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Türkische Einwanderer

Gespaltene Gemeinschaft mit Identitätsproblemen

von Timur Tinç

Hintergrund

Der Islam gehört zu Deutschland: Muslime beim Fastenbrechen in der türkisch-islamischen Ditib-Gemeinde in Göttingen 2012.

Der Islam gehört zu Deutschland: Muslime beim Fastenbrechen in der türkisch-islamischen Ditib-Gemeinde in Göttingen 2012.

Seitdem Recep Tayyip Erdogan die Türkei regiert, betreibt er eine aktive Politik dafür, dass sich in Deutschland lebende Türken mit ihm und den türkischen Werten identifizieren. Das spaltet die ohnehin sehr heterogene Gemeinschaft noch mehr.

Vor fast 60 Jahren kamen die ersten Türken als Arbeitsmigranten nach Deutschland. Sie wurden als Gastarbeiter bezeichnet, weil sie nur zeitlich begrenzt im Land bleiben sollten. Doch viele sind dauerhaft in Deutschland geblieben, haben ihre Kinder und Enkel hier bekommen. Mittlerweile leben rund 3 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in der Bundesrepublik, ungefähr die Hälfte von ihnen besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Die türkischen Einwanderer und mit ihnen der Islam sind heute Teil der deutschen Gesellschaft. Doch viele ihrer Kinder und Enkel haben Identitätsprobleme. Sie fühlen sich weder Deutschland noch der Türkei zugehörig, sondern als Wanderer zwischen den Welten.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan befeuert die Problematik noch. „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, lautet ein vielzitierter Satz aus einer Rede im Februar 2008 in Köln. Der Politiker war als Ministerpräsident seinerzeit auf dem vorläufigen Zenit seiner Macht.

Im Inland erfreute er sich breiter Zustimmung, noch ohne die Medien weitgehend gleichgeschaltet zu haben. Im Ausland galt er damals als Reformer, der die türkische Wirtschaft nach vorne bringt und sich der EU annähert. Doch die Kölner Rede wurde von vielen Deutschen als Bedrohung wahrgenommen. Dabei sei der größte Teil dieser Rede eigentlich völlig unproblematisch gewesen sei, erklärt der auf Türkei-Forschung spezialisierte Sozialwissenschaftler Yasar Aydin. „Es war neu, dass ein ausländischer Regierungschef Menschen in Deutschland mobilisiert. Das hat es vorher in dieser Form nicht gegeben.“

Erdogan schlug damit einen Pflock für seine künftige Politik gegenüber den Auslandstürken in Deutschland ein. Viele von ihnen waren für diese Art Propaganda zunehmend empfänglich. Rassistische Anschläge in Solingen und Mölln hatten das Vertrauen der türkischen Community in die staatlichen Institutionen in Deutschland massiv erschüttert. Später kam weiterer  Terror durch Neonazis wie den NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) hinzu.

„Erdogan hat diese Entwicklung als Grundlage genommen, um der türkischen Diaspora das Signal zu geben: Wir sind euer Beschützer“, sagt der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschland (TGD), Atila Karabörklü.

Seit dem Wahlsieg seiner Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) 2002 legte Erdogan einen Fokus auf die im Ausland lebenden Türken gelegt. 2004 wurde die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) gegründet, um Lobby für die AKP zu betreiben.


Neues Wahlrecht

Im Jahr 2008 änderte das türkische Parlament das Wahlgesetz und erlaubte erstmals türkischen Staatsbürgern, die im Ausland leben, bei Wahlen und Referenden abzustimmen, ohne in die Heimat reisen zu müssen. 2010 gründete die AKP-Regierung das Amt für Auslandstürken und verwandte Gemeinschaften (YTB). Das verteilt unter anderem Stipendien an türkischstämmige Studierende oder stellt Geld für die Gründung von türkischsprachigen Oberschulen und Kulturzentren innerhalb Europas bereit.

Bevor die Türken im Ausland wählen konnten, gab es keinen direkten Einfluss auf das Ursprungsland, wohl aber einen indirekten. „Der Einfluss der Diaspora-Türken auf die Türkei und umgekehrt ist multikomplex und vielfältig und hatte je nach Zeitschiene auch unterschiedliche Schwerpunkte“, sagt Karabörklü. Gerade zwischen den 1960er und 80er Jahren haben die im Ausland lebenden Türken viel Geld in die Heimat geschickt und so die türkische Wirtschaft positiv beeinflusst. Auch alle politischen Strömungen der Türkei waren von Beginn an in Deutschland aktiv und unterstützten ihre Mutterorganisationen in der Türkei finanziell.


Grabenkämpfe in der Community

Atila Karabörklü hat mit der fortschreitenden autokratischen Politik Erdogans eine Zunahme der innertürkischen Konflikte wahrgenommen, die auch die Diaspora direkt beeinflussen. Das hat dazu geführt, dass „innerhalb der Community Grabenkämpfe vorhanden sind, aber auch der Graben mit der Mehrheitsgesellschaft vertieft worden ist“, bedauert der TGD-Bundesvorsitzende.

Das sind zum einen die Konflikte der Türkei in Syrien, im Kaukasus oder aktuell in der Ägäis, die die Türkei international isolieren. Dann gibt es Debatten, bei der die in Deutschland lebenden Türken zwischen die Stühle geraten, wie beim Salutieren türkischer Fußball-Nationalspieler beim Einmarsch der türkischen Armee in Nordsyrien. Die deutsche Seite verlangt eine Distanzierung, die türkische verlangt Solidarität. „Es gibt von beiden Seiten Druck“, sagt Karabörklü.

Zum anderen ist da die fortwährende spalterische Politik von Präsident Erdogan, die einen tiefen Keil in die türkische Gesellschaft getrieben hat, der auch in Deutschland zu spüren ist. Zwischen Liberalen, Kemalisten, Alewiten und den Erdogan-Anhängern aus nationalistischen, konservativen und islamistischen Kreisen gibt es keine Gesprächsgrundlage mehr. „Die türkische Gesellschaft ist grundsätzlich in zwei Lager geteilt, die sich gegenseitig politisch bekämpfen: die Unterstützer der Erdogan-Regierung – Cumhur Ittifaki – und die Opposition – Millet Ittifaki. Die unterschiedlichen Lager sind zutiefst verfeindet“, erklärt Karabörklü. Und selbst unter den Erdogan-Gegnern gibt es oft keinen gemeinsamen Nenner.

Das Freund-Feind-Denken wird von der politischen Führung in der Türkei gefördert. Vor allem die „türkisch-sunnitischen Organisationen haben auf das Engagement der Türkei in der Diaspora positiv reagiert“, meint die Politikwissenschaftlerin Ayca Arkilic. Andere Migrantenorganisationen wie alewitische oder nichtislamische Organisationen seien „kein Teil dieses inneren Zirkels“.

Im Fokus der öffentlichen Diskussion stand dabei in den vergangenen Jahren die Rolle des Islamverbands Ditib (übersetzt: Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion). Er wurde 1984 als Ableger der türkischen Religionsbehörde Diyanet gegründet und koordiniert über seine Kölner Zentrale bundesweit rund 960 der 2600 Moscheen in Deutschland. Der Ditib-Bundesvorsitzende ist in Personalunion türkischer Botschaftsrat für religiöse und soziale Angelegenheiten und somit direkt an den türkischen Staat gebunden. Die Ditib-Moscheen sind in den vergangenen Jahren auch politischer Arm der türkischen Regierung geworden.

Die Religionsattachés, die aus der Türkei an die Konsulate entsandt werden, haben schon immer die Moscheegemeinden kontrolliert. Seit dem gescheiterten Putschversuch galt das auch verstärkt der politischen Gesinnung. Nach dem Juli 2016 wiesen die Attachés die Imame an, die türkische Beamte sind, in den Gemeinden nach Gülen-Anhängern zu spitzeln. Die Anhänger des Predigers Fethullah Gülen werden für den Putschversuch verantwortlich gemacht (siehe meinen Beitrag im Schwerpunkt des E+Z/D+C e-Papers 2017/12). Das hat ein Klima des Misstrauens geschürt. Des Weiteren hat der Bundesverband zusammen mit den Religionsattachés den Druck auf die Landesverbände verstärkt und Erdogan-Kritiker aus den Reihen entfernt. Diese Strukturen haben den Verband sogar ins Visier des Verfassungsschutzes gebracht.

Der TGD-Bundesvorsitzende Karabörklü warnt davor, all diese Entwicklungen auf Erdogan zu reduzieren. „Die Türkei ist mehr als der Staatspräsident“, betont er. Der Schwerpunkt der türkischen Diaspora liege auf der Makroebene und dem Wunsch nach gesellschaftspolitischen Veränderungen in der Türkei. Dies habe aber keinen Erfolg. Oppositionelle Stimmen aus dem Ausland finden nach Ansicht des Türkei-Experten Yasar Aydin kein Gehör in der Türkei. „Exil-Türken oder kritische Journalisten wie Can Dündar versuchen so etwas wie eine Opposition aufzubauen, haben aber keinen Einfluss.“ Die Gründe dafür sind laut Aydin, dass die Opposition in der Türkei nicht mit einer Stimme spricht und sich kaum Gehör in der gleichgeschalteten Medienlandschaft verschaffen könne. Stimmen aus dem Ausland gelingt dies erst recht nicht.


Timur Tinç ist Redakteur bei der Tageszeitung Frankfurter Rundschau.
[email protected]

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