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Ungleichheit

Brücken bauen

von Dominik Hartmann

Hintergrund

Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche.

Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche.

Das Zeitalter der intelligenten Maschinen und der Digitalisierung bietet neue Möglichkeiten, birgt aber auch die Gefahr zunehmender globaler Ungleichheiten. Weder die Umverteilung von Einkommen noch Austeritätsmaßnahmen taugen dazu, nachhaltige, inklusive Entwicklung zu erreichen. Gefragt sind neue, interdisziplinäre Ansätze.

Thomas Pikettys Buch (2014) über die Ungleichheit im 21. Jahrhundert belegt, dass das Vermögen der oberen zehn Prozent durch Kapitalerträge systematisch schneller wächst als die Einkommen durch Produktion und Arbeit. Somit steigt die ökonomische Ungleichheit an, und Wohlstand ist immer weniger ein Indikator für Arbeit und Leistung.

Ob die von Piketty geforderte globale Vermögenssteuer alleine in der Lage wäre, strukturelle Unterschiede im digitalen Zeitalter zu ändern, ist jedoch fraglich. Insbesondere bei geringem Wachstum und hoher Arbeitslosigkeit ist es nötig, Innovationen, Wettbewerbsfähigkeit und vor allem hochwertige Arbeitsplätze zu schaffen. Das leisten weder Umverteilungs- noch Sparpolitik als Standardstrategien.

In einigen großen Entwicklungs- und Schwellenländern stockt die ökonomische Entwicklung. Die globale Finanzkrise hat in vielen Regionen der Welt Arbeitsplätze vernichtet, und die Divergenz zwischen den reichen Eliten und dem Rest der Bevölkerung ist gestiegen.

Neben der von Piketty beschriebenen Vermehrung von Kapital durch Kapital rollt jedoch schon die nächste Welle substantiellen Strukturwandels an: durch intelligente Maschinen und Digitalisierung. Sie führt zu neuen Ungleichheiten zwischen Menschen, Regionen und Ländern, wird viele Jobs der Mittelschicht obsolet machen, aber auch neue Chancen eröffnen. Interdisziplinäre Ansätze sind notwendig, um den komplexen Problemstellungen zu begegnen.


Innovation und Ungleichheit

Die USA sind dem Rest der Welt bei Innovationen und der Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft weit voraus. Forscher und Unternehmer im Silicon Valley oder in Massachusetts haben einen großen Vorsprung bei der Analyse großer Datenmengen und beim maschinellen Lernen.

Die Einkommens- und Vermögensungleichheiten steigen in den USA und weltweit durch die neuen Technologien stark an. Ähnlich wie bei der industriellen Revolution werden viele alte Fähigkeiten obsolet, und menschliche Arbeitskraft wird durch Maschinen und Algorithmen ersetzt. Internet- und Gesellschaftsforscher (Brynjolfsson und McAfee, 2014, Frey und Osborne, 2013, oder Lanier 2014) betonen, dass Strukturwandel das Risiko wachsender Ungleichheit im digitalen Zeitalter mit sich bringt.

Einerseits können intelligente Maschinen und Algorithmen viele Jobs der bisherigen Mittelschicht in den Industrieländern ersetzen. Andererseits inves­tieren multinationale Unternehmen gezielt in die wissensbasierte Industrie 4.0 der führenden Technologienationen.

Neue Lösungsansätze müssen her, um einen größeren Teil der Bevölkerung jenseits der kleinen aufstrebenden Bildungs-, Tech- und Finanzelite fair zu entlohnen und aktiv an der digitalen Revolution zu beteiligen. Ein Großteil der Weltbevölkerung muss neue Fähigkeiten wie Programmierung, Social Media Literacy und interdisziplinäre Lösungskompetenz erwerben.


Echokammern und Polarisierung

Die digitale Informationsflut schafft aber auch neue Probleme. Sandy Pentland (2014) vom Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) weist auf die abnehmende Produktivität bei zu häufigen virtuellen sozialen Interaktionen hin. Oft wiederholen sich in den sozialen Medien dieselben Informationen wie in einer Echokammer, und die Produktivität sinkt. Physische Diskussionen zwischen Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und Wissen sind deshalb nach wie vor entscheidend.

Soziale Medien und Hyperkonnektivität können zudem ideologische Gräben vertiefen. Renzo Lucioni (2013) und andere Forscher haben die politische Polarisierung in den USA aufgezeigt. Während es 1989 noch viele Stimmüberschneidungen republikanischer und demokratischer Senatoren bei legislativen Entscheidungen gab, waren es 2002 bereits deutlich weniger und im Jahr 2013 fast gar keine mehr. Auch bei politischen Auseinandersetzungen anderswo scheinen sich die Fronten durch neue Technologien zu verhärten, was beispielsweise in auf Social Media geführten Debatten in der Türkei oder Brasilien deutlich wird.

Zu häufig laufen die Diskussionen über Technologie, Wirtschaftswachstum und soziale Entwicklung nebeneinanderher. In der Praxis müssen sie sich jedoch ergänzen, um nachhaltige Entwicklung zu generieren (Hartmann 2014). Gezielte Anstrengungen sind nötig, um den Wissensaustausch zwischen unterschiedlichen Gruppen voranzubringen.

Neben der Tendenz zu Polarisierung und Ungleichheit gibt es aber auch einige neue Initiativen, die gezielt unterschiedliche Betrachtungsweisen integrieren und interdisziplinäres Lernen fördern (siehe Kasten).

Das ist nötig, um Armut und Ungleichheit nachhaltig zu bekämpfen. Einkommensumverteilung allein wird nicht reichen. Wir müssen Verständnis füreinander entwickeln und Brücken zwischen unterschiedlichen Gruppen bauen. Massive Open Online Courses, Big Data, Crowdsourcing, maschinelles Lernen, Hackathons und Open Source bieten vielfältige Möglichkeiten, aber die wenigsten haben bislang Anteil daran.

Deshalb müssen die demokratischen und interdisziplinären Fähigkeiten geschaffen werden, um unterschiedliche Sichtweisen zu verstehen und aktiv einzubeziehen. Die Erkenntnisse von Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit können die Möglichkeiten interdisziplinärer Verbindungen von ökonomischen, sozialen und technologischen Überlegungen aufzeigen.


Literatur und Links

Brynjolfsson, E., und McAfee, A., 2014: The second machine age. New York: W.W. Norton & Company.

Frey, C.B., und Osborne, M.A., 2013: The future of employment: how susceptible are jobs to computerisation.
http://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf

Hartmann, D., 2014. Economic complexity and human development. How economic diversification and social networks affect human agency and welfare. New York: Routledge Studies in Development Economics.

Lanier, J., 2014: Who owns the future. New York: Simon & Schuster.

Lucioni, R., 2013: United States of Amoeba.
http://www.economist.com/news/united-states/21591190-united-states-amoeba

Pentland, A., 2014: Social Physics. How ideas spread – the lessons from a new science. New York: Penguin Press.

Piketty, T., 2014: Capital in the twenty-first century. Cambridge: The Belknap Press of Harvard University Press.

World Bank, 2016: World Development Report 2016: Digital Dividends.
http://www-wds.worldbank.org/external/default/WDSContentServer/WDSP/IB/2016/01/13/090224b08405ea05/2_0/Rendered/PDF/World0developm0000digital0dividends.pdf

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