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Hochschulbildung

„Keine soziale Durchlässigkeit“

von Ramón García-Ziemsen
Protesting students in Chile

Protesting students in Chile

In Lateinamerika haben häufig nur Kinder aus wohlhabenden Familien die Chance zu studieren. Der Zugang zu Hochschulen ist zum mobilisierenden Thema breiter sozialer Bewegungen geworden. Interview mit Ramón Garcia-Ziemsen

Was war Ihr erster Eindruck, als Sie zu Ihrem neuen Arbeitsplatz kamen – als Dozent an der privaten Universidad del Norte in Barranquilla, Kolumbien?
Ich war wirklich beeindruckt. Die Universität ist super eingerichtet, alles nur vom Feinsten – zumindest fast alles. Die Universidad del Norte sieht so ähnlich aus wie Hochschulen in den USA – da stehen auch mal 20 Apple-Computer in einem Raum, alles hypermodern. Es gab Momente, da kam ich mir vor wie auf einem Raumschiff, das von Studenten bevölkert wird. Und man glaubt auf dem Campus mehr Angestellte und Gärtner als Professoren und Studenten zu sehen – was aber natürlich nicht stimmt. Klar ist: hier wird eine statusbewusste Elite ausgebildet. Die Universidad del Norte ist sehr gut, aber auch teuer. Sie legt allerdings Wert auf soziales Engagement.

Wer hat Zugang zu den Universitäten?
Der Zugang ist ein neuralgischer Punkt in Kolumbien. Von 100 Schülern, die ihr Abitur machen, studieren nur ein Viertel; das ist ein schlechter Schnitt im internationalen Vergleich. Der Zugang zu Studienplätzen auf den staatlichen Universitäten ist sehr schwer, und der Zugang zu Studienplätzen auf den privaten Universitäten ist sehr teuer, mit Studiengebühren teils im vierstelligen Eurobereich pro Semester. Aber das Mindesteinkommen in Kolumbien beträgt nur 250 Euro im Monat, da sieht man schon das Missverhältnis.

Ist Bildung in Kolumbien einkommensabhängig?
Ja. Das Problem fängt nämlich schon früher an: Nur der Besuch von privaten Schulen garantiert so gute Schulnoten, dass man auch auf einer guten Universität aufgenommen wird. Selbst sehr begabte Schülerinnen und Schüler schaffen es nicht auf gute Universitäten, das haben wir hier auch im Bekanntenkreis oft erlebt. Private Schulen haben jedoch hohe Schulgebühren – aber das kann man sich nur leisten, wenn man wohlhabende Eltern hat. Das Stipendiensystem ist mager und hat eher symbolischen Wert. Damit kann man kein Studium bezahlen. Das heißt, die sozialen Unterschiede werden durch das undurchlässige Bildungssystem zementiert. Auch ein Grund, warum viele das Verschwinden der Mittelschicht und die Zunahme von Armut beklagen – trotz guter makroökonomischer Zahlen. Es bleibt also ein Verteilungsproblem, auch im Sektor Bildung.

Seit Monaten hört man von Studentenprotesten in Lateinamerika. Was ist da los?
Die Proteste hatten in Chile angefangen, und die Welle ist dann in anderen lateinamerikanischen Ländern angekommen. Tatsächlich leiden Schüler und Studenten unter einem exklusiven Bildungssystem, das der Mehrheit keinen Zugang erlaubt. Dabei gibt es jedoch große Unterschiede. Argentinien beispielsweise hat eine völlig andere Bildungstradition, die sehr viel egalitärer ist. Argentinien hat mehrere Nobelpreisträger hervorgebracht; so etwas ist kein Zufall, sondern zeugt von einem funktionierenden Bildungssystem. In Ländern wie Chile hingegen haben sich neoliberale Tendenzen auch auf die Bildung ausgewirkt.

Und in Kolumbien?
In Kolumbien beobachtet man eine starke Hierarchisierung der Gesellschaft, mit einer Geschichte der Gewalt und des Paternalismus, der keine soziale Durchlässigkeit erlaubt. Hier haben die Schüler und Studenten gegen die Möglichkeit protestiert, dass auch die teils maroden staatlichen Universitäten Partnerschaften mit der Wirtschaft eingehen können. Auf mittlere Sicht hätte dies natürlich die Unabhängigkeit der Universitäten in Frage gestellt und einer Privatisierung auch des staatlichen Bildungssektors Vorschub geleistet.

Inwiefern ist es entscheidend, an welcher Universität man studiert hat?
Es ist absolut entscheidend für die meisten Jobs, an welcher Hochschule man studiert hat. In den Stellenanzeigen steht das auch in aller Deutlichkeit: „Wir suchen einen Abgänger der Universität XY.“ Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass die „herrschenden Klassen“, um es mit Worten von Marx zu sagen, unter sich bleiben, weil nur sie es finanzieren können, dass ihre Kinder auf bestimmte Schulen und bestimmte Universitäten gehen und in Folge auch nur sie für bestimmte Jobs in Frage kommen.

Wenn Studieren etwa in Chile oder Kolumbien vom Einkommen abhängig ist, welche Auswirkungen hat das auf die jeweilige Gesellschaft, auch mittel- und langfristig?
Ein schlechtes Bildungssystem führt zu einer Verschwendung von menschlichem Talent. Gute Leute ohne finanzielle Mittel werden es nämlich so nicht schaffen, in entscheidende Positionen zu kommen. Eine Vertiefung sozialer Gräben kann eine weitere Folge sein. Logischerweise haben wir in Kolumbien eine Armutsquote von 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung, offizielle Zahlen gibt es kaum.

Spielen Hochschulen eine positive Rolle in der Entwicklung des Landes und, wenn ja, auf welche Weise?
Universitäten könnten eine entscheidende Rolle für Entwicklung spielen, weil mittels Bildung soziale Unterschiede aufgehoben oder gemildert werden können. Dafür ist es aber notwendig, dass der Staat ein Stipendiensystem bereitstellt, um Studenten aus ärmeren Schichten zu fördern.

Gibt es ein lateinamerikanisches Land, das in Ihren Augen ein Vorbild ist in Sachen Bildung?
Es gibt verschiedene Länder in Lateinamerika, die ein gutes Bildungssystem aufweisen. Argentinien beispielsweise hat gute staatliche Gymnasien und Hochschulen, die kostenlos sind. Kuba bietet einen komplett offenen Zugang zu Universitäten an. Die Idee dahinter ist, dass Gleichheit bedeutet, dass jeder das Recht auf Bildung hat. Der Zugang zu Bildung ist vorbildlich; allerdings muss man an dieser Stelle darauf hinweisen, dass von einer freien Lehre nicht die Rede sein kann. In Kuba von Bildung zu sprechen, ohne über die Lage der Menschenrechte, die Unterdrückung Oppositioneller zu reden, ist nicht redlich.

Was fällt Ihnen an kolumbianischen Hochschulen besonders auf?
Zum Beispiel im Bereich Journalismus und Kommunikation, den ich am besten kenne, ist markant, wie praxisfern die Ausbildung noch ist. Das Curriculum ist sehr verschult; es ist kaum vorgesehen, dass die Studenten kreativ und selbstverantwortlich arbeiten. Die Studenten wissen alles über die Theorie der Interviewführung, können aber oft keines führen. Das ist wie der Arzt, der die Funktion des Hämoglobins kennt, aber kein Blut sehen kann … Was sehr gut ist: die Studienatmosphäre ist sehr freundlich und solidarisch. Die Hochschulen sind außerdem sehr bemüht, internationale Kontakte zu knüpfen. Also, ich unterrichte gern hier.

Die Fragen stellte Sheila Mysorekar.