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Unsere Sicht

Überzeugender Fortschritt

von Hans Dembowski

Meinung

Bessere Katastrophenvorsorge in Bangladesch: Der große Zyklon von 1991 tötete 130 000 Menschen; wegen systematisch ausgebauter Bunker forderte ein ähnlich starker Sturm dagegen 2007 nur 3000 Leben.

Bessere Katastrophenvorsorge in Bangladesch: Der große Zyklon von 1991 tötete 130 000 Menschen; wegen systematisch ausgebauter Bunker forderte ein ähnlich starker Sturm dagegen 2007 nur 3000 Leben.

Das westliche Entwicklungsmodell steht in der Kritik. Linke Aktivisten klagen, der Kapitalismus sei eine Katastrophe, und rechtslastige Populisten pflegen aggressive Sehnsucht nach einer angeblich besseren Vergangenheit. Das Vertrauen in sachliche Argumentation, wissenschaftliche Evidenz und globale Zusammenarbeit scheint zu schwinden. Viele Menschen meinen, die Menschheit mache gar keinen Fortschritt.

Empirische Daten beweisen das Gegenteil, denn beispielsweise ist die Lebenserwartung dramatisch gestiegen. 1960 betrug sie im Schnitt weltweit 52 Jahre, aber 2010 waren es 70 Jahre. In Afrika, dem ärmsten Kontinent, stieg sie von 40 Jahren auf 57 Jahre an. Europäer leben nun im Schnitt 80 statt 69 Jahre. Vor der industriellen Revolution betrug die Lebenserwartung allenfalls 35 Jahre.

Wir werden nicht nur älter, die Anzahl der Menschen ist auch erheblich gestiegen. 1960 bevölkerten rund 3 Milliarden Menschen die Erde. Heute sind wir mehr als 7 Milliarden. Dennoch ist der Anteil der Unterernährten gesunken. 1970 bekam rund ein Drittel der Menschen in den Entwicklungsländern nicht genug zu essen; 2015 galt das nur noch für 15 Prozent. Weltweit leiden doppelt so viele Menschen unter Übergewicht wie unter Unterernährung.

Die Quote der Todesopfer von Naturkatastrophen sank von neun pro 100 000 in den 1950er Jahren auf nur noch eins pro 100 000 in den vergangenen zehn Jahren. Die Desaster haben nicht weniger Wucht als früher, aber die Infrastruktur ist besser.

Solch eindeutig positive Trends untersucht Steven Pinker, ein Psychologieprofessor von der Harvard University, in seinem neuen Buch „Enlightenment Now“. Er beschäftigtigt sich unter anderem mit den Todeszahlen durch Verkehrsunfälle, Krankheiten und Kriege, aber auch mit Menschenrechten, Einkommen und Lebenszufriedenheit. Sein Buch belegt en détail, welch immense Fortschritte Vernunft, Wissenschaft und Humanismus gebracht haben. Ihm zufolge ist das auch das Rezept für weitere Erfolge.

Pinker verdient Aufmerksamkeit. Er behauptet nicht, dass alles gut läuft und die Dinge nur besser werden können. Er warnt vielmehr, dass wir Gefahr laufen, die Institutionen und Normen zu unterminieren, die uns vorangebracht haben, wenn wir übersehen, wie wertvoll die Ergebnisse sind. Menschen sind nicht von Natur aus vernünftig, sondern vernunftbegabt. Pinker will, dass wir dieses Talent nutzen.

Weiterer Fortschritt erfordert intelligente Politik auf der Basis sorgfältiger Analysen umfassender Daten. Ideologische Korrektheit und romantisierende Nostalgie helfen dagegen nicht bei der Bewältigung großer globaler Probleme wie Klimawandel, Terrorismus oder Wirtschaftskrisen.

Irrationalität breitet sich gefährlich aus. Dazu trägt die Weise, in der westliche Nationen Demokratie praktizieren, bei, wie der Harvard-Professor ausführt. Leider ähneln Wahlen zunehmend Sportereignissen, bei denen die Bürger wie Fans sich mit einer Mannschaft identifizieren und alle anderen verabscheuen. Politik sollte lieber wie ein wissenschaftliches Experiment betrieben werden. Polemik und platte Versprechen sind kein Ersatz für nuancierte Hypothesen und sorgfältige Datenanalyse. Politische Kommentatoren täten gut daran, Argumente abzuwägen, statt die Weltsicht ihres Publikums zu bestätigen.

Es gibt Fortschritt. Weiterer Fortschritt ist möglich und dringend nötig – vor allem beim Klimaschutz. Wir sollten das Entwicklungsmodell, das sich als derart nützlich erwiesen hat, verbessern, aber nicht über Bord werfen.

 

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