Feminismus
Ist Prostitution Arbeit oder Ausbeutung?
Für radikale Feminist*innen steht Prostitution auf der untersten Stufe der Leiter der männlichen Vorherrschaft. Ihr wesentlicher Einwand ist, dass Kommerzialisierung als solche unvermeidlich schadet. Wenn Sex wie jede andere Ware auf dem Markt gekauft und verkauft werden kann, so wird der Körper der Frau zum Produkt, und Kommerzialisierung ist – egal unter welchen Umständen – schädlich. Sie argumentieren, dass Gewalt kein Nebenprodukt von Prostitution ist, sondern integraler Bestandteil, und beschreiben zwei Arten:
- Bezahlte Gewalt: die alltägliche Gewalt ungewollter, oft schmerzhafter Penetration.
- Unbezahlte Gewalt: Vergewaltigung, Schläge, Belästigung, Mord, Folter und etliche daraus resultierende körperliche und psychische Folgen – Geschlechtskrankheiten, Verletzungen und posttraumatischer Stress.
Die radikalfeministische Position lautet, dass Prostitution als soziale Praxis Ungleichheit verstetigt und der dadurch verursachte Schaden irreparabel ist. Legalisierung und Entkriminalisierung heilen diesen Schaden nicht, sondern machen ihn schlicht unsichtbar.
Dieser Kritik liegt die Skepsis gegenüber der Frage der Einwilligung zugrunde. Radikalfeministische Rechtswissenschaftler*innen wie Catharine MacKinnon argumentieren, dass man bei Prostitution nicht von freiwilliger Einwilligung sprechen kann, da dieser Austausch grundlegend von wirtschaftlichem Zwang geprägt ist. Aus dieser Perspektive neutralisiert die Bezahlung den Zwang nicht, sondern wirkt vielmehr als Mechanismus, durch den Ungleichheit durchgesetzt wird, wodurch die Zustimmung strukturell beeinträchtigt und nicht wirklich freiwillig ist.
Laut Andrea Dworkin werden Prostituierte wie „vaginaler Schleim“ behandelt, als Körper, der durch wiederholten sexuellen Gebrauch verunreinigt und zu einem Wegwerfartikel wird – geprägt von Verletzungen, Erniedrigung und normalisierter Gewalt. Andere Feminist*innen argumentieren, eine solche Behandlung könne jede Frau treffen. Die Kommodifizierung der Körper von Prostituierten aber legitimiere deren Unterordnung und Erniedrigung, und sexuelles Anspruchsdenken von Männern werde durch den Marktaustausch verstärkt. Für radikale Feminist*innen ist Sexarbeit daher niemals als „Arbeit“, sondern als paradigmatische Gewalt zu betrachten, eine als Vertrag getarnte Form der Sklaverei. Daraus ergeben sich drei Thesen:
- Dass Männer nicht nur sexuellen Zugang kaufen, sondern die Erniedrigung der Prostituierten selbst.
- Dass Prostitution von wirtschaftlichen, sozialen und geschlechtsspezifischen Machtungleichheiten lebt.
- Dass Prostitution genau diese Ungleichheiten reproduziert und öffentlich das Recht der Männer auf Sex mit Frauen bekräftigt.
Radikale Feminist*innen kritisieren die liberale Auffassung von Sexarbeit als „Arbeit“ ebenfalls, indem sie argumentieren, dass die Vorstellung, man könne Dienstleistungen verkaufen, ohne sich selbst zu verkaufen, ein Mythos sei – einer, der Unterdrückung als Freiheit tarne. Für sie ist Sexarbeit die schädlichste Form des Vertrags, der den Körper von Frauen unter dem Deckmantel der Wahlfreiheit in eine Ware verwandelt, während die tiefere Realität der patriarchalischen Herrschaft unangetastet bleibt.
Prostitution als Freiheit und Autonomie
Liberale Feminist*innen leugnen den Schaden nicht, den Prostitution anrichten kann. Auch sie erkennen Armut, Machtlosigkeit und Missbrauchsgeschichten der Frauen an. Weit auseinander gehen die beiden Positionen aber bei der Frage, was zu tun ist. Liberale halten die Abschaffung nicht nur für undurchführbar, sondern auch für ungerecht, weil sie Frauen jegliche Autonomie und Vorteile verweigern würde, die sie durch Sexarbeit gewinnen können.
Liberale argumentieren, dass Prostitution selbst unter suboptimalen Bedingungen doch die Berufswahl einer Frau sein kann. Sie könne Freiheit, finanzielle Unabhängigkeit und eine Form der sexuellen Selbstbestimmung ermöglichen. Wenn die Gesellschaft akzeptiere, dass Frauen ihre geistige und manuelle Arbeitskraft verkaufen – oft unter ausbeuterischen Bedingungen –, warum sollte dann einzig der Verkauf sexueller Dienstleistungen disqualifiziert werden? Für manche Frauen sei dies die beste verfügbare Option. Die liberale Argumentation für eine Entkriminalisierung stützt sich auf mehrere Säulen:
- Sie erkennt Prostitution als Arbeit an, nicht als Verbrechen.
- Sie denkt Gewerkschaftsbildung mit, die Prostituierten hilft, sich gegen Bordellbetreiber*innen, Zuhälter*innen und die Polizei zu wehren.
- Sie eröffnet Zugang zu Sozialleistungen wie Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuung, Bildung und Sozialversicherung.
- Sie will das Stigma von Unmoral und Kriminalität beseitigen.
Die direkte Reaktion von Liberalen auf radikale Aussagen ist: Ja, Prostitution in ihrer aktuellen Form ist erniedrigend. Ja, sie spiegelt Ungleichheit wider und reproduziert sie. Aber ein Verbot löst diese Probleme nicht. Im besten Fall treibt es den Handel in den Untergrund und verschlimmert damit genau die Schäden, die Radikale beseitigen wollen. Im schlimmsten Fall beraubt es Frauen der begrenzten Autonomie und des Lebensunterhalts, die ihnen die Sexarbeit bietet.
Aus liberaler Sicht kommt es darauf an, wie Prostitution realistisch reguliert werden kann. Die Hoffnung besteht darin, die Umstände zu reformieren – die Branche zu regulieren, Schäden zu reduzieren und die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Sexarbeiterinnen selbst zu verändern.
Letztendlich geht es bei der Kluft zwischen Radikalen und Liberalen nicht darum, ob Prostitution schädlich ist – beide Lager sind sich einig, dass dies oft der Fall ist. Der Unterschied liegt darin, ob dieser Schaden als unvermeidbar und irreparabel oder als bedingt und behebbar gesehen wird. Ungeklärt bleibt, welche Stimmen mehr Gewicht haben sollten. Radikale sprechen von systemischer Ungerechtigkeit, Liberale von individueller Autonomie. Doch irgendwo zwischen diesen Polen stehen die Sexarbeiterinnen selbst, deren Alltag weniger von Theorie geprägt ist als vielmehr vom Kampf ums Überleben.
Khushboo Srivastava ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet an der Schnittstelle von Gender und Politik.
krsrivastava29@gmail.com