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Grundbildung

Neue Schulbücher, neuer Auftrieb

von Atussa Ziai
Seit seiner Gründung im Jahr 1947 strebt Pakistan „Bildung für alle“ an. Trotzdem zählt der öffentliche Bildungssektor heute zu den am schlechtesten entwickelten weltweit. Die Islamische Republik trat ein schweres koloniales Erbe an: Nur 16,4 Prozent der Bevölkerung konnten lesen und schreiben, wie ein erster Bildungszensus im Jahr 1951 zeigte. So gesehen hat es beachtliche Fortschritte gegeben. Dem Bericht des pakistanischen Statistikamts für die Jahre 2006 bis 2007 zufolge sind inzwischen 55 Prozent der Pakistaner alphabetisiert. [ Von Atussa Ziai ]

„You must remove that reproach that is levelled justly against British rule, namely, the neglect of elementary education. My answer is that it is the duty of every civilised government to educate masses, and if you have to face unpopularity, if you have to face a certain amount of danger, face it boldly in the name of duty [...].“
(Mohammad Ali Jinnah)

Trotz aller Erfolge entwickelt sich der Bildungssektor jedoch nicht wie erhofft. Das Millenniumsziel, bis 2015 allen Kindern eine Grundschulbildung zu ermöglichen, erscheint unerreichbar. Nur 56 Prozent aller fünf- bis neunjährigen Jungen und Mädchen in Pakis­tan gehen zur Schule.

Das hat verschiedene Gründe. So ist der Zugang zu Bildung in Pakistan noch immer eingeschränkt. In ländlichen Gegenden, wo knapp zwei Drittel der Bevölkerung leben, gibt es nicht genug Schulen in erreichbarer Nähe. Für Mädchen macht das den Schulbesuch besonders schwer, zumal ihrer Bildung traditionell ohnehin wenig Bedeutung zukommt. Die Schulen sind häufig in schlechtem Zustand: Es gibt keine Tische und Bänke, die Kinder sitzen auf dem Boden. Toiletten existieren selten.

Die Mädchen und Jungen, die es trotzdem in die Schulen schaffen, erwartet ein schlechter Unterricht von mangelhaft ausgebildeten Lehrern, die häufig fehlen. Auch die Bücher sind veraltet. Die Eltern sehen daher wenig Sinn in einem Schulbesuch. Zumal viele Familien so arm sind, dass sie sich die Ausbildung kaum leisten können. Zu den Kosten für Schulmaterialien und Transport kommt der Ausfall der Arbeitskraft des Kindes als Beitrag zum Familieneinkommen. Wer kann, schickt seine Sprösslinge auf eine der Privatschulen, die einen besseren Ruf haben.

Für die Berufsbildung gilt Ähnliches: Wenige Pakis­taner sind formal ausgebildet. Sind sie es doch, genügt ihre Qualifikation oft nicht den Anforderungen der Wirtschaft. Nur knapp 25 Prozent der Erwerbstätigen haben einen Sekundarschul- oder Universitätsabschluss; 50 Prozent sind maximal ein Jahr zur Schule gegangen. Besonders Frauen finden kaum Zugang zum System. Das Gros der potentiellen Arbeitskräfte bleibt somit für die Entwicklung des Landes ungenutzt. Zudem sind allgemeine und berufliche Bildung nicht miteinander verknüpft.

Hinzu kommen institutionelle Probleme des pakis­tanischen Bildungssektors, wie etwa eine fragmentierte Regierungsführung. Verschiedene Institutionen sind für Allgemein- wie für Berufsbildung zuständig, stimmen sich aber nicht untereinander ab. Auf den drei Verwaltungsebenen (Bund, Provinzen und Distrikte) sind die Rollen- und Aufgabenverteilungen unklar, die Koordination in und zwischen den Institutionen wird durch starre Hierarchien erschwert.

Zu alledem wirken sich die politische Instabilität und die schlechte Sicherheitslage im Land negativ aus. Bei gewaltsamen Konflikten zwischen Regierung und extremistischen Gruppierungen in der Nordwestgrenzprovinz und in den Stammesgebieten wurden Schulen (vor allem für Mädchen) zerstört. Viele Eltern schicken ihre Kinder aus Angst nicht mehr zum Unterricht.

Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) unterstützt das Land in der Bildungspolitik, beim Erstellen von Kurrikula und Schulbüchern sowie bei der Lehrerfortbildung, über alle Verwaltungsebenen hinweg, also vom Bund über Provinzen und Distrikte bis hin zu den örtlichen Schulen. Dabei sollen Rahmenbedingungen und Bildungsqualität verbessert werden. Die GTZ ist außer auf Bundesebene auch in der Nordwestgrenzprovinz, in Punjab und den an Afghanistan angrenzenden Stammesgebieten aktiv, um Kindern und Jugendlichen zu relevanten Bildungsangeboten zu verhelfen.

Hier wäre es sinnvoll, die Schul- und Berufsbildung miteinander zu verbinden, um den Einstieg in den formalen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Langfristiges Ziel ist ein integriertes Gesamtbildungssystem. Die GTZ ist direkt in den Regierungsinstitutionen vertreten. Durch diese Einbindung der Mitarbeiter können interne Prozesse besser beraten werden. Vor allem geht es um Kapazitätsentwicklung, damit die Partner auf lange Sicht eigenständig arbeiten können.

Auf politischer Ebene hat die GTZ die pakistanische Regierung bei der Entwicklung eines nationalen Bildungsplans begleitet. Erstmals nahmen die wichtigs­ten Akteure auf Distrikt-, Provinz- und Bundesebene daran teil. Es geht darum, Rollen und Zuständigkeiten der verschiedenen Verwaltungsebenen zu klären sowie eine Verbindung zwischen Allgemein-, Berufs- und Hochschulbildung zu schaffen. Die parallelen staatlichen, privaten und religiösen Bildungssysteme sollen harmonisiert werden. In den Provinzen wird die Erhebung und Nutzung von Daten unterstützt, um die Planungsprozesse in den Ministerien zu optimieren. Ziel ist eine regelmäßig aktualisierte Sektorplanung, die sich an den Strategien des nationalen Bildungsplans orientiert. Effektivere institutionelle Rahmenbedingungen und Kapazitäten sollen die Regierungsführung – im Sinne von Transparenz, Rechenschaftspflicht und Dienstleistung – verbessern helfen.

Kurrikulum- und Schulbuchreform

Seit 2006 berät die GTZ das pakistanische Bundesbildungsministerium bei der Kurrikulumreform. Dazu gehören Lehrplanentwicklung, Überarbeitung der Rahmenrichtlinien und Entwicklung von Standards für Kurrikula. Die neuen Lehrpläne greifen auch Themen wie Menschenrechte, Umweltschutz, interkonfessionelles Verständnis und Katastrophenvorsorge auf. Sie unterstreichen Pakistans Bemühen, sich zu einer moderaten und aufgeklärten Wissensgesellschaft zu entwickeln.

Kurrikulumreform und Schulbuchpolitik hängen eng zusammen. Die GTZ beteiligte sich in den vergangenen Jahren aktiv an der Reform der nationalen Schulbuch- und Lehrmittelpolitik, die im Frühjahr 2007 in Kraft trat. Bisher waren die Schulbuchbehörden in den Provinzen für die Herstellung aller in staatlichen Schulen verwendeten Materialien verantwortlich. Nun sind sie für die Qualitätssicherung zuständig. Private Verleger entwickeln und produzieren die Materialien. Die Regierung hofft durch den so entstehenden Wettbewerb auf bessere Qualität.
Die GTZ bereitet diejenigen, die die neue Politik umsetzen müssen, auf ihre Aufgaben vor. Zur neuen Strategie gehört auch, dass Ressourcenzentren eingerichtet werden, wo sich Autoren und Verleger informieren und fortbilden können. Einmal im Jahr wird durch einen landesweiten Schreibwettbewerb die Entwicklung von Kinderliteratur angeregt. Die Vereinigung der pakistanischen Verleger und Buchhändler wird zur Teilnahme an internationalen Messen und zur Ausrichtung eigener Messen ermutigt. Durch Austausch und Wettbewerb will man Qualität und Ma­terialangebot steigern. Somit wird den pakistanischen Kindern und Jugendlichen ein interessanteres Lernumfeld geboten.

Lehrerfortbildung und Schulentwicklung

Auch die Lehrerfortbildung spielt eine wichtige Rolle bei den Reformen. Schließlich sind es die Lehrkräfte, die neue Inhalte mit neuen Materialien vermitteln müssen. Ihr Können entscheidet – neben guten Lehrplänen und Schulbüchern – darüber, ob die Schüler etwas lernen. Daher soll ein integriertes Lehrerfortbildungs- und Supervisionssystem eingeführt werden, das auf bestehenden Strukturen aufbaut und zunächst in ausgewählten Distrikten getestet wird. Um den Unterricht auch tatsächlich zu verbessern, werden pädagogische Supervision und Lehrerfortbildung miteinander verknüpft. Zusätzlich sollen Lehrer Unterrichtstagebücher führen und in regelmäßigen Gruppentreffen ihre Lehrmethoden diskutieren.

Außerdem will man Eltern und Gemeinden über Lehrer-Eltern-Vereinigungen in die Gestaltung ihrer Schulen einbeziehen. Diese können etwa die Anwesenheit der Lehrer überprüfen und die Leistungen der Schüler fördern.

Kohistan ist einer der ärmsten Distrikte in der Nordwestgrenzprovinz, im abgeschiedenen Hindukusch. Es gibt wenige Einkommensmöglichkeiten in dieser rauen Bergwelt, die meisten Bewohner leben von Landwirtschaft und Ziegenhaltung. Das Wertesystem ist konservativ, Frauen folgen strikt dem Prinzip der „Purdah“. Das bedeutet, dass sie ihre Häuser nicht verlassen, um nicht den Blicken fremder Männer ausgesetzt zu sein. Deshalb werden in dieser Region auch nur sehr wenige Mädchen eingeschult.

Als die GTZ hier 1999 ihre Arbeit aufnahm, stellten die Mitarbeiterinnen bei ihren Feldbesuchen fest, dass viele Mädchenschulen nur auf dem Papier existierten: Entweder fehlten die Lehrerinnen oder die Schülerinnen oder aber das Schulgebäude wurde anderweitig genutzt – als Lager für Viehfutter zum Beispiel. In Gesprächen gelang es den Mitarbeiterinnen, die Eltern davon zu überzeugen, dass Schulbildung für ihre Töchter wichtig ist.

Eine vom Projekt beauftragte „Mastertrainerin“ vermittelte den vormals kaum ausgebildeten Lehrerinnen, wie sie ihren Unterricht attraktiver gestalten können. Zugleich lernten sie, wie sie Kontakt zu den Eltern aufnehmen und sie in schulische Belange einbeziehen können. Das Training motivierte die Lehrerinnen. Um Transportprobleme zu umgehen, wurden „Hausfortbildungen“ organisiert.

Schon nach wenigen Jahren gingen deutlich mehr Mädchen in Kohistan zur Schule. Mittlerweile besuchen sie die Mittelschule bis zur achten Klasse. Es gibt sogar fünf Lehrerinnen, die Zehntklässler unterrichten. Die Eltern schätzen es, dass ihre Töchter zur Schule gehen, und einige würden am liebsten auch ihre Söhne in die Mädchenschulen schicken, weil sie von deren Qualität überzeugt sind.

Ende 2005 wurde die nationale Berufsbildungsbehörde NAVTEC (National Vocational and Technical Education Commission) als für die Berufsbildungsreform verantwortliche Institution unter dem Büro des Premierministers eingerichtet. NAVTEC begann, die „Nationale Kompetenzstrategie“ zu entwickeln, um bis 2030 die Pakistaner und Pakistanerinnen wirtschaftlich kompetenter zu machen. Eine Gruppe internationaler Geber, bestehend aus Großbritannien (DFID), der Europäischen Kommission (EC) und Deutschland (GTZ), unterstützt NAVTEC dabei. Sie arbeiten in einer „delegierten Partnerschaft“ zusammen, bei der die GTZ die Durchführung leitet und DFID und EC „stille Partner“ sind.

Bis Ende 2008 wurden zwei große Missionen zur Vorbereitung eines Berufsbildungsprogramms organisiert. Pakistanische Gutachter erstellten eine Reihe von Studien, etwa über die Situation beruflicher Bildung in den Grenzregionen. Geber und Partner haben den Schlussbericht abgenommen, der derzeit von den Geberregierungen geprüft wird. Bis das Programm beginnt, werden Maßnahmen zur Kapazitätsentwick­lung für NAVTEC organisiert.

Die pakistanische Regierung hat einige wichtige Bildungsreformen eingeleitet. Diese können zu einem nachfrageorientierten und flexiblen System führen, in dem lebenslanges Lernen zentral ist. Auf längere Sicht wird somit die Lebens- und Arbeitssituation der meis­ten Pakistaner verbessert.