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Bürgerjournalismus

Der Favela-Reporter

von Michel Silva

Meinung

Auf den Berg der Rocinha soll eine Seilbahn gebaut werden. Die Bewohner lehnen dies ab.

Auf den Berg der Rocinha soll eine Seilbahn gebaut werden. Die Bewohner lehnen dies ab.

Die Armenviertel von Rio de Janeiro galten lange allein als Orte der Gewalt. Das Internet macht Favelabewohner auf Webportalen, Blogs oder sozialen Netzwerken sichtbar. Der 19-jährige Michel Silva erzählt im Interview mit E+Z/D+C, wie er mit seinem Onlineportal „Viva Rocinha“ gegen Vorurteile anschreibt.

Sie leben in Rios größter Favela, der Rocinha. Sie hat etwa 200 000 Einwohner, ist eine Stadt in der Stadt. Wie behalten Sie dort als Reporter den Überblick?

Ich wache morgens mit dem Telefon neben mir auf, aktualisiere etwas, laufe durch die Favela, gehe zur Schule – und nach der Schule geht es dann weiter, bis Mitternacht. Ich bin mehr auf der Straße als zu Hause. Ich spaziere durch die Straßen und Gassen, und wenn mir etwas Komisches oder Interessantes auffällt, mache ich ein Foto und veröffentliche es sofort auf meinem Onlineportal „Viva Rocinha". Ich nutze auch Twitter, aber am meisten Facebook. Dort habe ich schon 15 000 Likes.

 

Warum braucht ein Armenviertel ein Onlinemagazin?

Ich versuche, Information zu demokratisieren. Viele Menschen haben hier keinen Zugang zu gedruckten Informationen. Sie lesen keine Zeitung. Deswegen ist das Internet ein wichtiges Kommunikationsmittel. Vor „Viva Rocinha" gab es in unserer Favela kein Medium, das ständig aktualisiert wurde, deswegen habe ich im November 2011 das Projekt ins Leben gerufen.

 

Funktioniert eine Internetplattform besser als ein gedrucktes Magazin?

Ja, wenn ich eine Reportage online stelle, kann sie jeder sofort lesen, das ist viel effizienter als eine Zeitschrift. Ich erreiche die jüngeren Leute hier, aber auch die Älteren. Ich glaube sogar, dass mehr Ältere „Viva Rocinha" lesen – und sie kommentieren auch mehr.

 

Der Staat soll in einigen Favelas wie der Rocinha WLAN-Netze eingerichtet haben, damit alle Bewohner kostenlos Zugang zum Internet haben.

Ja, es gibt ein staatliches Netz, „Rocinha Digital". Das ist aber sehr schlecht, und keiner nutzt es. Es funktioniert nur in zwei Gebieten. Ich habe Internet zu Hause und surfe auch auf meinem Mobiltelefon. Wenn ich auf der Straße unterwegs bin, kann ich mich an manchen Orten im Viertel mit dem Handy in offene Netze einloggen. So bin ich ständig online.

 

Über was schreiben Sie?

Ich möchte nicht über Drogenhandel und Polizei berichten. Es gibt so viele tolle Projekte und Bewohner hier – davon will ich erzählen. Mein Fokus liegt auf der Kultur: Für mich sind das die Geschichten der Bewohner, ihre Musik, die Geschichte der Favela. In der Rocinha gibt es zum Beispiel eine lebendige Kultur der „Nordestinos", der Einwanderer aus dem Nordosten. Die großen Medien zeigen nur die negativen Seiten der Favela. Die Rocinha hat seit den 1980er Jahren ein schlechtes Image. Leute, die nicht hier wohnen, denken, hier gibt es nur Drogenabhängige, Kriminelle und Dealer. Jetzt kommen zwar mehr Touristen in die Favela, die meisten gehen aber nur durch die Hauptstraße und sind dann wieder weg. Es bleibt dann immer noch ein sehr vorurteils­behafteter Blick.

 

Aber Probleme gehören doch auch zum Alltag?

Klar. Ich schreibe auch darüber, wenn Straßen kaputt sind, Häuser einstürzen, wenn jemand mit dem Nachbarshund Probleme hat, wenn jemand krank ist und Hilfe braucht. Ich versuche, bei vielen Sachen zu helfen.

 

Funktioniert das?

Wenn ich etwas online stelle, ruft mich oft gleich jemand vom Rathaus oder vom Staat an oder von Medien wie dem TV-Sender O Globo, die einen Bericht machen wollen. Ich kommuniziere gern direkt mit der Stadtregierung, weil die lokale Anwohnervertretung der Favela nichts löst – obwohl sie viel Geld bekommt. In meiner Straße gab es ein Loch, ich habe ein Foto davon ins Internet gestellt und zwei Tage später wurde es repariert. Sogar die New York Times hat schon einmal über mich und die Rocinha berichtet. Viele Leute lesen, was ich schreibe. Wir werden auch gehört, weil wir in der Südzone liegen – in der Nähe der wohlhabenden Viertel. Die Wohlhabenden nehmen ihre Nachbarschaft eher wahr als weiter entfernt liegende Favelas. So erreichen wir eher, was wir möchten.

 

Worin sehen Sie das größte Problem?

Es fehlt der Dialog zwischen Bürgern und Staat. Hätte uns der Staat früher angehört, wäre es niemals so weit gekommen wie heute, mit offenen Abwasserkanälen und schwer bewaffneten Drogenbanden. Das war ein Riesenfehler der Regierung.

 

Vor der Fußball-WM 2014 wurden etwa 170 der mehr als 1000 Favelas in Rio von der Befriedungspolizei UPP besetzt. In der Rocinha sind zwei Jahre seit der Besetzung vergangen – was hat sich seitdem geändert?

Es ist eine militärische Besetzung, keine Befriedung. Es ist gefährlicher geworden als früher. Jetzt ist hier das Gesetz des Staates präsent, aber keiner hält sich daran. Der Drogenhandel geht überall weiter, wie in ganz Rio und auf der ganzen Welt. Die Rocinha ist sehr groß und schwer zu kontrollieren. In bestimmte Regionen traut sich die Polizei nicht mal, weil es zu gefährlich ist. Es gibt gute und schlechte Aspekte an der UPP. Die Polizisten haben in den vergangenen zwei Jahren viele Fehler gemacht. Sie missbrauchen ihre Macht und sind ziemlich arrogant. Weil die Polizei kein gutes Image hat, hat sie auch keine große Macht im Viertel.

 

Mit der UPP sollte ein besseres Verhältnis zwischen Bevölkerung und Polizei hergestellt werden. Doch haben Polizisten 2013 den Bewohner Amarildo in der Rocinha zu Tode gefoltert, woraufhin mehrere Polizisten verhaftet wurden. Wie ist die Lage jetzt?

Das Verhältnis ist schlechter geworden, auch wegen Amarildo. Viele haben Angst vor der Polizei, auch weil einige Bewohner Freunde oder Geschwister haben, die für die Drogengangs arbeiten. Die Leute gehen nicht dorthin, wo die UPP ist. Diese hat ihr Quartier an einem abgelegenen Ort, im Ökologischen Park, platziert. Sie hätten die UPP in die Mitte der Favela hineinsetzen müssen, nicht versteckt im Wald. Niemand würde mehr nachts in den Wald gehen, wenn er die Polizei benötigt. Der Park ist schön, aber niemand nutzt ihn.

 

Es gibt einige Infrastrukturprojekte, wie die neue Bibliothek oder das Sportzentrum, die gut angenommen werden. Eine geplante Seilbahn, die Besucher und Favelabewohner der Rocinha den Berg hochtransportieren soll, ist jedoch umstritten. Warum?

Alle finden es gut, dass man jetzt Sport machen kann, dass es die Schule, das Krankenhaus und neue Restaurants gibt. Die Seilbahn lehnen die meisten Favelabewohner aber ab, weil nur die Touristen davon profitieren werden. Die Favelabewohner sehen, dass viel Geld für die Seilbahn verschwendet wird, während wir weiter mit Löchern in der Straße und offenen Abwasserkanälen leben müssen. Der Protest dagegen ist sehr groß, es gibt Versammlungen, über die ich auch schreibe. Ich versuche objektiv zu bleiben, selbst keine Seite einzunehmen und die Meinungen aller Bewohner darzustellen. Ich glaube, dass die Stadt es zeitlich nicht mehr schaffen wird, bis Juni eine Seilbahn zu bauen. Ein anderer Fall ist in Labouriaux passiert, einem Teil der Rocinha. Dort sollten viele Häuser abgerissen werden. Aber die Leute haben sich dagegen gewehrt und der Abriss fand nie statt.

 

2013 fanden in Brasilien erstmals Sozialproteste von Millionen von Bürgern statt. Ist den Brasilianern – auch in der Rocinha – dadurch klar geworden, dass sie sich mobilisieren müssen, um etwas zu verändern?

Nach den großen Protesten im Juni und Juli sind viele Menschen aufgewacht. Aber obwohl die Bevölkerung aktiv geworden ist, hat der Staat die Probleme nicht gelöst. Dennoch sind die Menschen in der Rocinha seitdem politischer geworden. Jeden Monat finden Bürgerversammlungen statt.

 

Haben Favelabewohner an den Massenprotesten im Zentrum teilgenommen, oder waren es Demonstrationen der oberen Mittelschicht?

Es gab lokale Proteste in der Rocinha. Aber ich denke, dass eher wenige Menschen aus der Rocinha an den großen Protesten im Zentrum teilgenommen haben, weil es so weit weg ist. Man fährt fast eine Stunde mit dem Bus dorthin. Ich habe teilgenommen, weil ich es gut finde, zu protestieren. Es war super. Aber ich bin auch leicht von der Polizei verletzt worden. Toll ist, dass die Proteste über das Internet mobilisiert wurden – heute läuft alles im Internet ab. Auch Journalismus hat einen Einfluss darauf, was passiert.

 

Glauben Sie, dass sich die Polizei nach der WM 2014 aus den Favelas zurückziehen wird, wenn Brasilien nicht mehr so sehr im Fokus der Öffentlichkeit steht?

Man kann nicht voraussagen, wie es hier in einem Jahr sein wird. Die Dinge ändern sich jeden Tag. Ich glaube, dass die Polizei hierbleiben wird, aber mit weniger Mann. Auch weil Ex-Milliardär Eike Batista, der dem Staat Geld für die UPP gegeben hat, pleite ist.

 

Wird Rio de Janeiro sich insgesamt durch die WM stark verändern?

Es gibt viele Baustellen, wie die Sanierung der alten Schnellstraße, die aus Rio herausführt, oder die Metro, die bis zur Rocinha gebaut wird. Das finden wir gut. Der Straßenverkehr in Rio ist eine Katastrophe, die Metro wird deswegen helfen.

 

Werden Sie sich die WM-Spiele ansehen?

Ich liebe Fußball und ich bin Flamengo-Fan, wie alle hier. Ich werde mir die WM zuhause im Fernsehen anschauen. Die Preise im Stadion sind zu teuer, fern jeder Realität. Ich war noch nie im Maracanã-Stadion – auch noch nie auf der Christus-Statue.

 

Warum denn noch nie auf dem Cristo – weil es zu teuer ist?

Nein, aber das ist eher etwas für Ausländer – wie die Favela-Seilbahn. Ich wohne hier oben in der Rocinha auf der gleichen Höhe wie die Christus-Statue und ich habe von hier aus den gleichen Ausblick, jeden Tag.

 

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

Ich gehe noch zur Schule und danach möchte ich weiter Journalismus machen, Kulturjournalismus. Und ich will in der Rocinha bleiben. Das ist meine Welt.

 

Das Interview führten Julia Jaroschewski und Sonja Peteranderl. Die Journalistinnen bloggen auf http://favelawatchblog.com/ und schreiben auf http://buzzingcities.net/.

 

Michel Silva schreibt auf einem eigenen Webportal über den Alltag in seiner Favela.
[email protected]