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Recycling

Gute Lösung

von Oliver Möllenstädt

Hintergrund

A waste picker in Kolkata sorting recyclable plasticware

A waste picker in Kolkata sorting recyclable plasticware

Kunststoffabfälle verschmutzen Städte und Gewässer in Schwellen- und Entwicklungsländern. Weiterverwertung wäre umweltfreundlich und ökonomisch lukrativ. In Indien haben Kleinunternehmer dieses Geschäft bereits für sich entdeckt, doch noch steckt die Recyclingwirtschaft in den Kinderschuhen. Von Oliver Möllenstädt

Wirtschaftswachstum hat immer auch Schattenseiten. Eine davon ist, dass bei größerem Konsum natürlich auch mehr Abfälle entstehen. Ein Problem, mit dem alle aufstrebenden Schwellenländer zu kämpfen haben. Unter den Haushaltsabfällen befinden sich große Mengen gebrauchter Kunststoffgegenstände und Verpackungen, die nicht natürlich abbaubar sind.

Noch fehlt in den meisten Schwellenländern ein funktionierendes Kreislaufwirtschaftssystem, wie etwa in Deutschland das duale System zur Verwertung von Leichtverpackungen (genannt „Gelber Sack“). Besonders in den großen Metropolen besteht deshalb die Gefahr des Litterings, der Vermüllung öffentlicher Räume. Weil die Bewohner ihre gebrauchten Kunststoffprodukte zudem häufig in Flussläufen oder an der Küste entsorgen, tragen sie auch erheblich zur Verschmutzung der Meere bei.

Die Kunststoffindustrie setzt sich aktiv mit diesem Problem auseinander. Viele nationale Industrieverbände arbeiten bereits gemeinsam daran, die Sammlung von Kunststoffabfällen auszuweiten und professionelle Verwertung einzuführen – so beispielsweise auch Deutschland und Indien (siehe Kasten).

In Indien gibt es bisher kein offizielles System für die Sammlung und Verwertung von Kunststoffabfällen – weder von Seiten der Wirtschaft noch von öffentlicher Hand. Trotzdem werden die Abfälle teilweise mit hoher Effizienz gesammelt und zur Wiederverwertung gegeben: Müllsammler durchsuchen die Deponien und verkaufen ihre Funde an kleine Verarbeitungs- oder Recyclingbetriebe. Schätzungen zufolge werden auf diese Weise in Indien mehrere Millionen Tonnen Kunststoffabfall jährlich gesammelt und verwertet.Die Kunststoff­abfälle umfassen ein breites Spektrum von gebrauchten Produkten, darunter Folienverpackungen, Tragetaschen und Konsumprodukte. Der überwiegende Teil besteht aus wiederverwertbaren thermoplastischen Kunststoffen, insbesondere PE, PP, PVC und PS. Dies sind Kunststoffe, die sich bei Wärme formen lassen. Zu einem geringeren Anteil sind auch duroplastische Materialien und Verbundstoffe dabei.

Bisher werden hauptsächlich Erstere – thermoplastische Kunststoffe – gesammelt, und dies vor allem in Ballungsräumen und industriellen Zentren, weil es dort mehr Recyclingbetriebe gibt. Es handelt sich zwar oft um sortenreine, teilweise aber auch um vermischte und häufig verschmutzte Kunststoffe. Die Kleinunternehmen verarbeiten diese Abfälle zu sogenannten Sekundärrohstoffen, aus denen im Anschluss neue Produkte hergestellt werden können. Dafür bedienen sie sich meist einfacher Spritzguss- und Extrusionsanlagen, und der Anteil manueller Arbeit ist hoch. Zudem erreicht der Sekundärrohstoff bei diesen Verfahren nicht immer die größtmög­liche Qualität. Die Betriebe können ­daher oft nicht sicherstellen, dass sie immer die nachgefragte Menge an Rezyklaten zu gleicher Qualität produzieren, was den Handel erschwert.

Obwohl die Inder sich des Werts von Altkunststoff also durchaus bewusst sind, wird das Potenzial des Recyclingmaterials noch nicht hinreichend aus­geschöpft. Ganz abgesehen davon, dass natürlich auch bei weitem noch nicht alle verfügbaren Abfälle wiederverwertet werden.

Besseres Know-how

Für mittelständische Unternehmen in Indien lohnt es sich durchaus, in die Recyclingwirtschaft einzusteigen. Wenn es gelingt, dieses Geschäft noch rentabler und attraktiver zu machen, kann dies das Müllproblem deutlich verringern. Dafür müssten mehrere Faktoren verbessert werden: Politische und rechtliche Rahmenbedingungen können dafür sorgen, dass mehr Kunststoffabfälle recycelt werden. Unternehmen können rentabler arbeiten, wenn sie moderne Technologien und Verfahren einführen sowie sich das nötige Know-how aneignen. Viele Verfahren, die in Europa verbreitet sind, werden hier noch nicht genutzt.

Beispielsweise könnten Qualitätsmanagement- und Prüfsysteme helfen, eine gleichbleibend hohe Qualität des Recyclingmaterials sicherzustellen. Ein großer Fortschritt wären auch automatisierte Sortieranlagen, denn in Indien wird der gesammelte Kunststoff bisher meist noch von Hand vorsortiert.

Erhebliches Potenzial hätten in Indien auch thermische und mechanische Verfahren zur Stoffstromvorbereitung. Mit mechanischen Nass- und Trockenverfahren kann man beispielsweise vermischte Abfallsorten auftrennen. Die thermische Behandlung wiederum verkleinert die Kettenlänge von Polymeren, und es entstehen Sekundärrohstoffe wie die Gase Ethen oder Propen, Öle und Wachse. Diese werden in der Industrie weiterverarbeitet und können fossile Rohstoffe ersetzen.

Vor allem bietet es sich in Indien an, neben der werkstofflichen Verwertung auch die rohstoffliche Verwertung stärker zu etablieren – also aus den Abfällen nicht neuen Kunststoff, sondern andere Rohstoffe zu gewinnen. Mit diesem Verfahren können auch kleinteilige, verschmutzte Kunststoffabfälle mit heterogener Zusammensetzung verarbeitet werden, die bisher nicht verwertet werden können. Mit Hilfe von Wärme werden die Polymerketten gespalten, wodurch sie zu petrochemischen Grundstoffen wie Ölen und Gasen umgewandelt werden. Eine Form der rohstofflichen Verwertung ist die Vergasung von Kunststoffabfällen, die zu einer partiellen Oxidation von Kohlenwasserstoffen zu Kohlen­monoxid und Wasserstoff führt. Auf diese Weise können etwa aus Kunststoffverpackungen höherwertige Regranulate aus Polyolefinen gewonnen werden. Diese werden unter anderem zur Herstellung langlebiger technischer Gebrauchsgegenstände eingesetzt.

Für all diese technischen Anlagen und Verfahren bräuchten indische Unternehmer selbstverständlich auch das nötige Know-how. Von großem Interesse wäre für sie zudem, für welche weiteren Zwecke sie die erzeugten Sekundärrohstoffe einsetzen können. Dafür ist Wissenstransfer aus Ländern wie Deutschland besonders wichtig.

Auch Politik und Verwaltung könnten zur Verbesserung der Recyclingwirtschaft beitragen. Vor allem die Abfallsammlung und -trennung könnte deutlich verbessert werden. Sie dürfte jedoch nicht die Existenz der indischen Müllsammler gefährden.