, den Arbeitsplatz zu wechseln oder ein neues Unternehmen zu gründen. Wenn externe Schocks wie die Pandemie auftreten, finden die Menschen so Wege, damit umzugehen. Auch wenn dies kurz- und mittelfristig einige positive Auswirkungen haben mag, ist es aber langfristig kein Ersatz für starke, verlässliche Institutionen. Langfristig behindert es Entwicklung, und das sehen wir bereits an den wachsenden Unruhen und Menschenrechtsproblemen. Der Fall Perus zeigt aber grundsätzlich, dass wir in der Entwicklungspolitik auch diese lokalen Gegebenheiten berücksichtigen müssen. Es gibt keinen One-size-fits-all-Ansatz, und nicht jedes Land wird denselben Entwicklungsweg einschlagen.
In welchen SDG-Bereichen ist Peru wenig vorangekommen?
Viele Bereiche erfordern Aufmerksamkeit: Armut, Hunger, Gesundheit – insbesondere Unterernährung und Anämie – sowie Ungleichheit, nicht nur beim Einkommen, sondern auch beim Zugang zu staatlichen Leistungen und Chancengleichheit. Stadt und Land haben unterschiedliche Herausforderungen und Bedürfnisse, die berücksichtigt werden müssen. Auch die Umweltindikatoren sind schlecht, obwohl neue Regularien erlassen und internationale Verträge unterzeichnet wurden. Die Umsetzung ist jedoch nach wie vor unzureichend. Das ist beunruhigend, da Peru Extremwetterereignissen wie Schlammlawinen, Dürren, Waldbränden und starken Regenfällen ausgesetzt ist. Das Land braucht eine widerstandsfähige Infrastruktur.
Warum ist die Durchsetzung von Umweltvorschriften so schwierig, während der Sozialbereich recht gut vorankommt?
Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben, wie beispielsweise institutionelle Kapazitäten. Umweltschutz ist aber auch ein politisch sensibles Thema. Die Bergbauindustrie ist für die Wirtschaft zentral, sodass beispielsweise gezögert wird, nachhaltigen Bergbau ernsthaft zu verfolgen. Viele Menschen glauben auch immer noch, dass Klimaschutz das Wirtschaftswachstum einschränkt – nicht nur in Peru. Das ist jedoch schlichtweg falsch. Es gibt viele Geschäftsmöglichkeiten im Bereich erneuerbare Energien sowie bei der Anpassung an den Klimawandel und der Stärkung der Widerstandsfähigkeit.
Wie hat sich Lateinamerika insgesamt in den letzten Jahren entwickelt?
Wir befinden uns in einer kritischen Phase. Die Region steht vor einem weiteren verlorenen Jahrzehnt mit geringer Produktivität und wirtschaftlicher Diversifizierung. Es gab Rückschläge in der Entwicklung, insbesondere im sozialen Bereich. Externe Schocks, insbesondere klimabedingte, haben die Region hart getroffen – auch, weil die Schutzmaßnahmen schwach sind. Die Armutsquote in der Region war seit den 1980er-Jahren rückläufig, aber die Pandemie hat einen Teil davon zunichte gemacht. Und auch wenn Menschen der Armut entkommen sind, bleiben sie dennoch gefährdet und könnten durch Schocks leicht zurückgeworfen werden. Im regionalen UNDP-Bericht über die menschliche Entwicklung (Regional Human Development Report 2025) haben wir uns daher auf das Thema Resilienz konzentriert. Es reicht nicht aus, Menschen aus der Armut zu befreien, wir müssen sie auch davor bewahren, wieder zurückzufallen. Dazu gehört, sie vor Klimakatastrophen zu schützen, Versicherungen anzubieten, die Wirtschaft anzukurbeln, um Arbeitsplätze zu schaffen, und Weiterbildungsprogramme anzubieten.
Sie sind Teil des Teams, das für UNDP den Bericht „Demokratie und Entwicklung in Lateinamerika und der Karibik“ verfasst, der nächstes Jahr veröffentlicht wird. Warum ist Demokratie ebenfalls ein wichtiges Thema?
Die Region hat Fortschritte gemacht, und die meisten Länder hatten stabile demokratische Regierungen und Wahlen. Aber heute steht die Demokratie unter Druck. Die Polarisierung nimmt zu, und das politische Zentrum erodiert. Das erschwert gute Regierungsführung und schafft mehr Raum für autoritäre Regierungen. Es wirkt sich auch negativ auf die Entwicklungsfortschritte aus und ist ein Risiko für die Wirtschaft.
Warum stehen Demokratien Ihrer Meinung nach unter Druck?
Ich glaube, dass wir eine Zukunftskrise haben. Ich unterrichte seit 20 Jahren an der Universität und beobachte wachsende Unsicherheit und Angst unter den jungen Menschen. Wir müssen ihnen wieder Hoffnung geben, indem wir auf eine Welt hinarbeiten, die zur Teilhabe einlädt – die Räume bietet, in denen Menschen sich entfalten, innovativ sein und ihr Leben gestalten können. Es ist verheerend, dass nur etwa 18 % der SDGs auf dem Weg sind, bis 2030 erreicht zu werden. Aber es gibt in jedem Land Verbesserungsmöglichkeiten. Wir müssen diese Möglichketen erkennen und die Herausforderungen angehen. Das ist der einzige Weg nach vorne.
Quelle
Briceño, V., Bronfman, J., De Los Ríos, C., und Villagarcia, F., 2024: New effective paths for approaching the 2030 Agenda with public and private actors amid political instability.
Javier Bronfman ist UNDP Regional Adviser on SDG Integration für Lateinamerika und die Karibik.
javier.bronfman@undp.org