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Medien

Leben retten, Verantwortung stärken

von Edward Girardet
Humanitäre Hilfswerke tun nicht genug, um mit den Opfern von Kriegen und Naturkatastrophen zu kommunizieren. Ihre Medienarbeit sollte sich nicht nur an die Öffentlichkeit in den Geberländern richten, sondern Mittel und Wege finden, um Zielgruppen in den Notstandsgebieten zu erreichen. Das würde ihre Einsätze effektiver machen und der demokratischen Kontrolle des Wiederaufbaus dienen. [ Von Edward Girardet ]

Kurz nach dem Erdbeben in Nordpakistan 2005 organisierte das United Nations Office for Humanitarian Affairs (OCHA) eine Notkonferenz in Genf. Es ging um die Finanzierung der verschiedenen Bereiche – Nahrungsmittel, medizinische Nothilfe, Unterbringung und so weiter –, um die internationalen Organisationen bei dem humanitären Einsatz im Katastrophengebiet zu unterstützen. Alle Themen wurden abgedeckt – nur Medieninitiativen zur Information der Betroffenen fehlten.

Das ist normal. Die internationale Gemeinschaft ist schnell bereit, Hilfe einzufliegen, scheint aber zu vergessen, dass die Menschen in Not angesprochen werden müssen. Auf die Frage, warum die UN keine spezifischen Informationsmaßnahmen plane, reagierte die OCHA-Vorsitzende verwundert. „Es gibt eine Gruppe, die sich mit der Kommunikation zwischen den verschiedenen UN-Agenturen befasst“, beharrte sie. Aber was ist mit den Opfern selbst?

Die Wirksamkeit von speziell zugeschnittenen „Lifeline Media“-Initiativen ist belegt. Diese Initiativen nutzen Medien sozusagen als „Rettungsleine“. Betroffene müssen erfahren, welche Straßen und Brücken noch offen sind, welche Hilfsorganisationen Essen oder Medikamente verteilen und wo sie noch sauberes Trinkwasser finden.

Überleben oder sterben?

„Menschen in Gefahr zur rechten Zeit die richtige Information zu geben ist eine Form von Empowerment“, sagt Jonathan Walter, Herausgeber des World Disasters Reports 2005, den die IFRC (International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies) publiziert hat. „Es ermöglicht den Menschen, für sich und ihre Familien die besten Entscheidungen zu treffen, und kann den Unterschied zwischen Überleben und Tod ausmachen.“

Das sollten nicht nur die UN und andere Mitglieder der internationalen Gemeinschaft beherzigen, sondern auch die IFRC selbst. Oft zielt die Medienarbeit der Hilfswerke darauf, ihr Image über Medien wie CNN oder BBC zu fördern. Sie sind kaum darauf eingestellt, mit Katas­trophenopfern zu kommunizieren. Bei dem Erdbeben in Pakistan hatte die IFRC keinen Plan, um „Lifeline Media“ zu unterstützen. Dabei hatte ihr World Disasters Report das Thema behandelt.

Der Großteil der internationalen Hilfsgemeinschaft stuft die Unterstützung lokaler und spezialisierter Medien weiterhin als zweitrangig ein. Das gilt bei Nothilfeeinsätzen besonders – und zwar auf Kos­ten der Überlebenschancen betroffener Menschen. Auch die öffentliche Abgabe von Rechenschaft durch Geber und Hilfswerke leidet, denn es gibt klare Defi­zite bei der Erläuterung von Maßnahmen gegenüber den Opfern. Daraus folgt auch, dass Chancen zur Steigerung der Hilfseffektivität oder der Entschärfung von Konfliktsituationen verpasst werden, wie etwa bei der politischen Krise Kenias 2008, die allmählich wieder virulent wird.

In vielen Katastrophen- und Krisensituationen muss die betroffene Bevölkerung erst einmal wissen, was los ist, bevor sie sich um Nahrung oder medizinische Hilfe kümmern kann. Sie braucht Informationen darüber, was die Regierung und die Hilfsorganisationen tun (oder auch nicht), wann und wo Opfer Hilfe erhalten oder was sie tun können, wenn in nächster Zeit keine Hilfe von draußen kommt. Sollen sie bei ihren Verletzten warten, oder sollen sie sie wegbringen? Welche anderen Städte und Täler, in denen Verwandte leben, sind noch betroffen? Wie lange wird es dauern, bis Lebensmittel ankommen?

Die Menschen brauchen glaubwürdige Quellen. Sonst verbreiten sich ungezügelt Gerüchte, die sehr destruktiv wirken können. Auf alle Fälle brauchen die Opfer „bedarfsgerechte“ Informationen, die es ihnen ermöglichen, Entscheidungen für ihr eigenes Überleben kompetent zu treffen. Spezialisierte „Lifeline“-Initiativen, die mit lokalen Journalisten arbeiten, können wichtige Beiträge leisten.

Katastrophen wie Kriege, Erdbeben oder Fluten unterbrechen meist die Stromversorgung. Also fallen die elektronischen Medien – wie Fernsehen – aus. Normalerweise funktionieren noch einige batteriebetriebene Radios. Aber das bedeutet nicht, dass lokale Hörfunkjournalisten wüssten, wie man über Katastrophen oder plötzlich auftretende politische Gewalt berichtet. Noch wissen sie, welche Informationen im Katastrophenfall gebraucht werden. Unterstützung durch Hilfswerke wäre daher sinnvoll.

In Katastrophengebieten ist UKW-Radio erfahrungsgemäß eine der preiswertesten und effektivsten Möglichkeiten für Journalisten, Oper mit Informationen zu versorgen, die sie in Zusammenarbeit mit Staat und Hilfswerken erstellt haben. Wo Sender ausgefallen sind, reichen provisorische „Koffersender“ (die Preise schwanken pro Modell zwischen 2000 und 5000 Dollar). Diese Minianlagen laden mittels Computer-Satellitenverbindungen Programme herunter, die sie dann im näheren Umkreis ausstrahlen, um Dörfer, Auffang- und Flüchtlingslager zu bedienen.

Mobiltelefone können natürlich auch nützlich sein, sofern noch Netzwerke stehen. Mobilfunk ist in den meisten Weltregionen ein zunehmend wirkungsvolles Kommunikationsmittel. Aber darüber werden auch Gerüchte verbreitet, deshalb kann er kompetente Massenmedien nicht ersetzen.

In den vergangenen 20 Jahren hat die internationale Gemeinschaft die Katastrophenhilfe enorm verbessert – Beispiele sind Darfur, die jüngsten Fluten in Bangladesch oder auch der Tsunami an Weihnachten 2004. Dennoch müsste viel mehr getan werden, um die Betroffenen über die Hilfseinsätze zu informieren.

Menschen zuhören

Sobald der Wiederaufbau beginnt, bekommen lokale Medien eine weitere wichtige Rolle. Sie können – und sollten – den Betroffenen Stimmen im Hilfs- und Aufbauprozess geben. Allzu oft vergessen die Hilfswerke aber den Bedarf an zuverlässiger Information – oder sie fühlen sich in einer Art neokolonial-paternalistischen Haltung nicht verpflichtet, ihr Vorgehen den Menschen, denen sie eigentlich helfen wollen, zu erklären.
Ob afghanische Flüchtlinge, die in ihr Land zurück-kehren, oder Kosovaren, die ihr Heimatland wiederaufbauen: Menschen wollen wissen, was los ist. Darauf haben sie Anspruch. Ein Grund für den wachsenden Widerstand gegen den Aufbau- und Friedenseinsatz in Afghanistan ist die Frustration der ländlichen Bevölkerung über fehlende Transparenz seitens der internationalen Gemeinschaft und über eine zunehmend korrupte Regierung. Sie meinen, ein Recht darauf zu haben, zu erfahren, wohin Geld fließt – und warum.

Lokalmedien können öffentliche Foren schaffen, die den Aufbau lenken und folglich die Zukunft gestalten. Sie können Korruption und Ineffizienz aufdecken. Die Voice of Aceh, ein lokaler Radiosender, der in der indonesischen Provinz über Hilfe und Aufbau informierte, berichtete, dass Flüchtlinge über Mangel an sauberem Wasser klagten, weil die Wege zu den Lagern für Wasserlieferungen zu schlammig waren. Einige Tage später rief ein Lagerleiter den Reporter an und dankte ihm, weil wieder Tankwagen mit Wasser sie erreicht hatten.

Wenn sich eine akute Krise etwas gelegt hat, können spezialisierte Medienfachleute mit lokalen Journalisten an längerfristigen Konzepten arbeiten. Tägliche Sendungen über den Wiederaufbau im lokalen oder sogar nationalen Hörfunk können sehr hilfreich sein. Das gilt auch für Fernsehsendungen oder Sonderseiten in Zeitungen. Auch Straßentheater in Flüchtlingslagern kann nützlich sein.

Die Geber zögern nicht, ausführliche Evaluierungs- und Leistungsberichte zu finanzieren. Sie sollten stattdessen die Medien einbeziehen. Informierte örtliche und internationale Medien können Hilfsaktivitäten überwachen. Sie können dafür sorgen, dass Wissen darüber allgemein zugänglich wird. Offizielle Evaluierungsdokumente zu erstellen dauert dagen außerordentlich lang – viel zu lang, um etwas zu bewirken.

All diese Argumente belegen, dass es sinnvoll ist, die Medien von Anfang an in jeden humanitären, friedenerhaltenden oder aufbaufördernden Prozess automatisch einzubeziehen. Leider geschieht das aber in der Praxis kaum. Wenn es um konkrete logistische oder finanzielle Unterstützung für Medieninitiativen geht, gibt es kaum Fortschritte – und in Katastrophengebieten schon gar nicht.

Als Journalist und Medienexperte, der in Krisengebieten von Somalia und Afghanistan bis Angola, Kosovo und Liberia gearbeitet hat, finde ich, dass Hilfswerke und Geber, die sich nicht in der Medienarbeit engagieren, nicht in der Katastrophenhilfe tätig sein sollten. Sie handeln nicht verantwortlich, denn sie vernachlässigen Bedürfnisse und Rechte der Opfer.

Wachsendes Bewusstsein

Positiv ist sicherlich, dass einige humanitäre Verbände und entwicklungspolitische Durchführungsorganisationen auf die Notwendigkeit von Medienarbeit aufmerksam werden. Im März luden OCHA, der BBC World Service Trust und Internews, eine regierungsunabhängige Initiative mit Sitz in Kalifornien, die lokale Medien unterstützt, zu einem Forum mit dem Titel „Im Dunkeln gelassen – der unerfüllte Kommunikationsbedarf bei humanitären Einsätzen“ in New York. Verschiedene andere Verbände und Dachorganisationen haben ähnliche Veranstaltungen organisiert.

Das Globale Forum für Medienentwicklung (GFMD) in Brüssel ist ein Dachverband, der das Thema voranbringen will. Eine andere Initiative sitzt in Genf. Ziel ist die Schaffung eines internationalen Zentrums für Medien und globale Herausforderungen, das bessere Berichterstattung über Schlüsselfragen wie Klimawandel, Umwelt und Gesundheit unterstützen soll – und gleichzeitig als Brücke zu internationalen Hilfswerken dienen würde.

Während OCHA und andere Hilfswerke also Inte­-resse an den Medien entwickeln, neigen sie leider zu der naiven Einschätzung, eine einzelne Medieninitiative könnte alle Aspekte der Öffentlichkeitsarbeit abdecken. Da sich einige Organisationen besser mit Radio und andere besser mit Presse oder sonstigen Massenkommunikationsmitteln auskennen, brauchen wir eine möglichst große Vielfalt mit fantasievollen unkonventionellen Initiativen, aber keinen monolithischen Ansatz.

Ideen und Konzepte zu diskutieren ist ein erster Schritt. Aber in Katastrophengebieten ist Handeln gefragt. Bisher ist die Finanzierung unzureichend, sie geht sogar zurück. Geberregierungen, die traditionell Medieninitiativen unterstützt haben, kürzen Mittel oder streichen sie sogar ganz. Die Weltwirtschaftskrise macht die Sache nicht besser. Die irische Regierung hat ihre Entwicklungshilfe für 2009 deutlich gekürzt.

Leider wird immer noch nicht zur Kenntnis genommen, dass Medien als entscheidender und notwendiger Bestandteil jedes seriösen humanitären oder entwicklungsrelevanten Eingriffs wichtig sind. Die Regierung der Schweiz gibt seit langem Lippenbekenntnisse zu unabhängigen Medieninitiativen ab. Aber der derzeitige Außenminister ist bekanntermaßen Journalisten gegenüber misstrauisch, und so verschwand denn die Medienunterstützung ganz aus dem Budget für dieses Jahr.