Entwicklung und
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Krieg und Flucht

Aus Sudan nach Tschad: Flucht in eines der ärmsten Länder der Welt

Knapp 12 Millionen Menschen sind seit Ausbruch des Krieges in Sudan vor drei Jahren auf der Flucht. Rund eine Million davon ist in das benachbarte Tschad geflohen – eines der ärmsten Länder der Welt. Dennoch hat es in den vergangenen 20 Jahren immer wieder Menschen aus der konfliktgeplagten Region Darfur aufgenommen. Die humanitäre Lage in der Grenzregion verschlimmert sich zusehends, auch aufgrund der weltweiten Budgetkürzungen für humanitäre Hilfe. Ein Augenzeugenbericht.
Der Warenverkehr zwischen Tschad und Sudan florierte bis zur vorläufigen Grenzschließung Ende Februar auch während des Krieges. picture alliance/dpa/Belga/Benoit Doppagne
Der Warenverkehr zwischen Tschad und Sudan florierte bis zur vorläufigen Grenzschließung Ende Februar auch während des Krieges.

Toma Adani sagt, ihre Kindheit sei glücklicher gewesen als die ihrer Tochter Ihsan wohl sein wird. Ihsan ist sechzehn Monate alt und stark unterernährt. Sie wird stationär in einer Klinik für Unterernährung in Farchana behandelt, rund 50 Kilometer von der sudanesischen Grenze entfernt. 

Adani kommt aus Sudan, sie ist vor 22 Jahren aus Darfur nach Tschad geflohen, als der Darfur-Konflikt zum ersten Mal ausbrach. Verschiedene Ethnien der Region hatten mehr Mitbestimmung im sudanesischen Staat gefordert, und die Niederschlagung der Aufstände mündete in einen Genozid. 

Damals habe es viel mehr zu essen gegeben, internationale Organisationen hätten öfter Bargeld verteilt, und die Sorgen seien grundsätzlich weniger gewesen, berichtet Adani. Seit der Krieg zwischen der sudanesischen Armee und den Rapid Support Forces (RSF; einer paramilitärischen Streitkraft, hervorgegangen aus den Milizen, die in Darfur für den Völkermord verantwortlich waren) um die Herrschaft in Sudan 2023 ausgebrochen ist und wieder viele Menschen fliehen müssen, fehle es allen Geflüchteten an vielen Dingen. 

Die 26-Jährige lebt in Farchana in einem Geflüchtetencamp, das seit 2004 existiert und sich mittlerweile zu einer eigenen kleinen Gemeinde entwickelt hat, die die Bevölkerungszahl der Ursprungsgemeinde mehr als verdoppelte. Sie ist hier zur Schule gegangen, unterbrochen immer wieder durch Zeiten, in denen sie auf dem Feld arbeiten musste. Ihr 13-köpfiger Haushalt, bestehend aus ihrem Mann, ihrer Tochter sowie zwei Schwestern und deren Familien, ernährt sich nach wie vor hauptsächlich von dem, was sie ernten: Hirse und Nüsse auf einem Feld, das sie von einer tschadischen Familie gepachtet haben. Den Besitzern müssen sie Bargeld oder einen Teil der Ernte abgeben. 

An guten Tagen in der Regenzeit kann die Familie zweimal essen, in der Regel Hirse mit verschiedenem Gemüse, manchmal einen Überschuss verkaufen. An schlechten Tagen – und in der Trockenzeit sind alle Tage schlecht – bleibt die Feldarbeit aus, und sie sind vollständig von der Hilfe der internationalen Organisationen abhängig. Adani selbst gilt nicht als unterernährt, hat aber nicht genug Muttermilch für Ihsan. 

Adanis Mutter Halimé Yaya ist gerade zu Besuch im stickigen Krankenzimmer, das Adani und Ihsan sich mit anderen Müttern und ihren unterernährten Kindern teilen. Auch sie blickt mit Sorge in die Zukunft ihres Enkelkindes – ihre eigenen Kinder hätten es nach ihrer Flucht besser gehabt. Mittlerweile gingen viele der immer knapper werdenden Ressourcen direkt an die Neuankömmlinge, sagt sie. Wasser stünde etwa immer weniger zur Verfügung.  

Rund 700 Patient*innen am Tag – und ein Arzt

Die Klinik ist Teil des Gesundheitszentrums des International Rescue Committee (IRC) in Farchana. Neben dem Fokus auf Unterernährung steht hier Mütter- und reproduktive Gesundheit im Vordergrund; es gibt eine Entbindungsstation und gynäkologische Behandlungen, aber auch allgemeinmedizinische Screenings sowie psychologische Beratung. Außerdem ist Immunisierung ein wichtiger Teil der Arbeit: Am Tag werden 60 bis 70 Kinder geimpft, teilweise in Partnerschaft mit der Impfallianz GAVI. Das Zentrum dient sowohl den beiden Geflüchtetencamps in der Gegend als auch der lokalen Gemeinde.

Jeden Tag suchen zwischen 600 und 700 Menschen Beratung im Zentrum. Dieses Aufkommen müssen fünf Krankenpfleger*innen und ein einziger Arzt bewältigen. Moussa Gamané, der Koordinator des IRC-Gesundheitszentrums, sagt, das Personal sei an der Belastungsgrenze. Dabei fehlten nicht nur Ärzt*innen, sondern auch Medikamente, verlässlicher Strom, Wasser, eine tragfähige Infrastruktur. Es gibt seit dem vergangenen Jahr auch ein rein staatlich finanziertes Gesundheitszentrum in Farchana. Dort kostet die Behandlung allerdings Geld, weshalb es wesentlich weniger stark frequentiert wird. Das nächste richtige Krankenhaus liegt in Adré an der sudanesischen Grenze. Es gibt nur einen Krankenwagen im Zentrum. Bis vor Kurzem hätten andere Organisationen noch etwa bei der Medikamentenversorgung mitunterstützt, sagt Gamané. Doch seitdem die Mittel für humanitäre Hilfe gekürzt wurden und vielen das Geld ausgeht, schultere das IRC die Kosten mehr oder minder allein.

Mahamat Albachir, der Arzt des Gesundheitszentrums, nennt als häufigste Erkrankungen Atemwegserkrankungen durch den allgegenwärtigen Saharastaub und die nicht wetterfesten Zelte, ebenso Durchfallerkrankungen durch mangelnde Hygiene und schmutziges Wasser. All das bedinge und verstärke die allgegenwärtige Mangel- und Unterernährung. Fast alle Kinder, die neu nach Farchana kommen, seien unterernährt – aber auch viele derjenigen, die schon länger hier leben. 

Geflüchtete als medizinisches Personal

Hinzu kommen mentale Probleme. In jedem Gesundheitszentrum des IRC gibt es eine Person, die für die mentale Gesundheit zuständig ist – nicht notwendigerweise studierte Psycholog*innen, aber geschultes Personal. In Farchana ist das Nidal Shamshadine Abdallah. Abdallah ist selbst erst 2023 aus Sudan geflohen. Sie ist ausgebildete Psychologin und konnte nach einem Praktikum beim IRC einsteigen. 

Die Hilfsorganisationen möchten das Humankapital der Geflüchteten verstärkt nutzen. So hat etwa das Flüchtlingshilfswerk der UN (UNHCR) angefangen, sudanesische Diplome anzuerkennen – nicht zuletzt, weil die medizinische Versorgung in Sudan vor dem Krieg viel besser war als in Tschad. Viele Tschadier*innen waren regelmäßig im Nachbarland zur Behandlung. Gleichzeitig sieht die tschadische Regierung die Einstellung der Geflüchteten mit hochgezogenen Augenbrauen und erschwert Anerkennungsprozesse, denn sie hätte lieber tschadisches Personal auf der Gehaltsliste der internationalen Organisationen. 

Abdallah sagt, die Mehrheit der ankommenden Menschen sei traumatisiert. Sie und ihre Kolleg*innen aus anderen Camps berichten von plötzlicher Epilepsie, Gedächtnisverlust, Sprachstörungen, PTSD, Depressionen, Psychosen und Schlafstörungen. Abdallah hat zwischen fünf und 15 Patient*innen pro Tag. Sie wurde selbst Zeugin von Gewalt auf ihrer Flucht. Ihre Mutter wurde angeschossen, überlebte aber. Junge Frauen verschwanden aus ihrer Gruppe und berichteten bei ihrer Rückkehr, missbraucht worden zu sein. Die Arbeit im Zentrum gebe ihr Kraft, ebenso wie die allgegenwärtige Hilfe sowohl durch die Organisationen als auch durch die lokalen Gemeinden. „Aber das Wichtigste ist, einfach nur in Sicherheit zu sein“, sagt sie. 

Camps sind komfortabler als Dörfer

Das Gesundheitszentrum liegt auf dem Weg zu den beiden Geflüchtetencamps, dem „alten“ Camp und „Farchana Extension“. Insgesamt leben dort rund 55.000 Geflüchtete. 21.000 davon sind seit 2023 hinzugekommen. Während das alte Camp mittlerweile an ein eigenes Dorf erinnert, mit einer Moschee, einer Schule und vielen Gebäuden aus Lehmziegeln, ist das neue Camp nach wie vor eine Zeltstadt, in der sich eine weiße UNHCR-Plane an die nächste reiht.

Auf der Fahrt in die Grenzstadt Adré im Januar wird klar, dass die Geflüchteten auch in ihren Zelten womöglich noch komfortabler leben als die Tschadier*innen der Gegend. Es gibt hier so gut wie keine Straßen, der Weg führt über Sandpisten und durch trockene Flussbetten. Diese Wadis führen in der Regenzeit so viel Wasser, dass die Strecke gänzlich unpassierbar wird – für viele Wege in Tschad braucht man dann ein Flugzeug oder tritt sie gar nicht erst an. Die Häuser in den Dörfern am Wegesrand sind aus Stroh und Reisig gebaut, es gibt weder Strom noch fließend Wasser. Die Menschen sind zu Fuß oder auf Eseln unterwegs, manche auch zu Pferd. Nomaden treiben ihre Kamelherden durch die Gegend. Die Kriminalität ist hoch, nicht nur durch die Nähe zum Kriegsgebiet in Sudan – es kommt immer wieder zu Übergriffen, insbesondere auf Frauen, die zum Beispiel im Busch Feuerholz sammeln. 

Adré erscheint nach der zweistündigen Fahrt wie eine Metropole. Die Grenze zu Sudan ist weithin sichtbar. Es herrscht viel Verkehr, Eselkarren und LKWs schleppen nach wie vor Waren zwischen beiden Ländern hin und her. Überall sind kleine Stände, an denen Geflüchtete wie Einheimische Lebensmittel, Kleidung und andere Dinge verkaufen. 

Dass nicht weit entfernt ein brutaler Krieg droht, ist zu diesem Zeitpunkt schwer vorstellbar. Bisher ist die Gewalt nur selten in Tschad angekommen. Es gab einen einzigen Vorfall hier in der Gegend in letzter Zeit, bei dem Drohnen im Dezember ein kleines Kraftstofflager auf Rädern in Adré trafen. Neun Menschen starben. Die RSF und ihre Milizen akzeptieren die Grenze, doch sie ist fast nirgends befestigt – es ist also durchaus schon vorgekommen, dass die Gefechte mehr oder minder aus Versehen auf tschadischen Boden gelangten, was etwa im Januar einige Dörfer in die Flucht zwang. Das tschadische Militär blieb bisher ruhig, ist aber auch kaum trainiert und schlecht ausgestattet. Der stabilisierendste Faktor für den Osten des Landes dürfte wohl sein, dass sowohl die tschadische Regierung als auch die RSF von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt werden. Offiziell ist Tschad neu­tral gegenüber den beiden sudanesischen Kriegsparteien und empfing schon sowohl die Führerschaft der sudanesischen Armee als auch der RSF in der Hauptstadt N’Djamena. Ende Februar 2026, als die Gewalt in Darfur erneut eskaliert und sich der Krieg weiter der Grenze nähert, wird sie dennoch vorläufig geschlossen. Wie lange das so bleiben wird, weiß niemand.

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Der einzige andere Hinweis auf den Krieg auf der anderen Seite des rot-weißen Grenzbogens sind im Januar die Zelte von UNHCR und die vielen Menschen, die um sie herumsitzen und in der Hitze vor sich hinstarren – junge Männer auf der einen, Frauen und Kinder auf der anderen Seite. Es sind Neuankömmlinge, Menschen, die gerade erst oder vor ein paar Tagen aus Sudan geflohen und nun in die Erstaufnahme-Maschinerie der Hilfsorganisationen geraten sind. Es ist ein Mix aus Zuständigkeiten: Das Rote Kreuz ist vor Ort und verteilt etwa Pakete mit Decken, Seife, Töpfen, UNICEF bietet psychosoziale Beratung, UNHCR übernimmt Registrierung und Verteilung, IRC und Ärzte ohne Grenzen führen medizinische Screenings sowie Impfungen durch, ­Acted verteilt Nahrungsergänzungsmittel.

Zerab Adam ist Anfang Januar wie die meisten mit nichts außer ihrer Kleidung am Leib über die Grenze gekommen. Die 25-Jährige kommt aus der Stadt El-Fasher, die im Oktober 2025 nach schweren Gefechten an die RSF gefallen ist und aus der im Anschluss schlimmste Gräueltaten berichtet wurden. Ihr Mann starb bereits Mitte des letzten Jahres im Krieg. Als die Situation untragbar wurde, floh sie mit ihren vier Kindern und ihren Eltern zu Fuß in die Stadt Nyala, ein wichtiges Handelszentrum, in dem die Lage etwas stabiler ist. Dort schaffte sie es, Geld mit Wäschewaschen zu verdienen, mit dem sie den Transport an die tschadische Grenze finanzierte. Es reichte allerdings nur für sie selbst – ihre Kinder und Eltern musste sie zurücklassen, was sie „unverzeihlich“ nennt. 

Sie sei froh, nun in Sicherheit zu sein und dankbar für die Starthilfe, die sie hier in Form von Grundversorgung von den verschiedenen Organisationen bekommen hat – aber ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um ihre Kinder in Sudan. Sie wolle so schnell wie möglich aus dem Erstaufnahmelager raus, in dem sie sich ein kleines Abteil in einem großen Zelt mit drei weiteren sudanesischen Frauen teilt, und Geld verdienen, damit sie ihre Familie nachholen kann. Sie hat bereits damit angefangen und geht jeden Tag erneut über die sudanesische Grenze, um es anderen geflüchteten Frauen gleichzutun und dort Essen, Kaffee oder andere Lebensmittel zu verkaufen, die sie auftreiben kann. 

Sie ist eine von 605 Geflüchteten, die zwischen dem 1. und 21. Januar in Adré über die Grenze gekommen sind. Im Monat sind es laut UNHCR etwa 900 Menschen. Tschad schickt niemanden zurück; manche tauchen auch zweimal auf, weil sie etwa ihre Familien suchen oder sich aus anderen Lagern erneut aufgemacht haben, weil die humanitäre Situation auch dort untragbar wurde. 

Diese Lage wird sich im Angesicht der massiven Kürzungen bei den humanitären Hilfsbudgets der meisten westlichen Staaten dieses Jahr weiter verschlimmern. Benjamin Bach, stellvertretender Programmdirektor des IRC in Tschad, kann bereits konkrete Auswirkungen aufzählen: „In manchen Gemeinden im Westen des Landes müssen wir schlicht aufhören, zu arbeiten. In anderen Bereichen müssen wir die Dienstleistungen zurückfahren – so sind nun in Farchana nur noch drei statt sechs Hebammen tätig. Das bedeutet unter anderem, dass nachts keine Hebamme mehr da ist.“ 

Gleichzeitig werde versucht, den sogenannten „Nexus“ zwischen humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit von Anfang an stärker mitzudenken. „Es gibt Geflüchtete, die seit der ersten Darfur-Krise 2003 abhängig vom humanitären System sind. Indem jetzt versucht wird, mehr ökonomische Aktivitäten in den Camps zu etablieren, mehr Land mit lokalen Gemeinden zu teilen und so mehr Austausch zu schaffen, soll dem entgegengewirkt werden“, sagt Bach. Das funktioniere aber nur in manchen Bereichen; wenn sich Organisationen etwa im Bildungssektor zurückziehen müssten, fehlten direkt viele Lehrer*innen. 

Ihsan und ihre Mutter Adani dürfte es wenig kümmern, ob die Hilfe, die ihre Familie dringend benötigt, Entwicklungszusammenarbeit oder humanitäre Hilfe genannt wird. Die Lage in Sudan und Tschad ist bereits jetzt dramatisch. Die Kürzungen der westlichen Hilfsbudgets werden auf lange Sicht dazu führen, dass Menschen, die es geschafft haben, eine Kriegshölle zu überleben, an Unterversorgung sterben. 

Katharina Wilhelm Otieno ist Redakteurin bei E+Z und arbeitet zeitweise in Nairobi. Sie reiste im Januar nach Tschad.
euz.editor@dandc.eu 

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