Teilhabe
Bessere Inklusion für Menschen mit Behinderungen in Nigeria
Als Amina Yusuf ein Vorstellungsgespräch in einem mehrstöckigen Gebäude im Norden Nigerias wahrnehmen wollte, stand sie vor einer steilen Treppe. Es war der einzige Weg nach oben, einen Aufzug gab es nicht – einer von vielen Fällen, in denen rechtliche Anforderungen verletzt werden, weil es an baulicher Barrierefreiheit mangelt. Für die in ihrer Mobilität eingeschränkte Hochschulabsolventin war damit klar: Sie würde das Büro im oberen Stockwerk gar nicht erst erreichen. „Ich wurde ausgeschlossen, noch bevor es überhaupt richtig losging“, erinnert sie sich. Sie bekam die Stelle nicht – nicht wegen mangelnder Qualifikation, sondern weil selbst grundlegende Standards der Barrierefreiheit nicht eingehalten wurden.
Yusufs Fall beleuchtet ein tieferliegendes institutionelles Problem in Nigeria: Die Rechte von Menschen mit Behinderungen sind zwar gesetzlich verankert, werden aber so lückenhaft umgesetzt, dass ihr praktischer Nutzen begrenzt bleibt. Das Gesetz gegen die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen aus dem Jahr 2019 schreibt vor, dass mindestens fünf Prozent der Stellen im öffentlichen Dienst an Menschen mit Behinderungen gehen sollen. Zudem wurde eine Nationale Kommission für Menschen mit Behinderungen geschaffen, die die Umsetzung überwachen soll.
Doch etwa sieben Jahre nach Verabschiedung bleibt die Umsetzung weiter lückenhaft. Dies unterstreicht die enormen Herausforderungen, wenn es darum geht, gesetzliche Vorschriften in messbare Ergebnisse für mehr Inklusion zu überführen. Ein neuer Bericht geht davon aus, dass etwa 35 Millionen Menschen in Nigeria mit Behinderungen leben. Dennoch liegt ihre Beteiligungsrate am Arbeitsmarkt deutlich unter jener von Menschen ohne Behinderungen.
Für viele haben die garantierten Rechte noch nicht zu echten neuen Chancen geführt. Dabei hat Nigeria bereits 2008 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert und sich damit zu inklusiver Politik und gleichberechtigter Teilhabe sowie zur schrittweisen Umsetzung der Rechte für Menschen mit Behinderungen verpflichtet.
Ayuba Burki Gufwan, Exekutivsekretär der Nationalen Kommission für Menschen mit Behinderungen, räumte gegenüber nigerianischen Medien ein, dass die Umsetzung der Fünf-Prozent-Quote vorankomme. Gleichzeitig betonte er, dass strengere Kontrollen und ein stärkeres institutionelles Engagement essenziell seien. Unzugängliche Infrastruktur, mangelndes Bewusstsein bei Arbeitgebern und schwache Durchsetzungsmechanismen auf Ebene der Bundesstaaten schwächten die Wirkung des Gesetzes weiterhin erheblich. Ohne einen klareren Rahmen für Rechenschaftspflicht bleibe die Einhaltung der Vorgaben eher freiwillig als verbindlich.
Internationale Erfahrungen zeigen, wie wichtig wirksame Kontrollmechanismen sind. In Brasilien etwa haben Quotenregelungen für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen laut Arbeitsmarktstudien zu einem messbaren Anstieg der Einstellungen geführt. Die Einhaltung dieser Regelungen wird durch Kontrollen und finanzielle Sanktionen überwacht. Das verdeutlicht: Gesetzliche Reformen müssen angemessen durchgesetzt und kontinuierlich überprüft werden.
Bei allen Zahlen und politischen Zielvorgaben darf nicht in Vergessenheit geraten, worum es eigentlich geht: Für Amina Yusuf und Millionen andere bedeutet inklusive Beschäftigung die Chance auf wirtschaftliche Unabhängigkeit und volle gesellschaftliche Teilhabe. Zugleich ist sie eine Investition in ökonomische Produktivität und sozialen Zusammenhalt. Die eigentliche Bewährungsprobe für Nigeria liegt deshalb jetzt nicht in der Qualität seiner Gesetze, sondern im politischen Willen und in der Fähigkeit staatlicher Institutionen, geltendes Recht tatsächlich durchzusetzen.
Sarafadeen Olalekan Oyeleke ist ein professioneller Amputiertenfußballspieler, Trainer, Autor und Sportlehrer für Menschen mit Behinderung. Er lebt in Ilorin, Kwara State, Nigeria.
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