Stadtplanung
Das Wunder von Medellín
Medellíns „Comuna 13“ galt einst als eines der gefährlichsten Viertel der Welt. Die informelle Siedlung, die sich die steilen Berghänge am Stadtrand hinaufzieht, stand lange unter der Kontrolle von Drogenkartellen, Guerilla- und paramilitärischen Gruppen. Eine massive Militäroperation zur „Rückeroberung“ im Jahr 2002 verschärfte die Situation zunächst noch – die Comuna 13 blieb eine klassische No-Go-Area: Hier verschlug es niemanden hin, der nicht hier wohnte.
Heute sieht es in der Comuna 13 ganz anders aus. Das Viertel ist nicht nur deutlich sicherer geworden, mit seiner Graffiti- und Kulturszene hat es sich auch zu einer Tourismusattraktion entwickelt. Der Grund: Die Stadt investierte in soziale Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser – und in Freiluft-Rolltreppen. Seit 2011 überwinden sie den Höhenunterschied von rund 28 Stockwerken und verbinden das einst abgelegene Viertel mit dem Stadtzentrum. Die längste Rolltreppe der Welt benötigt dafür sechs Minuten Fahrzeit, und das macht für die rund 12.000 Bewohner*innen der Comuna 13 einen spürbaren Unterschied.
Medellín, mit mehreren Millionen Einwohner*innen die zweitgrößte Metropole Kolumbiens, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen Namen als Labor für Stadtinnovationen gemacht. Oft als „innovativste Stadt“ betitelt, gilt sie als Vorbild für nachhaltige Stadtentwicklung in Lateinamerika. Projekte wie das Metrosystem mit angeschlossenen Seilbahnen, grüne Korridore in der Innenstadt und Naturschutzgebiete in den Randbezirken haben Medellín sozial gerechter und ökologischer gemacht. Doch trotz dieser Erfolge stellt sich die Frage: Hat sich das Leben in der Stadt auch dauerhaft verbessert, und können die Projekte die sozialen Ungleichheiten verringern?
Mobilität: Eine Metro-Kultur entsteht
Die Rolltreppen der Comuna 13 sind nur ein Beispiel dafür, wie Infrastrukturprojekte in Medellín zu mehr sozialer Gerechtigkeit beigetragen haben. Das 1995 eröffnete Stadtbahn-System hat die Mobilität der Menschen in abgelegenen Vierteln im gesamten Stadtgebiet deutlich verbessert. Aufgrund der Lage Medellíns im Anden-Tal Aburrá wurde das Netz um städtische Seilbahnen ergänzt – die Metrocable –, die Siedlungen an den Berghängen anbinden. Die Fahrtzeiten sind so deutlich kürzer geworden, was die Lebensqualität tausender Einwohner*innen erhöht hat. Auch ökologisch wirkt sich das System positiv aus, da es in Teilen das dieselbetriebene Bussystem ersetzt. Zugleich hat das Metrosystem das Zugehörigkeitsgefühl in der Stadt gestärkt. Man spricht sogar von einer eigenen „Metro-Kultur“.
Unklar ist jedoch, wie nachhaltig diese Veränderungen sind. Die Metro finanziert sich zu einem großen Teil über Fahrpreise und nicht über staatliche Subventionen. Es ist fraglich, ob das Modell noch tragfähig ist, wenn eine umfangreiche Modernisierung der Züge nötig wird und das Streckennetz erweitert werden soll.
Rund um die Metrostationen kommt es zudem zu Gentrifizierung. Die steigenden Immobilienpreise in den angebundenen Vierteln können dazu führen, dass ausgerechnet jene Menschen verdrängt werden, denen die Metro ursprünglich zugutekommen sollte. Für den Bau der Linie „Metrocable Picacho“ etwa mussten Familien zwangsumgesiedelt werden. Ob diese sozialen Kosten gerechtfertigt sind, sollte gut abgewogen werden.
Umwelt: Weniger Hitze durch grüne Korridore
Auch im Umweltbereich hat Medellín bemerkenswerte Fortschritte erzielt, insbesondere durch Renaturierungsprojekte. Insgesamt 18 Straßen und 12 Wasserwege wurden in sogenannte „Corredores Verdes“ – grüne Korridore – umgewandelt. Entlang wichtiger Verkehrsachsen wie der Avenida Oriental senken sie die Umgebungstemperatur um bis zu zwei Grad Celsius und wirken damit dem städtischen Wärmeinseleffekt entgegen. Zudem hat die Stadt mehr als 8800 Bäume und rund 90.000 Pflanzen gesetzt, um die Biodiversität zu stärken, was ihr internationale Anerkennung eingebracht hat.
Gleichwohl bleibt die ökologische Widerstandsfähigkeit der Stadt fragil. Besonders die Luftverschmutzung ist ein Problem. Die grünen Korridore verbessern zwar das Mikroklima, reichen jedoch nicht aus, um die schlechte Luftqualität auszugleichen, die durch das hohe Verkehrsaufkommen und die Lage der Stadt im Talkessel des Valle de Aburrá begünstigt wird.
Auch die „Cerros Tutelares“, die sieben Hügel, die Medellín umgeben und als grüne Lunge der Stadt gelten, stehen unter Druck. Zwar konnten auch hier durch eine breite Be teiligung der Bevölkerung am Naturschutz Erfolge erzielt werden: So gingen die Waldbrände von 2021 auf 2022 um 75 % zurück. Dennoch sind die Hügel weiterhin durch Landbesetzungen bedroht. Es besteht die Gefahr, dass sich erneut informelle Siedlungen an den Hängen bilden – was nicht nur Umwelt und Biodiversität gefährdet, son dern auch die Menschen, da die Hanglagen durch Erdrut sche gefährdet sind. Das zeigt: Ökologische Nachhaltigkeit ist untrennbar mit sozialer Sicherheit verbunden.
Aufgaben für die Modellstadt
Medellín hat auf beeindruckende Art gezeigt, wie Stadtpla nung soziale und ökologische Verbesserungen bewirken kann. Das Stadtbahn-System und die grünen Korridore ha ben die Lebensqualität und die Klimaresilienz erhöht. Doch das Bild der „erfolgreichen Modellstadt“, das Medellín ger ne nach außen trägt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es anhaltende Probleme gibt: soziale Ungleichheit, eine unzureichende Finanzierung des Verkehrssystems und Druck auf lebenswichtige Ökosysteme.
Die eigentliche Aufgabe ist nicht, mehr Infrastruktur zu bauen. Die Aufgabe für die kommenden Jahre wird sein, die Transformation so zu gestalten, dass sie auch langfristig zu mehr Gerechtigkeit, Umweltschutz und Resilienz führt. Denn Nachhaltigkeit bedeutet mehr als internationale An erkennung – sie muss für alle Menschen spürbar sein. Erst wenn das gelingt, kann das „Wunder von Medellín“ Wirklichkeit werden.
CAMILO ANDRÉS CARVAJAL GUERRA ist Umweltingenieur und Experte für Nachhaltigkeit.
ccarvajalguerra@gmail.com
Dieser Beitrag ist Teil des „89 Percent Project“, einer Initiative der globalen Journalismus-Kooperation „Covering Climate Now“.