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Straßenkunst

Die Wände erobern

von Sebastián Vargas

Hintergrund

Guatemalan mural dipicting fate of indigenous people

Guatemalan mural dipicting fate of indigenous people

In Lateinamerika haben Künstler und Aktivisten einen Weg gefunden, um kontroverse Themen für alle – auch in restriktiver politischer Umgebung und auch für Analphabeten – zugänglich zu machen: Straßenkunst und Wandmalerei. Die „Murales“ haben den öffentlichen Raum in verschiedenen Ländern Lateinamerikas geprägt.

„Bei der Wandmalerei ist die Message entscheidend, sie muss aber dennoch gut gemalt sein“, erklärt der 42-jährige Dardo M., ein bekannter „Muralista“ (Wandmaler) aus Buenos Aires, Argentinien. Ein Wandbild ist für die Öffentlichkeit gedacht, kein Gemälde für eine Galerie oder um in ein Wohnzimmer gehängt zu werden. Laut Dardo M. will der Maler mit dem Betrachter kommunizieren und eine konkrete Botschaft vermitteln. Wandmalerei ist also zugleich Kunst- und Kommunikationsform.

Seit Urzeiten haben Menschen Wände bemalt, um mythische oder rituelle Inhalte mit der Gruppe zu teilen, wie etwa in den Höhlen von Altamira in Spanien. Im ersten Jahrhundert nach Christus haben die Frühchristen Wände in Katakomben bemalt, um miteinander zu kommunizieren. Nur die Gruppenmitglieder konnten die Inhalte dechiffrieren, vor den römischen Verfolgern blieb die Nachricht verborgen. Diese Wandgemälde sind die ersten bekannten Vorläufer von Straßenkunst und Graffiti im modernen Sinne, die beide gleichermaßen mit einem verborgenen Code ausgestattet und mit einer sozialen Funktion besetzt sind.

 

Mexikanische Vorreiter

In der jüngsten Vergangenheit erweckten die Künstler Diego Rivera, Clemente Orozco und David Siqueiros in Mexiko Anfang der 1920er die Wandmalerei im öffentlichen Raum zu neuem Leben. Sie gründeten die Bewegung Movimiento Muralista Mexicano („mexikanische Straßenkunst-Bewegung“), die Kunst für das Volk machen wollte. Die Bewegung lehnte sich an die mexikanische Revolution von 1910 an, in der sich Intellektuelle mit Arbeitern und Bauern vereinten. Sie wollten die indigene Kultur neu beleben, die seit der Kolonialzeit brutal unterdrückt wurde und einen modernen Staat schaffen.

Paola Maurizio, Professorin für Kunstgeschichte in Buenos Aires erklärt, dass „diese Wandmaler traditionell ausgebildete Künstler waren, die sich von den Formalitäten befreiten.“ Sie ließen sich von indigener Kunst und Volkskunst genauso inspirieren wie von italienischen Wandmalern des 19. Jahrhunderts. Der Movimiento Muralista Mexicano gelang mittels Wandmalerei eine neue öffentliche Kommunikation. Der Eindruck der großdimensionierten Wandgemälde auf die größtenteils analphabetische Landbevölkerung war enorm, sagt Maurizio. Denn es waren Elemente der mexikanischen Kultur aufgriffen. Zum ersten Mal nach Jahrhunderten der weißen Vorherrschaft sah sich der Bauer selbst als Protagonist der Geschichte auf den Mauern dargestellt.

Die Ästhetik und Ideologie der Movimiento Muralista Mexicano wurde nach 1929 während der Großen Depression auch in den USA und damit international bekannt. Bislang hatte sich die Wandkunst-Bewegung auf Lateinamerika beschränkt – Kolumbien, Venezuela, Peru, Chile, Bolivien, Brasilien, Uruguay und Argentinien. Doch mit der Wirtschaftskrise, die eine immer größere soziale Ungleichheit in den USA mit sich brachte, fand die herrschaftskritische Kunstform immer mehr Bewunderer. Später wurde diese Ausdrucksform in Europa von der Studentenbewegung im Mai 1968 aufgriffen und über diesen Umweg fand die Straßenkunst wieder den Weg in die Vereinigten Staaten. In den 1970er-Jahren entwickelt sich in New York und Philadelphia der Nachfolger der Murales, die Graffiti-Kunst, und verbreitete sich von dort aus wieder in die Welt.

 

Kunst für alle

Graffiti sind meist eher Schriftzüge und weniger Bilder. Die Inschriften auf den Wänden erhalten ihre Bedeutung durch ihre Verbindung mit der umgebenden Gemeinschaft, deswegen hat diese Straßenkunst eine soziale Funktion. Die Wände werden nicht nur bemalt, um sie zu verschönern, sondern mit Graffitis wird auch kommentiert und protestiert. Der 28-jährige Graffiti-Sprayer Santiago Amrein aus Buenos Aires meint, dass jeder, der ohne Erlaubnis öffentliche Gebäude bemalt, eine politische Haltung hat, weil er öffentlichen Raum erobert: „Das gefällt mir am meisten bei der Straßenkunst.“ Amrein ergänzt: „Wir bemühen uns, die Kunst zu demokratisieren.“

Der Begriff Straßenkunst ist sehr allgemein und umfasst verschiedene Ausdrucksformen wie Wandgemälde oder Graffiti. Auch grafische Kunst mittels einer Schablone, die die serielle Wiederholung desselben Motives erlaubt, kommt immer mehr in Mode. Unterschriften als Tags sind sehr verbreitet. Hinzu kommen neuerdings digitale Kunstformen wie Video Mapping oder digitale Graffitis, die auf einer dafür bestimmten Technikplattform wie Tablets, PCs oder Handys hinterlegt und die über soziale Medien verbreitet werden.

Die argentinische Künstlerin Natalia Rizzo erläutert, dass ein Muralista, der eine Wandmalerei plant, das Ausmaß des Gebäudes und den Weg der Passanten miteinbeziehen muss. „Ein Passant wird nur stehenbleiben, wenn sein oder ihr Interesse an dem Werk geweckt wird. Wenn nicht, geht man daran vorbei,“ sagt die 34-jährige.

In den vergangenen Jahren ist die Straßenkunst immer mehr Mainstream geworden. Graffiti wurden durch Galerien institutionalisiert und in Museen „eingeschlossen“. Bekannte Marken und Firmen nutzen die Techniken der Künstler und kaufen sie sogar für Werbeaktionen ein. Trotzdem existiert weiterhin eine revolutionäre und politische Straßenkunst, die sich gegen diese Vermarktung stellt, wie zum Beispiel das anarcho-feministische Künstlerinnen-Kollektiv „Mujeres Creando“ aus Bolivien.

 

Feministische Botschaften

Mujeres Creando agiert in Bolivien seit mehr als 20 Jahren auf mehreren Ebenen: politischer Aktivismus, künstlerische Arbeit und feministisches Empowerment. Die Künstlerinnen nutzen Graffiti als Ausdrucksform und besprühen Wände und Gebäude in La Paz mit Sprüchen wie „Eva wird nicht aus der Rippe von Evo erschaffen“ oder „Pachamama (Mutter Erde), du und ich wissen, dass es die Abtreibung schon immer gibt“, „Frauen, die sich zusammentun, müssen keine Schläge mehr erdulden“ oder „Man kann nicht dekolonisieren ohne zu depatriachalisieren“. 1993 rief das Kollektiv in Bolivien per Graffiti zum Wahlboykott auf, da während der Präsidentschaftswahl der Stimmenkauf in vollem Gange war.

Die Graffitis von Mujeres Creando klagen Rassismus sowie staatliche, familiäre, sexuelle und institutionelle Gewalt an. Das öffentliche Anprangern von patriarchaler Gewalt und Amtsmissbrauch hat die sozialen Bewegungen Boliviens beeinflusst. Eine der letzten großen Aktionen von Mujeres Creando fand auf der 31. Biennale der modernen Kunst in São Paulo statt: Im September 2014 installierten sie dort einen „Abtreibungs-Ort“ mit mehreren riesigen Uteri, auf die Kurzfilme projiziert wurden.

In São Paulo ist das Graffiti, „Pixo“ oder auch „Pichação“, eine sehr spezielle Form des Graffitis, überall präsent. Die jungen Künstler, die „Pixadores“, wetteifern darum, auf den höchsten Gebäuden ihre Tags deutlich sichtbar zu sprayen, und zwar auf Stellen, die sie erst durch Freiklettern oder Abseilen erreichen. Juneca, 28 Jahre alt und Ex-Pixador, erklärt dieses Phänomen: „Wenn es legal wäre, würde sich niemand die Mühe machen. Wir gehören zur Peripherie, zu den Ausgegrenzten, und wir sagen so mit aller Deutlichkeit: Ich existiere, hier bin ich und ich will, dass ihr mich seht.“ Diese extreme Bewegung setzt sich vor allem aus sehr jungen Leuten zusammen, oft Jugendliche, und hat in den vergangenen Jahrzehnten die Marginalisierten der Millionenstadt künstlerisch repräsentiert. Der deutsche Grafikdesigner Jannis Seidaris schreibt dazu: „Pichação besteht aus Tagging in einem unverwechselbaren, kryptischen Stil, in der Form inspiriert von Runen- und Frakturschriften und zuletzt durch Logos vieler Rockbands der 90er. Durch Armut und Abgeschiedenheit konnte sich dieser Stil frei vom Einfluss westlicher Graffitis oder typografischen Grundregeln bis heute bewahren.“ Früher waren die Pixos Ausdruck des Punk oder Widerstand gegen die Militärdiktatur; heute ist ihr Motto „nieder mit der Diktatur des Mainstream“.

 

Kontroverse Kunstaktion

Wandgemälde haben nicht nur Einfluss auf die Kunstwelt, sondern vor allem auf das soziale Umfeld. Die Stadt San Miguel de Tucumán, Hauptstadt einer der ärmsten Provinzen Argentiniens mit der höchsten Rate von unterernährten Kindern im Land, wurde Anfang 2015 durch eine Kunstaktion erschüttert: Eine Serie von Graffiti-Klebebildern von erhängten Kindern mit vier Luftballons erschien an Mauern und Wänden der Stadt und löste eine Debatte unter den Menschen und in den Medien aus. Eine der Kunstaktionen hieß “Felices los niños” (Glückliche Kinder) und bezog sich auf eine gleichnamige katholische Stiftung, deren Direktor, der Priester Julio Grassi, wegen Kindermissbrauch im Gefängnis sitzt.

Die Kunstaktion klagte nicht nur die Kirche an, sondern auch den Staat, der diese Stiftung unterstützt, und darüber hinaus auch die Kinderarbeit bei der Zitronen- und Erdbeerernte in dieser Provinz. Die Künstlerin Sofía Jatib, Initiatorin dieser Aktion, erzählt, dass „alle schockiert waren von diesem Bild. Aber es ist so heuchlerisch, die Kindheit als unschuldig zu verklären.“ Das sei ein autoritäres Traumbild.

Viele dieser Wandbilder sind noch heute in Tucumán zu sehen. Trotz der negativen Presse sind die Menschen der Aktion gegenüber aufgeschlossen, wie etwa die 55-jährige Hausangestellte Ana María: „Mich stören die Bilder nicht; mich stört es viel mehr, wenn die Leute über die Bewohner der Elendsviertel sagen, man solle sie umbringen, solange sie noch klein seien. Das hört man sehr oft, denn in dieser Gesellschaft sind die Kinder der Armen nichts wert.“ Raúl López, Automechaniker aus Tucumán, ist der Ansicht, dass sich die Presse zwar über die grausamen Bilder dieser Kunstaktion aufregt, aber „den Politikern dieser Provinz ist es völlig egal, wenn tatsächlich Kinder sterben.“

Das ist die große Stärke der Wandmalerei – sie fördert öffentliche Debatten und genau das ist die Absicht.

 

Sebastián Vargas ist Journalist und lebt in Buenos Aires.
[email protected]

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