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Pandemie-Politik

Was Ausgangssperren tödlich machen kann

von Katharina Michaelowa, Axel Michaelowa

Meinung

Festnahme wegen einer Verletzung der Ausgangssperre in Lagos-State, Nigeria.

Festnahme wegen einer Verletzung der Ausgangssperre in Lagos-State, Nigeria.

In Ländern mit niedrigen mittleren Einkommen braucht ein großer Teil der Armen ihr tägliches Einkommen zum Überleben. Ausgangssperren nehme darauf keine Rücksicht.

Um die Ausbreitung des neuen Coronavirus einzudämmen, folgen viele Entwicklungsländer dem Vorbild der Industrienationen und verhängen Ausgangssperren. Menschen müssen zu Hause bleiben und dürfen nicht arbeiten. Leider unterschätzen viele Regierungen, was das bedeutet.

Am 2. April stellte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, fest: „In Ländern, in denen ein großer Anteil der Bevölkerung arm ist, sind Restriktionen wie die Anweisung, zu Hause zu bleiben, möglicherweise nicht praktikabel. Viele arme Menschen, Migranten und Geflohene leben dicht gedrängt, ohne Mittel und ohne Zugang zum Gesundheitswesen. Wie überleben Menschen einen Lockdown, wenn sie täglich Geld verdienen müssen, um zu essen?“ 

Zwar behaupten die Regierungen, sie könnten die Massen der Armen ernähren, aber die Informationen, die wir aus Ländern wie Indien bekommen, legt nahe, dass die Hilfe große Lücken aufweist und keinen Ersatz für den täglichen Verdienst bietet. Zudem ist Distanzhalten in dicht bevölkerten Elendsvierteln gar nicht möglich.

Tödlich wirkt Covid-19 vor allem in Altersgruppen über 60. Folglich sind die Auswirkungen bei einer vergleichsweise jungen Bevölkerung, wie sie für Entwicklungsländer typisch ist, vermutlich eher begrenzt. Gleichzeitig kostet die Durchsetzung von Ausgangssperren in armen Gesellschaften selbst Menschenleben. Das liegt nicht nur an der Brutalität von Polizisten – in Nigeria haben sie Medienberichten zufolge bislang mehr Menschen getötet als das Virus. Indirekte Folgen reichen viel weiter, denn arme Menschen bekommen nichts zu essen, wenn sie kein Geld verdienen. Wir müssen also nicht einmal eine ethisch problematische Abwägung zwischen ökonomischem Schaden und Menschenleben vornehmen, um zu dem Schluss zu kommen, dass strenge Ausgangssperren in armen Ländern vermutlich falsch sind. In ihrer Folge sterben voraussichtlich mehr und nicht weniger Menschen. 

Es gibt bei dieser Rechnung aber eine große Unbekannte: Wir haben bislang keine belastbaren Daten darüber, wie sich Covid-19 auf mangelernährte Menschen auswirkt, zumal wenn sie darüber hinaus auch unter massiver Luftverschmutzung leiden. Erste Forschungsergebnisse aus den USA legen nahe, dass Luftverschmutzung die Covid-19-Sterblichkeit erhöht. Diese Nachricht alarmiert, denn sie betrifft viele Menschen in armen Ländern sowohl draußen als auch innerhalb der Wohnstätte. Da es an solidem Wissen mangelt, muss dringend erforscht werden, welche Wechselwirkungen zwischen Corona-Infektionen und Mangelernährung, Luftverschmutzung und anderen für arme Menschen typischen Gesundheitsproblemen existieren. Nur wenn wir das Zusammenspiel der verschiedenen Mortalitätsrisiken besser verstehen, können wir eine wirkungsvolle Politik gestalten!

Bei der Lockerung von Ausgangssperren sollte dann so gut wie möglich für systematischen Schutz und Isolation der verwundbaren Bevölkerungsgruppen gesorgt werden. Alte Menschen und diejenigen, die sie pflegen, sollten beispielsweise so lange unter Quarantäne gestellt werden, bis ein Impfstoff oder eine gute Therapie verfügbar wird. 

Das ist eine gewaltige Aufgabe. Bisher hat noch kein Land erfolgreich ein Isolationskonzept dieser Art umgesetzt. Die Geschichte der Grippepandemie von 1918 zeigt aber, dass es möglich ist, solche „Fluchtgemeinschaften“ einzurichten. Regierungen im globalen Süden müssen Fragen dieser Art gründlich prüfen, und sie verdienen dabei massive Unterstützung sowohl von bilateralen als auch multilateralen Institutionen.  


Axel Michaelowa ist Senior Researcher an der Universität Zürich und Gründer der Beratungsfirma Perspectives.
[email protected]

Katharina Michaelowa ist Professorin für politische Ökonomie und Entwicklung an der Universität Zürich.
[email protected]

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