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Malawian grandmother with orphans/Großmutter mit zwei Aids-Waisen in Malawi

Malawian grandmother with orphans/Großmutter mit zwei Aids-Waisen in Malawi

Um Afrikas Aids-Waisen kümmern sich die Großeltern. Sie sind es auch, die schwerkranke Erwachsene pflegen. Bislang blenden offizielle HIV/Aids-Statistiken zudem das Infektionsrisiko alter Menschen systematisch aus. Offizielle Hilfsprojekte und Aufklärungskampagnen richten sich an andere Zielgrup­pen. Ein wichtiges Mittel, um die Lage von Senioren und Aids-Waisen zu verbessern, sind Cash-Transfers. [ Michael Bünte ]

„Ich habe Angst um meine Enkel. Ich weiß, wie schnell man sich mit HIV infiziert“, berichtet Alice Makhaye. Die 75-jährige Frau lebt im Township Chesterville bei Durban in Südafrika. Zwei Töchter sind in den vergangenen Jahren an Aids gestorben; die Schwiegersöhne waren ebenfalls infiziert. Nun versorgt die Großmutter bei sich zuhause drei Enkelkinder. „Ich habe mich selbst infiziert, als ich meine Töchter pflegte und dabei nicht richtig aufgepasst habe. Damals wusste ich noch nicht über Aids Bescheid und habe keine Plastikhandschuhe benutzt.“ Sie erinnert sich, einmal eine offene Wunde gehabt zu haben, und glaubt, dass es so geschehen ist.

Oft stecken sich alte Frauen bei der Pflege Schwerkranker selbst an. Es fehlt nicht nur an Plastikhandschuhen, sauberem Was­ser und Desinfektionsmitteln. Oft werden die Symptome der eigenen Erkrankung zu spät erkannt. Die örtlichen Gesundheitsdienste halten frühe Symptome der HIV-Infektion wie Müdigkeit, Erinnerungsschwächen, Kurz­atmigkeit, Schlaflosigkeit oder Gewichtsver­lust für gewöhnliche Alterserscheinungen.

Als ihre Töchter und Schwiegersöhne infiziert waren, erzählte Alice Makhaye den Nachbarn davon zunächst nichts. Sie fürchtete die Isolation, sprach dann aber doch: „Früher oder später wäre es herausgekommen. Man sieht es den jungen Leuten an, wenn sie infiziert sind.“ Seitdem über Aids in der Öffentlichkeit freier gesprochen wird, hat die alte Frau immerhin keine Angst mehr, mit ihren Sorgen allein zu bleiben. Sie hat auch Unterstützung von der nichtstaatlichen Organisation MUSA, die sich in der Region KwaZulu-Natal seit einigen Jahren für Anliegen alter Menschen einsetzt und von HelpAge Deutschland gefördert wird. MUSA versetzt Alte in die Lage, sich besser um HIV/Aids-Infizierte und deren Nachwuchs zu kümmern. Die Organisation ist aber zu schwach, um alle Menschen zu erreichen, denen es ähnlich geht wie Alice Makhaye.

Internationale HIV/Aids Statistiken haben bislang alte Menschen systematisch ausgeblendet. Sie erfassten nur Personen zwischen dem 15. und 49. Lebensjahr. Alte Menschen wurden als Opfer der Pandemie nicht wahrgenommen und blieben von Hilfe ausgeschlossen.


Immunschwache Alte

Erst seit Kurzem wird versucht, die Situation der Senioren besser zu verstehen. Laut UNAIDS sind weltweit 2,8 Millionen Menschen über 50 Jahre an HIV/Aids erkrankt. Erste Studien legen nahe, dass die Infektionen sich gleichmäßig auf alle Altersgruppen über 50 Jahre verteilen. Daten aus Gesundheitszentren in Kenia, Sudan und Zimbabwe, die HelpAge International ausgewertet hat, zeigten zudem unter Senioren höhere Infektionszahlen als in jüngeren Altersgruppen.

Ältere Menschen bleiben sexuell aktiv – auch in Entwicklungsländern. Frauen sind von HIV/Aids dabei besonders bedroht. Nach der Menopause werden die Vaginalhäute dünner und damit verletzlicher. Weil kein Schwangerschaftsrisiko mehr besteht, wird auf Kondome verzichtet, was die Übertragung des Virus ermöglicht. Traditionelle Praktiken wie „Reinigung durch Sexualverkehr“ nach dem Tod des Ehemannes oder die „Vererbung“ der Ehefrau tragen ebenfalls zum Risiko bei.

Hinzu kommt in armen Gesellschaften, dass Familien mit mehreren Infizierten entscheiden müssen, für wen Medikamente gekauft werden. Alte Menschen bleiben dabei auf der Strecke – egal, ob sie sich bei Sex oder Krankenpflege infiziert haben.

Der psychische Druck ist groß. Alte Menschen leiden unter Schuldgefühlen, sozialer Stigmatisierung und Isolation. In einigen Regionen wird ihnen eine Mitschuld am Tod der Tochter oder des Sohnes unterstellt, weil sie „unmoralisches“ Verhalten geduldet hätten. Die Ausgrenzung dünnt das soziale Netzwerk der alten Menschen immer mehr aus, sie werden schutzlos und angreifbar. Unter dem Vorwurf der Hexerei ist es bereits zu schweren körperlichen Misshandlungen gekommen – und zur Vertreibung aus der Heimatgemeinde.

Dennoch richten sich Aufklärungskampagnen fast ausschließlich an jüngere Menschen – als könnten nicht gerade die Großmütter einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung ihrer Enkel leisten.


Stützen der Gesellschaft

In den meisten betroffenen Ländern hat sich bisher die Erkenntnis kaum durchgesetzt, dass ohne die Großelterngeneration die Gesellschaft längst kollabiert wäre. Südlich der Sahara werden zwei Drittel der HIV/Aids-Patienten von ihren Eltern, die selbst oft alt und schwach sind, zuhause gepflegt. Großeltern nehmen mehr als die Hälfte der Aids-Waisen auf. Die Hauptlast tragen die alten Frauen.

Viele sind mit der Pflege der erwachsenen Kinder und der Betreuung der Enkel überfordert. Sie müssen sich aber auch noch um das Vieh und die Felder kümmern. Oft fehlt ihnen dazu die Kraft. Die letzten Ersparnisse gehen regelmäßig für Medikamente, Schuluniformen oder auch Sarg und Trauerfeier im Todesfall drauf. Viele verschulden sich. Alte Frauen verzweifeln immer wieder, wenn ihnen beim Tod von Mann oder Schwiegersohn deren Familien auch noch das Erbe verweigern.

Im Interesse der älteren Generation und von Millionen Aids-Waisen muss die Politik umdenken. Die Praxis lehrt, dass ein generationenübergreifender Ansatz nötig ist, um HIV/Aids zu bekämpfen. Alle einschlägigen Programme und Maßnahmen müssen zukünftig alte Menschen einbeziehen.

Auch diese Generation braucht Erwerbsmöglichkeiten, um ihre Existenz und die der Restfamilie zu sichern. Sinnvoll sind zudem Maßnahmen wie der Aufbau von nachbarschaftlichen Beerdigungsgesellschaften, um die wirtschaftliche Not nach Todesfällen zu lindern. Bei der täglichen Arbeitslast können funktionierende Bewässerungssysteme oder Fahrräder Großeltern und Großtanten eine große Hilfe sein. Sie brauchen aber auch Zugang zum staatlichen und privaten Gesundheitswesen. Und sie benötigen Unterstützung bei der häuslichen Pflege der Aids-Kranken und der Ernährung der Kinder.


Mindestrenten

Dringend nötig sind vor allem staatliche Mindestrentensysteme und eine Art „Kinderbetreuungsgeld“, damit die Großeltern alle Enkel satt bekommen und sie zur Schule schicken können. Südafrika hat hier schon etwas bewegt. Alte Frauen über 60 Jahre erhalten eine Basisrente in Höhe von etwa 80 Euro. Zudem gibt es pro Kind noch eine staatliche Waisenrente von 10 Euro.

Die Erfahrungen zeigen, dass nicht nur die Alten von diesen Renten profitieren, sondern auch die anderen Familienangehörigen, besonders die Kinder. In Südafrika sind in den Rentnerhaushalten Mädchen im Schnitt drei bis vier Zentimeter größer als ihre Altersgenossinnen in anderen von Großeltern geführten Haushalten. Wichtig sind aber die psychologischen Effekte, denn die betroffenen Alten gewinnen wieder etwas Kontrolle über ihr Leben.

Die Senioren wenden die Rentenzuweisungen nicht nur für Gesundheit und Nahrung auf, sondern auch für Bildungszwecke. In Sambia machte denn auch ein GTZ-Projekt gute Erfahrungen mit solchen Bargeld-Zuschüssen. Die Schulabbrecherquote von Aids-Waisen ging zurück.

Leider muss sinnvolle Politik oft gegen eine sture Bürokratie und weit verbreitete Diskriminierung durchgesetzt werden. MUSA hat in Südafrika immer wieder erlebt, dass Beamte sich weigerten, alten Menschen mit Rentenanspruch die Mittel auch tatsächlich zu bewilligen, wenn die Senioren keine Geburtsurkunde vorweisen konnten. In solchen Fällen geht MUSA mit den Alten zu einem Arzt, der aufgrund der körperlichen Entwicklung eine Altersschätzung abgibt. Durch Alphabetisierungskurse und Beratung für die Senioren versetzt MUSA diese in die Lage, Dokumente zu verstehen und auszufüllen.

Untersuchungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gehen davon aus, dass die Kosten für eine soziale Basisrente sich in den meisten armen Ländern auf weniger als zwei Prozent des Sozialproduktes belaufen würden. Doch bisher haben viel zu wenige Länder sich darangemacht, die Armut älterer Mitbürger zu bekämpfen. Cash-Transfers sind ein sinnvolles Instrument dafür – und dort besonders nötig, wo die HIV/Aids-Pandemie Groß­eltern wieder zu wesentlichen Stützen der Gesellschaft macht.