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Fernsehen

„Kritische Reportagen aus jugendlicher Sicht“

von Roland Hohberg
Ob die Soap-Opera in Kirgistan oder die Radioserie in Südafrika – Unterhaltungsformate werden zunehmend für Aufklärung eingesetzt. Insbesondere die Aids-Vorsorge hat diesen Trend gesetzt. Für das mosambikanische Fernsehen hat InWEnt die Produktion eines Films über Katastrophenvorsorge unterstützt. Gezeigt wurde „Mais Vale Prevenir“ („Vorsorge bringt mehr“), auf einer Programmschiene, die via Unterhaltung über lebenswichtige Themen aufklärt und dabei vor allem auf Jugendliche setzt. Filmproduzent Roland Hohberg hat Adelheid Schultze das Konzept erläutert. [ Interview mit Roland Hohberg ]

Unterhaltung für Aufklärung und Verhaltenswandel einzusetzen, ist nicht ganz neu. Was ist das Besondere an der Fernsehserie Academia de Sonhos (Träume-Akademie)?
Ich arbeite seit nunmehr fast 20 Jahren als Film- und Musikproduzent in meiner Wahlheimat Mosambik, ich arbeite mit den populärsten Künstlern des Landes und bin seit vielen Jahren Jurymitglied einer TV-Casting Show. Die Idee, das Format einer Pop-Casting-Show so zu gestalten, dass die Popularität der Gesangstalente zu Bildung, Aufklärung und der Solidarität mit sozial Schwächeren beiträgt, ist in Mosambik völlig neu. Die Themengestaltung und die Präsentation übernehmen die Jugendlichen selbst, was zu einer stärkeren Sensibilisierung von Gleichaltrigen beiträgt und den Dialog zwischen Familienangehörigen unterschiedlicher Generationen fördert. Musik, der Einsatz von Ani­mationen und grafischen Elementen, die Mitarbeit von Humoristen und erfahrenen Autoren wie Paulina Chiziane, einer hier sehr erfolgreichen Autorin, schaffen ein abwechslungsreiches Programm.

Wer ist beteiligt?
Für dieses Gemeinschaftsprojekt einer lokalen Nichtregierungsorganisation – die ebenfalls Academia de Sonhos heißt – und der mosambikanischen Produktionsfirma Inside Mozambique Lda. stellte der öffentlich-rechtliche TV-Sender TVM einen Sendeplatz mit hoher Einschaltquote zur Verfügung: Das einstündige Programm wird jeweils samstags um 17 Uhr ausgestrahlt. TVM ist auch in anderen Ländern Afrikas zu empfangen.

Warum die Zielgruppe Jugendliche?
Jugendliche beeinflussen einander sehr stark. Seit langem schon sah ich in Mosambik einen großen Bedarf für eine aktive Beteiligung Jugendlicher bei der Suche nach einer kreativen Antwort auf drängende Probleme wie steigende Aids-Infektionsraten, sexuelle Ausbeutung Minderjähriger, Kinderarbeit und andere drängende soziale Fragen. Bei der Stärkung der Zivilgesellschaft ist der Handlungsspielraum für Jugendliche in Mosambik traditionsgemäß sehr eingeschränkt und die Chancen für den Erfolg eines von Kindern und Jugendlichen gestalteten Fernsehprogramms standen eher schlecht.

Was hat das Projekt dennoch ins Rollen gebracht?
Die entscheidende Anregung für das Konzept der Serie Academia e Sonhos kam von Graça Machel und ihrem Ehemann Nelson Mandela anlässlich eines Auftritts zu Mandelas 90. Geburtstag. Beeindruckt vom Ge­sangstalent des 13-jährigen Kinderstars Cuca unterstützten sie uns mit Kontakten zu Jugendprogrammen im benachbarten Südafrika. Die Gattin des heutigen Staatspräsidenten Mosambiks, Armando Emilio Guebuza, konnten wir für eine offizielle Schirmherrschaft gewinnen, wenige Wo­chen nach Sendestart wurden erste Vereinbarungen mit dem Ministerium für Frauen und Soziales sowie dem Umweltministerium unterzeichnet. Vor allem aber gelingt es den talentierten Jugendlichen auf bemerkenswerte Weise, Persönlichkeiten und politische Entscheidungsträger für ihre Anliegen zu gewinnen. Die Sängerin Cuca gehört heute zu unserem Moderatoren-Team.

Was gehört noch zur Academia de Sonhos?
Das Konzept beschränkt sich nicht auf die Produktion des wöchentlichen TV-Programms. Öffentliche Auftritte in den Bairros, den städtischen Armutsvierteln, und in ländlichen Gebieten tragen dazu bei, die junge Generation aufzuklären. Gefördert werden auch zahlreiche Initiativen wie Umweltgruppen oder Mädchenklubs (Clubes da Rapariga), die eine Anlaufstelle sind für Opfer von Gewalt oder sexueller Erpressung. Ziel ist es, künftig in der Ausbildungswerkstatt Centro Criativo Jugendlichen beizubringen, eigene Produktionsbeiträge zu gestalten; das beginnt mit der Erarbeitung eines Drehbuchs, geht weiter mit Ton- und Kameratechnik und endet mit der Produktion eines Beitrages.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit den Jugendlichen?
Ich bin angenehm überrascht, wie die Jugendlichen, die an der Gestaltung unserer Programme und Veranstaltungen teilnehmen, Ideen einbringen und ihr Selbstbewusstsein entwickeln. Das hat ihnen schon nach wenigen Wochen viel Anerkennung auch seitens gestandener TV-Moderatoren eingebracht. Besonders die kritischen Reportagen aus der Sicht von Gleichaltrigen, unterstützt von eigens komponierten Songs, die zum Beispiel junge Mädchen ermutigen, sexuelle Belästigung von Lehrern anzuzeigen, stießen bereits auf große Resonanz.

Wie entstand Mais Vale Prevenir?
Wichtig war bei der Realisierung aufzuzeigen, dass Kindern und Jugendlichen eine aktive Rolle zukommt, um in ihren Gemeinden und Familien Wissen zu vermitteln, beispielsweise zur Erlernung des Flutfrühwarnsystems oder vorbereitenden Evakuierungsmaßnahmen. Deshalb wurde der Soundtrack zum Film für eine Kinderstimme komponiert und ich bin glücklich, mit der 13-jährigen Cuca eine Sängerin gefunden zu haben mit der notwendigen künstlerischen Ausdruckskraft, um bei vielen Menschen Aufmerksamkeit zu wecken. Das trägt sehr dazu bei, dass dieser Film im Überangebot brasilianischer TV-Soaps und Familienprogramme nicht untergeht. Der Film ist im Auftrag von InWEnt entstanden, die Dreharbeiten wurden mit der nationalen Katastrophenschutzbehörde Instituto Nacional de Gestão de Calamidades, kurz INGC, koordiniert.

Wann wurde der Film ausgestrahlt?
Anfang Juli im Programm Academia de Sonhos, und zwar in zwei Teilen. Begleitet wurde dies von anderen Programmbeiträgen wie der Erklärung des Frühwarnsys­tems und einer Debatte zur Rolle von Jugendlichen bei der Katastrophenvorsorge. Wir berichteten auch von unserer Teilnahme an der Globalen Disaster-Risk-Reduction-Plattform in Genf und dem Erfahrungsaustausch mit Jugendlichen anderer Länder. Da der Film nicht exklusiv für unser TV-Programm entstanden ist, steht einer Aufführung in anderen Programmen nichts im Weg.

Wie soll es weitergehen?
Die Korrespondenz aus allen Provinzen des Landes ist für die jugendlichen Mitarbeiter ein großer Ansporn und die täglich eingehenden Briefe, Mails oder SMS übersteigen unsere redaktionellen Kapazitäten, da alle Arbeit ehrenamtlich verrichtet wird und die schulischen Verpflichtungen die Redaktionsarbeit doch sehr einschränken. Brasiliens Staatspräsident Lula da Silva hat die Gruppe spontan zu einer Reise in sein Land eingeladen. Im Vorfeld der UN-Klima-Konferenz in Kopenhagen sind Schulworkshops und Erfahrungsaustausch in Dänemark und Deutschland geplant. Zudem hat sich Graça Machel für eine stärkere Zusammenarbeit mit der Mandela-Stiftung auf regionaler Ebene ausgesprochen.