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Massenmedien

Tribut an unbesungene Helden

von Fortuné Bationo
Peace maker Denise Kambou never ex­pected to be honoured by the government

Peace maker Denise Kambou never ex­pected to be honoured by the government

In Zeiten gewaltsamer Unruhen ist es wichtig, Friedensstifter als Vorbilder zu fördern. Aus diesem Grund rief eine Gruppe deutscher Journalisten die Initiative „Peace Counts“ (Frieden zählt) ins Leben. Ihr Ansatz hat in verschiedenen Ländern Früchte getragen. Ein Beispiel ist die Côte d’Ivoire. [ Von Fortuné Bationo ]

Hätte man früher in offiziellen Quellen der Côte d’Ivoire nach Denise Kambou gesucht, man hätte nichts gefunden. Dann plötzlich ehrten gleich zwei Ministerien die Vorschullehrerin mit Orden als Anerkennung für die Arbeit in ihrem Zentrum für Kinder in Not. Es heißt Notre Dame des Sources und liegt in Bouaké, einer Stadt im von ehemaligen Rebellen kontrollierten Gebiet. Dank Denise Kambou blieb das Waisenhaus auch geöffnet, als vor einigen Jahren der gewaltsame Bürgerkrieg in der Stadt tobte.

Denise Kambou hatte keine Ehrung durch die Regierung erwartet. In der Côte d’Ivoire gehen solche Auszeichnungen normalerweise an Politiker und Mitglieder der Elite. Alles fing damit an, dass sie mit „Peace Counts“-Reportern sprach. Damals ahnte sie nicht, dass ihr das offizielle Anerkennung bringen würde.

Aber die öffentliche Aufmerksamkeit ist natürlich willkommen. Durch die neue Berühmtheit kann Denise Kambou weitere Unterstützer gewinnen und erhält die Möglichkeit, ihr Zentrum für Not leidende Kinder zu erweitern.

Die Grundidee von „Peace Counts“ ist, über Frauen und Männer zu berichten, die Frieden und Versöhnung in Krisengebieten fördern (siehe Kasten auf Seite 380). In der Côte d’Ivoire waren dafür fünf ­Teams aus je einem Reporter und einem Fotografen unterwegs. Zuvor berichteten zwei Medienprofis aus Deutschland bei einem vom Goethe-Institut organisierten Workshop von ihren Erfahrungen mit „Peace Counts“-Projekten in anderen Ländern. Das Ziel war, ein Buch mit Reportagen über Friedensmacher aus der Côte d’Ivoire zu erstellen.

Die Geschichten wurden außerdem über Radio und auf einer Vortragstour im Juni 2009 bekannt gemacht. Als Abschluss war eine Fotoausstellung im Goethe-Institut zu sehen. So erfuhr ein landesweites Publikum von Denise Kambou und acht weiteren Friedensstiftern:
– Die Nichtregierungsorganisation „Initiative Citoyenne“ fördert friedlichen Dialog auf öffentlichen Plätzen in Abidjan, dem wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Ihr Motto ist: „Nicht kämpfen, sondern reden.“
– Im Dorf Wêrê Wêrê förderte ein Kunstzentrum junge ehemalige Bürgerkriegskämpfer ohne formale Schulausbildung, indem es ihnen Tanzen beibrachte.
– Quattara Kpéléfopé vermittelte in Konflikten zwischen Hirten und Bauern.
– Amara Doumbia ist Präsident der Bewegung für Menschenrechte in der Côte d’Ivoire (MIDH) in Bouaké, wo sich die Soldaten daran gewöhnt haben, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen.
– Die deutsche Hilfsorganisation GTZ half, ehemalige Kämpfer wieder ins zivile Leben zu integrieren.
– Adama Eulola, der Agrarmaschinen verkauft, verlieh seine Traktoren kostenlos an arme Bauern, damit sie Land bestellen konnten.
– Baha Michel, ein früherer Bauer, vermittelt zwischen den Wê und den Dan, zwei ethnischen Gruppen in seinem Dorf Bangolo.
– Yeo Yassoungo arbeitete freiwillig als Englischlehrer und sorgte so dafür, dass eine Schule in Korogho nicht geschlossen wurde.

Das „Peace Counts“-Projekt hat all diesen Friedensmachern zu landesweiter Aufmerksamkeit verholfen. Bei der Veröffentlichung der Publikation sagte ein Professor: „Ich wusste nicht, dass es noch Menschen in diesem Land gibt, die sich so sehr für den Frieden einsetzen, ohne eine Belohnung für ihr Engagement zu erwarten. Es ist unglaublich.“ Viele andere äußerten sich ähnlich – was zeigt, dass es tatsächlich eine Informationslücke gibt, die die Medien des Landes füllen sollten.

Sowohl staatlich kontrollierte Radiostationen als auch solche aus dem Gebiet der ehemaligen Rebellen berichteten über die Geschichten. Die Sendungen eröffneten die Gelegenheit, den „Peace Counts“-Ansatz zu diskutieren. Radio Fréquence 2 beispielsweise interviewte Journalisten, die von ihren Erfahrungen berichteten.

Eine Lehre für die Journalisten war, dass die Friedensmacher in ihrem Alltagsleben meist nicht als ­triumphierende Helden auftreten. Eher werden sie selbst von Zweifeln geplagt. Schließlich leben sie unter gefährlichen Umständen und sind gezwungen, Risiken einzugehen, um ihre Ziele zu erreichen.

Erfahrene Reporter können diese Menschen dennoch zu Vorbildern machen. Sie müssen gute Beobachter sein und genau beschreiben, was die Friedensmacher tun und was sie damit bewirken. Dabei sollten sie abstrakte Begriffe vermeiden und in einfacher Sprache beschreiben, was wirklich vor sich geht. Denn um Leser und Hörer zu erreichen, müssen die Reporter ihre Vorstellungskraft wecken.

Doch was die Journalisten auch erfahren mussten: Es ist manchmal eine heikle Aufgabe, wahre Friedensmacher ausfindig zu machen. Eine Frau sollte als ­Vorbild in das Buch aufgenommen werden, weil sie ­Zeitungen in Rebellengebieten verteilt und sich so für Meinungsfreiheit eingesetzt hatte. Doch dann zeigten Recherchen, dass eben diese Frau auch Mitbürger bei den Rebellen denunziert und dadurch der Folter ausgesetzt hatte. Ihre Geschichte musste wieder aus dem „Peace Counts“-Projekt gestrichen werden.

Mit einem Star auf Tour

Für die Vortragsreise des Projekts konnte der bekannte Komiker Fortuné gewonnen werden. Er ist der Star der satirischen Fernsehshow „Quoi de neuf?“. Während er auf der Bühne dem Publikum die Projekte der Friedensmacher erläutert, werden im Hintergrund Fotos der Reportagen auf eine riesige Leinwand projiziert.

Neben dem Komiker hatten sich noch eine Reihe anderer Kandidaten beworben. Doch die anderen hielten sich nicht so genau an die Geschichten und ließen manchmal sogar ihre eigene Meinung zum Konflikt einfließen. Fortunés „Peace Counts“-Performance dagegen war so überzeugend, dass das nationale Fernsehen sie sendete.
Fortunés Ruf trug natürlich dazu bei, Menschenmengen anzuziehen. Er ist als großartiger Schauspieler und Geschichtenerzähler bekannt, und er enttäuschte die Erwartungen nicht. Wird Denise Kambou in den Kopf geschossen, wenn sie die Kinder im Zentrum zurücklässt, um mitten im Krieg Essen für sie aufzutreiben? Das Publikum hielt gebannt den Atem an, als es Fortunés Schilderung lauschte, während seine Stimme sich je nach Stimmung, die er erzeugen wollte, veränderte.

Fortuné sprach die Menge direkt an und erläuterte jedes neue Foto. Die Augen des Publikums wanderten vom Geschichtenerzähler zu den Bildern, angezogen von deren Ausdruckskraft. Manchmal appellierte der Komiker an den gesunden Menschenverstand des Publikums und stellte heraus, was getan werden müsste – aber häufig nicht getan wird.

Die Reisetruppe bestand aus vierzehn Leuten in drei Lastwagen. Sie hielten an neun Orten und legten dabei 2400 Kilometer zurück. Bei jedem Halt diente einer der Wagen als Bühne.

Nützliches Buch

Die Friedensmacher schätzen den „Peace Counts“-Ansatz. Der Agrarmaschinenhändler Adama Eulola hat sich angewöhnt, die ­„Peace Counts“-Publikation auf seinen Geschäftsreisen mitzunehmen. Er zeigt sie seinen Kunden, weil er weiß, dass gedruckte Worte und Fotos oft überzeugender sind als mündliche Erzählungen.

„Ich würde gern mehr Ausgaben bestellen, weil die Leute danach fragen“, erzählt Eulola. Das Projekt sei sehr ermutigend, ergänzt er, und ohne es wäre er wahrscheinlich weniger engagiert: „Ich freue mich und fühle mich geehrt.“

Eulola macht auf einen wichtigen Aspekt aufmerksam: Er hatte nie „Geld, um das Goethe-Institut oder die „Peace Counts“-Journalisten zu bestechen“. Viele Leute nehmen automatisch an, dass Erfolg auf Korruption, Klientel- oder Stammeswirtschaft basieren muss. Dieser Glaube ist so stark, dass er den so­zialen Fortschritt behindert. Der „Peace Counts“-Katalog aber zeigt, dass soziales Engagement doch manchmal anerkannt wird – und immer werden sollte.

Leider werden die Medien ihrer Aufgabe nicht gerecht. In der Côte d’Ivoire fungieren die meisten Zeitungen als Echo der politischen Parteien, die ihre jeweiligen Führer in den Himmel loben und wenig Aufmerksamkeit auf Dinge richten, die nicht deren Inte­resse dienen.

Diese Einstellung wurde auch bei der Presseberichterstattung über „Peace Counts“ deutlich. Veröffentlichte eine Zeitung die Geschichte zuerst, verstanden andere das als Affront und nahmen das Thema nicht ins Blatt. Und nach öffentlichen Veranstaltungen konzentrierten sich viele Journalisten auf die anwesenden Politiker, nannten aber kaum die wahren Helden oder die „Peace Counts“-Journalisten. Insgesamt zeigten sich die Radiostationen da offener.

Jahrelang haben Fernsehen und Zeitungen die Krise in der Côte ­d’Ivoire angeheizt, indem sie ethnische Spannungen schürten. Es bräuchte viele ­„Peace Counts“-Projekte, um mit den anhaltenden Auswirkungen dieser destruktiven Berichterstattung auf die Einstellung der Menschen aufzuräumen. Ohne Zweifel gibt es noch mehr Friedensmacher in der Côte d’Ivoire, und ihre Geschichten sollten öffentlich gemacht werden. Ob Politikern, die durch Gruppeninteressenpolitik und den strategischen Aufbau von Spannungen erfolgreich sind, das gefallen würde, ist natürlich eine andere Frage. Leider ist ihr Einfluss auf die Medien stark.

MIDH-Präsident Amara Doumbia möchte die „Peace Counts“-Publikation indessen anderweitig nutzen. Er denkt an die Zusammenarbeit mit Schulen. Die Friedensmacher könnten in den Unterricht eingeladen werden und den Kindern von ihren Erfahrungen erzählen. Auch er spricht sich dafür aus, weitere Kopien erstellen zu lassen, um noch mehr Bürger zu erreichen.