Libyen

Libyen verfällt in Gaddafi-Nostalgie

Als Menschenmassen am 17. Februar 2011 in Libyen auf die Straßen und Plätze strömten, forderten sie eine bessere Zukunft, Freiheit und Wohlstand. Doch mehr als zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Gaddafi-Regimes zeigt sich, dass diese Träume nie wahr wurden.

hat zuletzt im Winter 2022/2023 als Journalist aus Tripolis, Libyen, zu E+Z/D+C beigetragen.  

In Gedenken an die Opfer des Gaddafi-Regimes wird dieser zentrale Platz in Tripolis „Platz der Märtyrer“ genannt. picture-alliance/AA/Hazem Turkia In Gedenken an die Opfer des Gaddafi-Regimes wird dieser zentrale Platz in Tripolis „Platz der Märtyrer“ genannt.

In den letzten zehn Jahren haben die Libyer unter Instabilität, Bürgerkrieg, unkontrollierten bewaffneten Milizen und korrupten Politikern gelitten. Seit 2014 wurden keine Wahlen mehr abgehalten. Außerdem hat die Terrormiliz ISIS das Land zu einem ihrer wichtigsten Einsatzgebiete gemacht. Libyen wurde zu einem Haupttor für Menschenschmuggel nach Europa, worauf die europäischen Regierungen mit entsprechender Verärgerung reagierten.

Regionale und internationale Konflikte um Ressourcen in Libyen halten das Land ebenfalls instabil. Die Türkei hat militärische Präsenz im Westen Libyens, Russland im Osten des Landes. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Katar haben verschiedene von Libyen betriebene Medien finanziert und aufgebaut, die durch Hassreden und andere Inhalte Gewalt und Konflikte schüren. Ägypten und Algerien waren nie besonders hilfreich bei der Stabilisierung ihres Nachbarn, und Tunesien wurde durch den Konflikt in Libyen selbst wirtschaftlich schwer getroffen.

Angesichts dieser verheerenden Situation träumen viele Libyer, die sich vor zehn Jahren für eine bessere Zukunft starkmachten, wieder von der Vergangenheit und erinnern sich trotz aller Entbehrungen mit Nostalgie an die Gaddafi-Ära. Diese Nostalgie hat ihre Wurzeln in den Rückschlägen der letzten zehn Jahre, aber auch in der stetig abnehmenden Lebensqualität in allen Bereichen, etwa der Infrastruktur des Landes. „Wir hatten einen großen Flughafen mit täglichen Flügen zu Dutzenden von Zielen, einschließlich Europa. Jetzt haben wir nur noch einen sehr kleinen und bescheidenen Flughafen mit Flügen zu nur vier oder fünf Zielen“, sagt der libysche Reiseveranstalter Fouad Fazzani.

Umfangreicher und dauerhafter wirtschaftlicher Schaden

Der internationale Flughafen von Tripolis wurde 2014 in einem der historisch schwersten Gefechte zwischen Militär und Zivilisten in Brand gesteckt. Seitdem ist der ehemalige Inlandsflughafen Mitiga in Betrieb. Die Reisebranche ist von der schwierigen Situation in Libyen stark betroffen, doch damit ist sie nur eine von vielen. Sie hat Milliarden von Dollar verloren und Tausende ihren Arbeitsplatz. Fazzani fügt hinzu: „Einige Jahre vor der Revolution haben wir begonnen, viele Touristen zu beherbergen und für sie Reisen durch ganz Libyen zu organisieren. Jetzt ist dieser vielversprechende Wirtschaftszweig aufgrund der verheerenden Situation seit 2011 zerstört worden.“

Außerdem wurden die meisten Investitionen in Immobilienprojekte eingefroren und bereits errichtete Baustellen aufgegeben. Ein Beispiel dafür ist das „Great-Man-Made-River“-Projekt, einst das weltweit größte Trinkwasser-Pipeline-Projekt für eine bessere Wasserversorgung der Bevölkerung und Landwirtschaft. Der Ausbau einer der letzten Phasen des Projekts, die den Dschabal Nafusa, ein arides Bergland im Nordwesten des Landes, versorgen sollte, wurde nach der Revolution eingestellt.

Die finanziellen Ressourcen Libyens befinden sich weitgehend in den Händen korrupter Politiker, die mit bewaffneten Milizenführern verbündet sind und von verschiedenen ausländischen Akteuren wie Russland, der Türkei, Katar und den VAE unterstützt werden. Viele Libyer sehen die Situation so: Alle verfolgen ihre eigenen Interessen, während das Volk darum kämpft, seine Kinder zu ernähren.

„Andere Länder wollen die Situation in Libyen instabil halten, indem sie die Menschen mit den von ihnen gegründeten Milizen verängstigen. Sie nutzen korrupte Politiker als Instrumente, um unsere Ressourcen in ihrem Namen zu stehlen“, sagt Doukali Meghri, ein Politikanalyst aus Libyen. Er fügt hinzu: „Deshalb unterstützen diese Länder auch weiterhin die verschiedenen lokalen Konfliktparteien. Sie wollen, dass sie sich weiterhin gegenseitig bekämpfen. Wahlen wären nicht in ihrem Interesse, denn jeder will seine korrupten Abgeordneten und politischen Verbündeten behalten.“

Doch selbst die Verzweiflung über die aktuelle Lage kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie sehr Gaddafi in den 42 Jahren seiner Herrschaft seinem Land und seinem Volk geschadet hat. Er hat sich nicht nur viele Feinde in der Welt gemacht, die Menschenrechte verletzt und die Meinungsfreiheit massiv unterdrückt, sondern es auch versäumt, wichtige Bereiche wie Bildung und Gesundheit zu entwickeln. Dabei verfügt das Land über enorme Ressourcen. Bis heute leiden die Libyer unter den Folgen dieser Vernachlässigung.

Moutaz Ali ist Journalist und lebt in Tripolis, Libyen.
ali.moutaz77@gmail.com

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