Roman
Wie mutige Frauen sich gegen Unterdrückung wehren
Dieser Beitrag ist der dritte unseres Kultur-Spezialprogramms für 2026 mit Rezensionen künstlerischer Werke mit entwicklungspolitischer Relevanz.
Trockene Erde, Lehmhütten, barfüßige Kinder – das Leben auf dem fiktiven Landgut Água Negra im Nordosten Brasiliens ist geprägt von harter körperlicher Arbeit, struktureller Unterdrückung und dem Kampf ums Überleben. Hier spielt Itamar Vieira Juniors Debütroman „Die Stimme meiner Schwester“. Der Geograf und Ethnologe wurde 1979 in Salvador da Bahia geboren. Das Buch gewann mehrere Preise in Brasilien und Portugal und stand 2024 auf der Shortlist des International Booker Prize.
Im Kindesalter entdecken die Schwestern Bibiana und Belonísia unter dem Bett ihrer Großmutter ein Messer. Nacheinander stecken sie es sich in den Mund, wobei sich Belonísia versehentlich die Zunge abschneidet. Der erste Teil des Romans wird aus Bibianas Sicht erzählt, die fortan das Sprechen für ihre jüngere Schwester übernimmt. Sie lernt, Belonísias Körpersprache zu lesen und für andere zu übersetzen.
Der Onkel der Mädchen zieht mit seiner Familie ebenfalls nach Água Negra. Bibiana fühlt sich von ihrem Cousin Severo angezogen und ist eifersüchtig auf ihre Schwester, die ihm nahesteht. Das führt zu einem Vertrauensbruch, der die Beziehung der Schwestern nachhaltig belastet. Mit 16 Jahren wird Bibiana von Severo schwanger, und das junge Paar verlässt Água Negra in der Hoffnung auf ein besseres Leben.
Der zweite Teil ist aus der Sicht Belonísias geschrieben. Tobias, ein Landarbeiter, hält bei Belonísias Vater erfolgreich um ihre Hand an. Allerdings hat Tobias ein Alkoholproblem und misshandelt Belonísia psychisch. Als er tot am Straßenrand gefunden wird, ist sie erleichtert. Sie beschließt, von nun an allein zu bleiben, und kehrt erst ins Haus ihrer Eltern zurück, als ihr Vater stirbt. Auch für Bibiana ist dies der Anlass, gemeinsam mit Severo und ihrem Sohn Inácio nach Água Negra zurückzukehren.
Spiritualität spielt eine große Rolle im Zusammenleben der Landarbeiter*innen und wird im Roman als Trägerin des kollektiven Gedächtnisses dargestellt. Eine unsterbliche Heilige namens Santa Rita ist die Erzählstimme des dritten und letzten Teils. Das Land ist verkauft worden, und der neue Besitzer will die Landarbeiter*innen loswerden. Severo und Bibiana fordern die anderen dazu auf, sich zu wehren. Es kommt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen ihnen und dem Großgrundbesitzer.
Koloniale Machtverhältnisse wirken nach
Verpackt als Familiengeschichte erzählt „Die Stimme meiner Schwester“ die Geschichte ganzer Generationen afrobrasilianischer Landarbeiter*innen. Als letztes Land der westlichen Hemisphäre schaffte Brasilien 1888 die Sklaverei ab; die ehemaligen Sklav*innen wurden aber nie richtig in die Gesellschaft integriert, was bis heute Ungleichheiten im Land nach sich zieht. Anhand persönlicher Schicksale zeigt der Roman auf, wie koloniale Machtverhältnisse durch das 20. Jahrhundert hindurch bis in die Gegenwart hineinwirken.
Die Schwestern verkörpern zwei unterschiedliche Formen des Widerstands. Bibiana strebt nach Bildung und wird zur Stimme der Gemeinschaft. Belonísia bleibt und erträgt Gewalt und Ungerechtigkeit. Ihre Stärke liegt in ihrer Beharrlichkeit. Großmutter Donana nimmt für ihre Enkelinnen, die patriarchale Gewalt in zwischenmenschlichen Beziehungen und Arbeitsverhältnissen als Normalzustand erleben, eine wichtige Vorbildfunktion ein. Ihre schwieligen Hände sind Symbol der überlebenswichtigen Arbeit, die die Frauen der Gemeinschaft leisten. Ihr Messer, das von verschiedenen Frauen als Waffe gegen gewalttätige Männer eingesetzt wird, repräsentiert eine weitere Form des Widerstands und der Macht, die sich die Frauen nach lebenslanger Unterdrückung zu eigen machen.
„Die Stimme meiner Schwester“ ist ein Roman, der gekonnt die individuellen Lebenserfahrungen seiner Figuren nutzt, um ein größeres Bild zu zeichnen und auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Sowohl literarisch als auch politisch lohnt die Lektüre. Itamar Vieira Junior macht die alltäglichen Auswirkungen kolonialer Kontinuitäten spürbar und eröffnet mit ungewöhnlichen Erzählinstanzen neue Perspektiven. Gleichzeitig erhebt er nicht den moralischen Zeigefinger, sondern macht die Unterdrückung anhand eindrücklicher Bilder sichtbar und gibt den Menschen, die darunter leiden, eine Stimme.
Roman
Vieira Junior, I., 2022: Die Stimme meiner Schwester. Frankfurt am Main, S. Fischer. Übersetzt von Barbara Mesquita. Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel „Torto Arado“.
Sinikka Soriya Dombrowski studiert seit 2025 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
sinikka.soriya.dombrowski@protonmail.com