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Frauen im Islam

Geschlechterrollen im Umbruch

von Martina Sabra

Hintergrund

Genderrollen in muslimischen Ländern ändern sich. Schulmädchen in Herat, Afghanistan.

Genderrollen in muslimischen Ländern ändern sich. Schulmädchen in Herat, Afghanistan.

Die aktive und öffentlich sichtbare Beteiligung von Frauen an den Revolten in der arabischen Welt seit 2011, die zunehmende Bedeutung islamischer politischer Bewegungen und die Rekrutierung von Frauen durch das Terrornetzwerk „Islamischer Staat“ (ISIS) haben den Blick auf die gesellschaftliche und politische Rolle von Frauen in islamisch geprägten Kontexten verändert und neue Fragen in Bezug auf Islam, Gender und Politik aufgeworfen.

Im April 2015 erschien das Buch „Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der arabischen Welt“ von Mona Eltahawy auf Englisch und Deutsch. Die ägyptisch-amerikanische Journalistin, Aktivistin und Feministin hatte im arabischen und englischen Sprachraum bereits seit den 2000er Jahren als Bloggerin und TV-Kommentatorin einen Namen. Im November 2011 wurde international über sie berichtet, als ägyptische Polizisten sie bei einer Demonstration in Kairo schwer verletzten und sexuell attackierten.

Das Buch, eine Mischung aus Pamphlet, historischem Abriss und autobiographischem Essay, vermittelt einen lebendigen Eindruck von den Entwicklungen, die die Teilnahme so vieler Frauen an den arabischen Aufständen ermöglichten. Geboren 1967 im ägyptischen Port Said als Tochter eines Arztehepaares, zog Eltahawy als Siebenjährige mit den Eltern nach England und wenige Jahre später nach Saudi-Arabien. Dort musste sich die Heranwachsende verschleiern. Die Niveaulosigkeit islamischer TV-Prediger entsetzte sie: „Ich werde nie vergessen, wie mir mitgeteilt wurde, dass man, falls man von einem männlichen Baby angepinkelt werde, ruhig in denselben Kleidern zum Gebet gehen dürfe; passiere dasselbe aber mit einem kleinen Mädchen, müsse man die Sachen wechseln.“

Ironischerweise war Saudi-Arabien auch der Ort, an dem Eltahawy mit Anfang zwanzig das arabische und globale feministische Denken entdeckte. Während des Studiums stieß sie auf Werke arabischer und westlicher Frauenrechtlerinnen, darunter Huda Shaarawi, Doria Shafik, Nawal El Saadawi, Fatima Mernissi und Simone de Beauvoir. „Bis heute weiß ich nicht, wer feministische Texte in die Regale der Universitätsbibliothek in Dschidda stellte – aber ich fand sie dort. Sie erfüllten mich mit blankem Entsetzen. Ich begriff, dass sie an einem Faden zogen, der alles auftrennen würde.“

Zurück in Kairo, geriet die Studentin in eine Identitätskrise. Sie begann, den Sinn des Schleiers in Zweifel zu ziehen, denn trotz ihrer Bedeckung wurde sie massiv sexuell belästigt. Mit 24 Jahren legte Eltahawy das Kopftuch für immer ab. Die Schilderung des damit verbundenen langen Ablösungsprozesses ist eine der Stärken des Buches. Die Autorin sieht sich als Teil einer globalen feministischen Bewegung, wobei sie sich persönlich in den antikolonialen feministischen Diskursen lateinamerikanischer und schwarzer Frauen verortet. Eltahawy steht in der Tradition großer arabischer Feministinnen des 20. Jahrhunderts, doch anders als ihre Vorgängerinnen hat sie keine Vorbehalte gegenüber dem Begriff Feminismus, und sie fürchtet sich nicht vor Kontroversen. Ihr Buch hat das Zeug zu einem Meilenstein der arabischen feministischen Literatur.

Ein breites positives Echo fand im Frühjahr 2015 das Buch „Undercover-Islamistin“ der französischen Journalistin Anna Erelle (Pseudonym). Warum schließen sich junge Frauen ISIS an? Wie funktioniert die Anwerbung? Um das herauszufinden, schlüpfte die Autorin in die Rolle einer französischen Konvertitin, um sich zum Schein rekrutieren zu lassen. Per Facebook gelang es ihr über Monate scheinbar, nahe an einen führenden ISIS-Kämpfer heranzukommen. Doch kurz vor dem Ziel brachte die Journalistin ihre Rekrutierer durch eine Unachtsamkeit auf ihre private Spur und musste das Projekt abbrechen.

Warum das Buch so gute Kritiken erhielt, lässt sich schwer nachvollziehen, denn es ist über weite Strecken langweilig geschrieben, inhaltlich dünn und voller sachlicher Fehler. So ist die türkische Stadt Urfa keine ISIS-Hochburg. Die in vielen anderen Quellen recht gut dokumentierten ISIS-Rekrutierungsmethoden werden nur oberflächlich geschildert, die Rolle der sozialen Medien nicht kritisch analysiert.


Langfristiger Trend

Die angeblich professionelle Reporterin ist beim Einfädeln ihrer als „sensationell“ vermarkteten Undercover-Recherche bemerkenswert unbedarft vorgegangen. Wesentliche Fragen, die man sich im Vorfeld eines solchen Projektes stellen müsste, spielen bei ihr keine Rolle. Dazu gehört etwa die Tatsache, dass radikalislamische und terroraffine Milieus seit langem geheimdienstlich beobachtet werden und dass eine Journalistin bei ihrer offenen Recherche im Netz höchstwahrscheinlich „Mitleser“ haben wird. Angeblich begriff Erelle erst beim Abbruch ihrer Recherche, dass der französische Geheimdienst sie benutzte. Das wirkt unglaubwürdig.

Die öffentliche Präsenz von Frauen im Arabischen Frühling sorgte in westlichen Medien für Überraschung. Dabei vollzieht sich in vielen islamisch geprägten Gesellschaften seit Jahren ein tiefgreifender sozialer Wandel, der dazu führt, dass Frauen die traditionellen Geschlechterrollen in Frage stellen und sich für Reformen engagieren.

Der deutschsprachige Sammelband „Arabischer Frühling? Alte und neue Geschlechterpolitiken in einer Region im Umbruch“ von 2013 (herausgegeben von Fuchs et al.) bietet eine wahre Fundgrube an Denkansätzen und Einsichten. Er umfasst Analysen und Porträts, die teilweise auf Vorträgen einer Konferenz im Jahr 2012 basieren, teils eigens für dieses Buch verfasst wurden.

Empfehlenswert ist auch ein Sammelband (Wunn und Selcuk, 2013) mit Beiträgen internationaler Autorinnen. Der Band belegt, dass die Ereignisse von 2011–2012 keine spontane Eruption waren, sondern als Teil eines sozialen und politischen Transformationsprozesses zu sehen sind, der lange vor 2011 begonnen hat und der vermutlich noch Jahrzehnte andauern wird. Exemplarisch zu nennen sind die Beiträge von Hanna Wettig und Johanna Block, die beschreiben, wie ägyptische Frauen jenseits von Kopftuchstreit und religiöser Identität um ihr Selbstbestimmungsrecht kämpfen.

Mit dem westlichen Blick auf muslimische Frauen und die Genderthematik befasst sich die verstorbene Birgit Rommels­pacher im Artikel „Feminismus, Säkularität und Islam“. In diesem Beitrag, der Entwicklungsexperten in islamisch-arabischen Kontexten als Standardlektüre empfohlen sei, analysiert Rommelspacher die teilweise irreführenden Selbstbilder und Mythologisierungen des Westens sowie die Ambivalenz von Konzepten wie „Gleichheit“ und „Gleichwertigkeit“ – Ambivalenzen, die durchaus fruchtbar sein könnten, denn Widersprüche und Unschärfen sind Voraussetzungen für Entwicklung. Immer häufiger engagieren sich muslimische Aktivistinnen in transnationalen Netzwerken, wobei sich das von Frauen aus Malaysia initiierte globale Netzwerk „Musawah for Equality in the Family“ durch Kontinuität und konzeptionelle Stärke auszeichnet. Das Familienrecht ist dabei ein wichtiges Handlungsfeld, denn in vielen islamisch geprägten Ländern ist es der einzige Rechtsbereich, der noch religiös geprägt ist. Claudia Derichs (in Wunn und Selcuk, 2013) beschreibt Musawah gut. Der arabische Begriff bedeutet Gleichheit.

Ein Schwerpunkt von Musawah sind transnational angelegte Publikationsprojekte zum islamischen Familienrecht und zu genderrelevanten islamischen Rechtstraditionen. In der jüngsten Publikation, „Men in Charge – Rethinking Legal Authority in Muslim Legal Tradition“ (herausgegeben von Mir-Hosseini et al.), untersuchen muslimische Theologinnen, Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen die zentralen Konzepte rechtlicher Autorität von Männern über Frauen in verschiedenen islamisch geprägten Gesellschaften.

Eine 2013 erschienene Publikation mit dem Titel „Gender and Equality in Muslim Family Law: Justice and Ethics in the Islamic Legal Tradition“ (herausgegeben von Mir-Hosseini et al.) bearbeitet das Spannungsverhältnis von Genderkonzepten und Menschenrechts- und Gerechtigkeitsvorstellungen in islamischen Rechtstraditio­nen vor dem Hintergrund der Entstehung moderner Nationalstaaten und Rechtssys­teme. Anhand von Beispielen aus Marokko bis Malaysia werden die komplexen und oftmals widersprüchlichen Haltungen moderner Staatseliten zum islamischen Recht analysiert.


Martina Sabra ist freie Journalistin und entwicklungspolitische Gutachterin.
[email protected]

Link:
Netzwerk „Musawah for Equality in the Family“:
http://www.musawah.org

Literatur:
Eltahawy, M., 2015: Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der arabischen Welt. München: Piper. Englisch: Headscarves and Hymens: Why the Middle East Needs a Sexual Revolution, London: Orion.
Erelle, A., 2015: Undercover-Dschihadistin – Wie ich das Rekrutierungsnetzwerk des Islamischen Staats ausspionierte. München: Droemer Knaur. Englische Ausgabe: 2015: In The Skin Of A Jihadist. London: Harper Collins.
Fuchs, E., Filter, D., und Reich, J., (Hg.), 2013: Arabischer Frühling? Alte und neue Geschlechterpolitiken in einer Region im Umbruch. Hamburg: Centaurus.
Mir Hosseini, Z., Vogt, K., Larsen, L.,  und C. Moe, (Hg.), 2013: Gender and Equality in Muslim Family Law: Justice and Ethics in the Islamic Legal Tradition. I. B. Tauris.
Mir-Hosseini, Z., Al-Shermani, M., und Rummiger, J., (Hg.), 2015: Men in Charge – Rethinking Legal Authority in Muslim Legal Tradition, London: Oneworld
Wunn, I., und Selcuk, M., (Hg.) 2013: Islam, Frauen und Europa. Stuttgart: Kohlhammer.

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