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Finanzmärkte

Schwellenländer profitieren von hohen Devisenreserven

von D+C | E+Z

In Kürze

Wuhan, China

Wuhan, China

China und andere erfolgreiche Schwellenländer entwickeln sich, weil sie Kapital ausführen und es in US-Staatsanleihen anlegen. Sie stellen damit gängige entwicklungsökonomische Annahmen auf den Kopf, behauptet eine neue Forschungsstudie.

Laut der volkswirtschaftlichen Theorie entwickeln sich ärmere Länder, indem sie Kapital aus reichen Ländern importieren und so zusätzliche Mittel für Investitionen gewinnen. David Folkerts-Landau und Peter Garber von der internationalen Forschungsgruppe der Deutschen Bank sowie der als Consultant tätige Michael Dooley betonen in einer gemeinsamen Studie, dass diese gängige Theorie nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Erfolgreiche Schwellenländer wie China importierten per Saldo kein Kapital, sondern exportieren es: Statt die Einnahmen aus Warenexporten (nicht zuletzt in die USA) im Inland zu investieren, häufen sie Währungsreserven in US-Dollar an und legen sie vorwiegend in US-Staatsanleihen an. Schwellenländer stellen so dem reichsten Industrieland Ersparnisse zur Verfügung, nicht umgekehrt.

Die gängige Theorie sieht darin ein unhaltbares Ungleichgewicht. Auch dieser Annahme widersprechen die drei Autoren: Das riesige Defizit der USA sowohl im Handel wie im Kapitalverkehr vor allem mit asiatischen Schwellenländern bedeute keineswegs eine gefährliche Instabilität der Weltwirtschaft. Es sei im Gegenteil eine notwendige Begleiterscheinung der internationalen Kapitalflüsse, die das Wachstum in Ländern wie China stützten: Die Kapitalanlagen der Schwellenländer in US-Dollar sind laut Folkerts-Landau et al eine Art Pfand für sämtliche ausländische Investitionen in diesen Ländern.

Investoren seien in Schwellenländern – anders als in Industrieländern mit ihren etablierten Rechtssystemen – von politischen Einschränkungen bis hin zu Enteignungen bedroht, erläutern die Autoren. Folglich erhielten Entwicklungsländer private Kredite und Investitionen nur gegen Sicherheiten. Als solche dienen laut der Studie die Kapitalanlagen in US-Anleihen. Denn der US-Regierung sei es rechtlich möglich, US-Guthaben einer anderen Regierung zu beschlagnahmen, wenn diese zum Beispiel Ausländer enteigne; von dieser Möglichkeit habe Washington auch schon Gebrauch gemacht. Daher machten hohe Einlagen eines Staates in den USA ein regelwidriges Vorgehen gegen ausländischen Investoren unwahrscheinlich. Die Autoren bezeichnen diese unausgesprochene Bedingung für den Zugang zum internationalen Kapitalmarkt als „impliziten Vertrag“.

Dieser Vertrag sei der Grund dafür, dass Schwellenländer wie China trotz der relativ niedrigen Erträge riesige Mengen US-Anleihen halten. Laut der Studie entsprechen die Devisenreserven der Volksrepublik und einer Gruppe von 49 anderen Schwellenländern seit Jahren ungefähr den Sicherheiten, die für eine bestimmte Form privater Anlagen in Höhe des Gesamtwerts der ausländischen Direktinvestitionen in diesen Ländern verlangt würden. Das belege, dass diese Länder dem impliziten Vertrag folgen. Laut der Studie stocken sie ihre Dollar-Reserven ständig in dem Maße auf, in dem der Wert der bei ihnen angelegten Auslandsinvestitionen wächst. Dazu müssten sie weiter US-Anleihen kaufen, und das mache das System stabil.

Der internationale Kapitalmarkt trägt auch nach diesem Modell entscheidend zur Entwicklung bei – aber nicht weil er armen Ländern netto Kapital zur Verfügung stellt, sondern weil er Zugang zu Technologie und Management-Kenntnissen vermittelt. Damit erklären die Autoren, warum Investmentbanken wie die, für die sie arbeiten, Entwicklung fördern. Sie behaupten allerdings nicht, dass das System wünschenswert ist, sondern nur, dass es funktioniert.

Ihre Einwände gegen die gängige Theorie sind gewichtig. Weniger klar ist, wie tragfähig ihr alternatives Modell ist. Was passiert zum Beispiel, wenn sich die Rahmenbedingungen für Investoren in Ländern wie China stabilisieren und das Pfand möglicherweise überflüssig wird? Zudem müsste im Einzelfall geprüft werden, ob Regierungen tatsächlich wegen des „impliziten Vertrags“ in den USA investieren. Die Motive dafür allein aus der Übereinstimmung globaler Zahlen mit einem Modell abzuleiten, ist methodisch problematisch. So ist belegt, dass mehrere asiatische Staaten ihre Devisenreserven als Schutz vor Finanzkrisen oder auch – wie im Fall Taiwans – aus sicherheitspolitischen Gründen aufgestockt haben. (bl)