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Aidswaisen

Tickende Zeitbombe

von Ulrike Block

Hintergrund

A household in Tanzania without parents

A household in Tanzania without parents

2,4 Millionen elternlose Kinder lebten 2005 in Tansania, und ihre Zahl steigt. Die Waisen brauchen eine angemessene Versorgung und eine Perspektive, sonst drohen gewaltige gesellschaftliche Verwerfungen. Die Regierung versucht, den Problemen mit einem Aktionsplan zu begegnen. [ Von Ulrike Block ]

„Ich sehe ein großes Problem auf unsere Nation zukommen, wenn wir uns nicht um die verwaisten Kinder kümmern”, befürchtet Charles Francis. „Wir werden es mit vielen Menschen ohne Bildung zu tun haben, mit Menschen ohne Arbeit. Und dann nimmt die Kriminalität zu.” Der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation für Waisen und HIV-Kranke in Dar es Salaam spricht von einer „tickenden Zeitbombe”.

In der Tat geht es um mehr als viele traurige Einzelschicksale: Heranwachsende, die durch den Tod der Eltern traumatisiert, emotional und materiell vernachlässigt und zudem schlecht oder gar nicht ausgebildet sind, können den sozialen Frieden einer Nation gefährden.

Die Aids-Epidemie bedroht indirekt viele Kinder und Jugendliche südlich der Sahara. 2005 hatte in Tansania schon jedes achte Kind unter 18 Jahren nur noch einen oder gar keinen Elternteil mehr, wie eine UNICEF-Schätzung besagt. Die Zahl der Waisen und Halbwaisen steigt. Probleme bereitet nicht erst der Tod von Vater oder Mutter. Schon in den für HIV typischen langen Krankheitsphasen können Eltern ihre Kinder meist nicht mehr adäquat versorgen. Alles Geld wird für die Patienten aufgewendet.

Das herkömmliche Sicherungsnetz ist überlastet. Traditionell kommen in Tansania Waisenkinder in der Großfamilie unter. Doch diese sind oft überfordert. Nehmen Familien Waisen bei sich auf, bleibt für den eigenen Nachwuchs weniger übrig. Das Einkommen der Erwerbstätigen steigt nicht wegen der zusätzlichen hungrigen Münder. Und so gibt es immer mehr Straßenkinder und Haushalte, die nur aus Kindern bestehen. Oft versorgen Großeltern ihre verwaisten Enkel.

Betreuungseinrichtungen gelingt es weder, die emotionalen und sozialen Bedürfnisse der Kinder zu erfüllen, noch, sie in die Gesellschaft zu integrieren. Ohnehin können in einem Land mit rund 35 Millionen Menschen nicht 2,4 Millionen Waisen institutionell versorgt werden.

Im Jahr 2001 hat Tansania die „UNGASS Declaration of Commitment on HIV/AIDS“ unterzeichnet. Mit einem Aktionsplan (dem „MVC Action Plan 2006 – 2010“) will das Ministerium für Gesundheit und Soziales die damit übernommenen Pflichten erfüllen. MVC steht für „most vulnerable children“.

Auf mehreren Feldern werden bis 2010 Änderungen versprochen. Die rechtliche Stellung der Waisen soll verbessert und die politische Verantwortung nicht mehr zwischen einzelnen Ministerien hin und her geschoben werden. Haushalten mit Waisen und anderen gefährdeten Kindern wird Unterstützung in Sachen Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Sicherheit in Aussicht gestellt. Besonderes Augenmerk gilt der psychosozialen Unterstützung der Kinder. Der Erfolg des Action Plan soll mit gezielter Datenerhebung evaluiert und dokumentiert werden.

Insgesamt sieht der Aktionsplan 136 konkrete Maßnahmen vor. Diese reichen von der Überarbeitung relevanter Gesetze bis zur Versorgung von bedürftigen Kindern mit Schuhen und Kleidung. Es wurden Ziele, Maßnahmen, Verantwortliche, Zeitlimits, Kosten und messbare Erfolgsindikatoren benannt.

Auf der Haushaltsebene ist eines der Ziele beispielsweise die adäquate Ernährung der Waisen. Erreicht werden soll dies erstens durch die Bereitstellung von Nahrungsmitteln für bedürftige Haushalte. Das ist die Aufgabe von örtlichen Komitees (Village MVC Coordinating Committees). Zweitens soll das Bildungsministeirum die Schulspeisung ausweiten. Gemessen wird der Erfolg an der Anzahl der bedürftigen Waisen, die Nahrungsmittelhilfe erhalten, und der Anzahl der Schulen, die ihren Schülern eine warme Mahlzeit bieten.

Die Kosten zur Implementierung des Aktionsplans wurden auf unterschiedliche Träger verteilt. Wichtig sind besonders die Kommunen und die Familien. Im Bereich Ernährung sollen sie 80 Prozent des Bedarfs der Waisen decken. Die tansanische Regierung schultert aber ihrerseits einen Teil der Last. Hilfsorganisationen aus dem In- und Ausland sollen vor allem auf der Haushaltsebene direkte Unterstützung leisten, um zum Gelingen des Planes beizutragen.

Lokale Entscheidungsfindung

Die Leitidee des Aktionsplans ist, dass Kindern am besten zu helfen sei, wenn die örtlichen Gemeinschaften sich darum kümmern. Dazu bedürfe es einer dezentralen Strategie, heißt es. Akteure auf der kommunalen Ebene müssten gestärkt werden. Vor Ort sollen die wichtigen Entscheidungen fallen, Ressourcen mobilisiert und genutzt sowie die Umsetzung der Pläne überwacht werden.

Entsprechend setzt der Aktionsplan auf bestehende Strukturen und ihre Stärkung. So sollen die mittlerweile etablierten Vil­lage AIDS Committees Waisen und andere bedürftige Kinder unterstützen – über ihre ursprünglichen gesundheitspolitischen Auf­­­gaben hinaus. In einigen Regionen haben die Behörden aber auch begonnen, die Einrichtung von Village MVC Coordinating Committees mit Beteiligung der relevanten örtlichen Akteure zu fördern.

Künftig sollen demokratisch legitimierte Vertreter der Kommunen und nicht die Mitarbeiter von Hilfswerken entscheiden, welche Kinder bedürftig sind. Die Umsetzung, so die Hoffnung, wird dann auf den Schultern aller lasten – nicht nur auf denen der unmittelbar betroffenen Familien sowie karitativ tätiger regierungsunabhängiger Organisationen (NGOs).

In der Praxis erweist es sich aber als schwierig, den Kommunen die Verantwortung zu übertragen. Viele NGOs stellen, nachdem sie sich jahrelang um Waisen gekümmert haben, fest, dass lokale Gemeinschaften elternlose Kinder nicht mehr als ihr eigenes Problem betrachten – sondern als das der NGOs.

Erfolg ist nur möglich, wenn die örtlichen Akteure mitspielen. Gertrude Kulindwa, Regional Social Welfare Officer in der Region Mwanza, sagt: „Diesen Prozess an der Basis einzuführen ist eine Herausforderung an sich.“ Immerhin luden die Behörden in ihrer Region 2006 die verschiedenen relevanten Akteure ein, um den Aktionsplan und seine Maßgaben zu erläutern. Sie erreichten dort rund die Hälfte der relevanten Ansprechpartner.

Leider gibt es aber nicht überall gut funktionierende Village AIDS Committees oder andere Community-based Organisations (CBOs), auf die Verlass wäre. Mancherorts besteht keinelei belastbare soziale Infrastruktur. Und selbst wo es gute Initiativen gibt, wird der Aktionsplan scheitern, wenn die Behörden nicht kompetent arbeiten. In Dar es Salaam zum Beispiel hatten im vergangenen Jahr 80 Prozent der befragten einschlägigen Einrichtungen noch nichts vom „MVC-Aktionsplan“ gehört.
Komitees zu gründen koste zwar Zeit, lohne sich aber, meint die Beamtin Kulindwa aus Mwanza: „Wir errichten das Fundament, von dem aus begonnen werden kann.“ Sie betont, der Prozess gehöre den lokalen Gemeinschaften. Wenn diese Projekte trügen, ergebe sich automatisch ein engmaschiges Prüf- und Überwachungssystem.

Der Aktionsplan kann dennoch nur funktionieren, wenn der staatliche Rahmen stimmt. Sonst kann niemand Rechte geltend machen und politische Initiativen werden erfolglos verhallen. In der Vergangenheit hat mangelnde Koordination im Staatsapparat immer wieder zu Problemen geführt. Das gilt auch für die regionale und lokale Ebene. Zudem ließ die Abstimmung mit nichtstaatlichen Akteuren oft zu wünschen übrig. Es gab Konflikte bei der Übernahme von Verantwortung. Manche Gegenden wurden von Hilfsprogrammen mehrfach beglückt, andere marginalisiert.

Der MVC Action Plan spricht solche Versäumnisse an. Mangel an klaren Richtlinien habe zu „lückenhaften, überstürzten und inhomogen Anstrengungen“ im Umgang mit dem vielschichtigen Problem der Waisenkrise geführt, heißt es in dem Papier.

Entsprechend hat das Department of Social Welfare der Regierung neue Strukturen zur Koordinierung von MVC-Programmen entwickelt. Sie umfassen die nationale Ebene sowie die Distrikt-, Bezirks- und Dorfebene. Im Oktober 2006 entstand darüber hinaus ein informelles Gremium, das sich monatlich trifft und dafür sorgen soll, dass der Aktionsplan flächendeckend umgesetzt wird. Robert Mhamba, führender Berater beim MVC Action Plan, spricht von einem „informellen Ad-hoc-Forum, das die Regierungsvertreter und alle Akteure, die unterschiedliche Programme implementieren, zusammenbringt“. Da ein Regierungsvertreter zum Vorsitzenden gewählt wurde, sei die Verantwortlichkeit der Behörden gesichert.

Mary Mpangala von der Heilsarmee in Kagera hält es für sinnvoll, dass der Aktionsplan in erster Linie auf die Selbsthilfekräfte der Gemeinschaft setzt. „Es gibt so vie­le Probleme in der Welt, jeder hat Proble­me, sogar die Geberländer. Deshalb sind wir an einem Punkt an­ge­langt, an dem wir uns selbst küm­mern müssen.“ Selbsthilfe sei nötig, bevor nach an­derwei­ti­ger Hilfe gerufen werde.

Klar ist, dass Regierung, internationale Organisationen und NGOs die Menschen und Kommunen unterstützen müssen, ohne deren Eigeninitiative zu untergraben. Diese Balance zu finden ist schwierig. Aber angesichts der vielen Aidswaisen muss schnell etwas geschehen. „Das wird sonst die ganze Gesellschaft zerstören“, urteilt Kulindwa. „Es sind so viele, dass wir sie nicht ignorieren dürfen. Wir müssen unsere Verantwortung annehmen.“