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Arbeitsbedingungen

Mindestlohn lockt Mädchen in Fabriken

von Niaz Asadullah, Zaki Wahhaj

Hintergrund

Textilarbeiterinnen in Bangladesch.

Textilarbeiterinnen in Bangladesch.

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In Bangladesch werden die Arbeitsgesetze lasch gehandhabt, und in den Fabriken arbeiten wesentlich mehr minderjährige Mädchen als offiziell bekannt. Steigende Löhne führen dazu, dass mehr Mädchen zwischen zehn und 17 Jahren beschäftigt werden – was sich negativ auf ihren Schulbesuch auswirkt. Andererseits werden so weniger Töchter aus armen Familien jung verheiratet. Soziale Entwicklung hängt von mehr ab als nur dem Lohnniveau.

Der Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza am 24. April 2013 hat die unsicheren Bedingungen offenbart, unter denen Millionen Beschäftigte in Bangla­deschs Bekleidungsproduktion arbeiten. Jahrelang war Arbeitsschutz quasi inexistent, und die Bezahlung war mies und unregelmäßig. Die Lage verbessert sich nur langsam. Eine wesentliche Reform gab es jedoch: Der Mindestlohn stieg von 39 auf 69 Dollar im Monat.

In Bangladesch sind Frauen in der Erwerbsarbeit noch immer stark unterrepräsentiert. Der neue Mindestlohn wird voraussichtlich mehr Frauen in Lohnarbeit bringen. Höhere Löhne bedeuten bessere Einkommen für Frauen aus armen Familien und mehr Geld für die Bildung der Kinder und für Gesundheit. Andererseits besteht die Gefahr, dass Mädchen aus armen Familien aufgrund des gestiegenen Mindestlohns aus der Schule genommen und als Arbeiterinnen in Textilfabriken gesteckt werden.

Bangladeschs Hauptwettbewerbsvorteil bestand über mehrere Jahrzehnte in den niedrigen Arbeitskosten: Die Löhne waren die niedrigsten der Welt. Forderungen nach einem Mindestlohn von hundert Dollar pro Monat wurden ignoriert. Stattdessen blieben die Löhne gleich, während die Inflation stieg. Priorität hatte der Schutz des wichtigsten Exportsektors des Landes. 2010 hob die Regierung den Mindestlohn schließlich von 20 auf 39 Dollar pro Monat an – jedoch erst nach einem kostspieligen Arbeitskampf und gewaltsamen öffentlichen Protesten.

Sowohl die Regierung als auch die Arbeitgeber schlugen weitere Forderungen nach Lohnerhöhungen aus, um Bangladeschs Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltbekleidungsmarkt nicht zu gefährden. Viele Fabriken missachteten sogar den gestiegenen Mindestlohn und zahlten ihren Arbeitern weniger als 39 Dollar im Monat. In Folge der Rana-Plaza-Katastrophe wurde der Mindestlohn im November 2013 nochmals angehoben, und zwar um 77 Prozent. Damit lag er jedoch noch immer weit unter den Forderungen der Beschäftigten.


Mädchen in Gefahr

Da die Lohnerhöhung erst vor zwei Jahren beschlossen wurde, ist es noch zu früh, um ihre sozialen Folgen in Gänze benennen zu können. Viele Textilfabriken haben die neuen Löhne noch gar nicht eingeführt.

Für viele Arbeiterinnen und Arbeiter stellen sie eine Verbesserung dar. Es gibt aber auch eine Schattenseite. Arbeitgeber können Kosten sparen, indem sie den Anteil von Kinderarbeitern erhöhen. Am ehesten stellen sie Mädchen im Alter von zehn bis 17 Jahren ein. Um die Auswirkungen der Reform auf deren Situation zu untersuchen, ist es aufschlussreich, ihren Anteil in Schule und Lohnarbeit zu erfassen.

Der Branchenverband Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters Association (BGMEA) vertritt die Bekleidungshersteller, die für den Export produzieren. Seinen Angaben zufolge beschäftigen seine Mitgliedsbetriebe keine Kinderarbeiter. Bangladeschs Richtlinie zur Abschaffung von Kinderarbeit von 2010 verbietet die Beschäftigung von Kindern unter 14 Jahren. Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren dürfen nicht mehr als fünf Stunden am Tag arbeiten. Aber es hapert an der Umsetzung. Die Fabriken werden nur selten kontrolliert, Kinderarbeit wird weitgehend geduldet. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Geburten nicht registriert werden und Kinder so offiziell nicht erfasst sind.

Es gibt keine zuverlässigen Informationen über die Beschäftigung Minderjähriger in Bangladeschs Fabriken. Es ist schwierig, in die Fabriken hineinzukommen, und die meisten Beschäftigten geben ihr wahres Alter am Arbeitsplatz nicht an. Daher haben wir eine andere Methode gewählt, um die Beschäftigung Minderjähriger zu ermitteln.

Für die Studie Women’s Life Choices and Attitudes Survey (WiLCAS) 2014 haben wir Tausende Mädchen und Frauen in Bangladeschs drei größten Industriezonen, Dhaka/Ashulia, Gazipur and Narayanganj, befragt. Die Mehrheit der bangladeschischen Näherinnen arbeitet dort. 29 Orte mit der höchsten Fabrikdichte waren Teil der Untersuchung. Zum Vergleich haben wir zudem Interviews in 58 anderen städtischen Gebieten ohne Textilfabriken geführt.

Im Rahmen der Studie gaben 3367 Frauen und Mädchen an, in der Textilbranche zu arbeiten. Hundert von ihnen waren zwischen zehn und 13 Jahren alt, und 381 waren zwischen 14 und 17 Jahre alt. Ihr Anteil betrug drei beziehungsweise elf Prozent der Arbeiterschaft. Insgesamt gaben 861 Mädchen unter 18 an, in Lohnarbeit zu sein, 28 Prozent von ihnen in Textilfabriken.

In den meisten Gegenden Bangla­deschs besuchen mehr Mädchen als Jungen die Schule. In städtischen Gebieten ohne Textilfabriken sind es 84 Prozent der Mädchen und 79 Prozent der Jungen. In den Gegenden mit Textilfabriken ist es dagegen umgekehrt. Im Großraum Dhaka gehen nur 61 Prozent der Mädchen zwischen zehn und 17 Jahren zur Schule, aber 66 Prozent der Jungen. Generell sind in den Hochburgen der Textilproduktion mit 24 Prozent wesentlich mehr Mädchen erwerbstätig als in städtischen Gebieten außerhalb des Industriegürtels, wo es nur drei Prozent sind.

Die Zahlen belegen, dass Kinderarbeit in Bangladeschs Textilfabriken – anders als in vielen internationalen Medienberichten dargestellt – noch immer systematisch und in großem Umfang vorkommt. Die Anhebung des Mindestlohns wird die Nachfrage nach Kinderarbeitern zweifellos erhöhen. Es ist zu erwarten, dass die Bekleidungsproduktion in Bangladesch in den kommenden 20 Jahren um das Vierfache zunimmt. Dieses Wachstum wird Millionen von Arbeiterinnen anlocken, darunter auch viele minderjährige Mädchen.


Problem der Armen

Die Zahlen geben Anlass zur Besorgnis, was die langfristige Entwicklung betrifft. Kinder sollten zur Schule gehen, anstatt zu arbeiten. Arme Familien sind am stärksten betroffen: Die meisten Mädchen sind aufgrund von Armut zur Arbeit gezwungen. Bessergestellte Familien, auch in den Industriezonen, schicken ihre Töchter nur selten zur Arbeit in die Fabriken.

Die wachsende Nachfrage nach weiblichen Arbeitskräften führt zu einer neuen Form der Geschlechterungleichheit in den Industriezonen des Landes. Jungen gehen zur Schule, während Mädchen in den Fabriken schuften müssen. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, werden höhere Löhne die Unterschiede im Bildungsniveau von Mädchen und Jungen in Ashulia, Narayanganj und Gazipur noch weiter vergrößern.

Die Beschäftigung minderjähriger Mädchen in großem Stil ist jedoch nicht ausschließlich negativ zu bewerten. Trotz jüngster Initiativen wie der Abschaffung des Schulgeldes und der Einführung von Stipendien, um die Bildungskosten für Mädchen zu senken, würden viele von ihnen die weiterführende Schule sowieso verlassen – auch ohne die Aussicht auf bezahlte Arbeit. Zudem würde die Mehrheit früh verheiratet. Lohnarbeit bietet einen größeren Schutz gegen Kinderheiraten als der Schulbesuch.

Damit steckt Bangladesch in einem politischen Dilemma. Einerseits steigert der höhere Mindestlohn das Risiko für Mädchen, früh in Fabriken arbeiten zu müssen. Sie gehen dann nicht mehr zur Schule und haben auch später kaum Möglichkeiten, besser bezahlte Jobs außerhalb der Textilfabriken zu finden. Andererseits trägt eine strenge Einhaltung der Gesetze zur Kinderarbeit möglicherweise dazu bei, dass viele Mädchen früh verheiratet werden – was genauso schlecht ist.

Bangladeschs Beispiel zeigt, dass Entwicklungsländer von der Industrialisierung durch niedrige Löhne nicht voll profitieren können, solange es keine Verbesserungen auf gesellschaftlicher Ebene, bei der Armutsbekämpfung und bei Kinderrechten gibt.


Niaz Asadullah ist Professor für Entwicklungsökonomie und stellvertretender Direktor des Zentrums für Armuts- und Entwicklungsstudien an der Universität Malaya.
[email protected]

Zaki Wahhaj lehrt Wirtschaft an der Universität Kent.


Link:
Women’s Life Choices and Attitudes Survey (WiLCAS) 2014:
http://www.integgra.org/index.php/research-design
 

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