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„Kapital ist nicht neutral“

Der in Singapur ansässige Fondsmanager Integra Partners investiert in wirkungsorientierte Start-ups in ganz Südostasien. Wir sprachen mit Fondsmanagerin Jennifer Ho über die Verantwortung von Kapitalgebern und darüber, wie Investitionsentscheidungen Gesellschaften prägen. Ho hat zudem einige praktische Tipps für Start-ups, die nach Finanzierung suchen.
Blick auf den Central Business District in Singapur: Von hier aus werden weite Teile Südostasiens mit Kapital versorgt. picture alliance/Fotostand/Herber
Blick auf den Central Business District in Singapur: Von hier aus werden weite Teile Südostasiens mit Kapital versorgt.

Jennifer Ho im Interview mit Eva-Maria Verfürth

Integra Partners wurde 2016 gegründet, um Start-ups aus der Digitalbranche zu finanzieren. Warum haben Sie sich auf diese Branche konzentriert?

2016 steckte die Venture-Capital-Branche in Südostasien noch in den Kinderschuhen. Die erste Fondsgeneration entstand gerade erst und das Finanzierungsvolumen war noch gering. Zugleich stieg die Nutzung des Internets und von Smartphones, und viele bisher unterversorgte Verbraucher*innen kamen in den Markt.

Ich bin in Singapur aufgewachsen, habe aber einen Großteil meiner Schulzeit in den USA verbracht und hatte dort auch meinen ersten Job. So habe ich die enormen Unterschiede sehen können – zwischen den Produkten und Dienstleistungen, die Menschen in den USA nutzen konnten, und denen, die den meisten Bürger*innen in Südostasien zugänglich waren. Es lag auf der Hand, dass darin eine Chance liegt. Statt auf internationale Unternehmen zu warten, war es sinnvoll, Unternehmen vor Ort zu unterstützen, denn sie kennen die Prioritäten und finanziellen Verhältnisse der Bevölkerung hier am besten.

Meist sind unterversorgte Gruppen auch der ärmere Teil der Bevölkerung. Warum ist diese Zielgruppe für Investitionen interessant?

In Südostasien kann Kapital auf dem Massenmarkt – dem größten und unterversorgtesten Teil der Bevölkerung – die höchsten Renditen erzielen. Wir sind davon überzeugt, dass die besten Investmentmöglichkeiten sowohl soziale Wirkung als auch Rendite bringen. Man denke nur an Grab aus Singapur oder Gojek aus Indonesien: Beides sind unglaublich erfolgreiche Plattform-Apps, die Mobilitätsdienste, Essenslieferungen und digitale Zahlungen abdecken. Sie haben ein enormes Potenzial erschlossen, indem sie sich an arbeitssuchende Menschen wenden. Sie ermöglichen ihnen, etwa als Taxifahrer zu arbeiten, Essen auszuliefern oder zu verkaufen. Technologie hat das Potenzial, ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen in die moderne Wirtschaft zu integrieren, und das bietet Investitionsmöglichkeiten. Wir konzentrieren uns auf fünf Schlüsselsektoren: Finanzdienstleistungen, Gesundheitswesen, Landwirtschaft und Ernährung, Umwelt und Wohlbefinden sowie die Förderung kleiner Unternehmen, da diese im Alltag der Menschen hier besonders wichtig sind.

Aber warum sind diese Gruppen dann überhaupt unterversorgt?

Unterversorgte Märkte sind immer auch aus Gründen unterversorgt – sie können risikoreicher sein, haben eine geringere Kaufkraft oder sind kostspieliger zu bedienen. Oft treffen sogar alle drei Punkte zu. Viele glauben, Technologie sei ein Wundermittel, das all diese Hindernisse überwinden kann. Tatsächlich hat sie diese Power manchmal – aber eben nicht immer. Daher denke ich, dass insbesondere Investitionen in Unternehmen, die auf unterversorgte Gemeinschaften zielen und zugleich Wege gefunden haben, diese Hindernisse zu überwinden, Renditen erzielen können. 

Müssen Investoren einen Kompromiss eingehen zwischen Unternehmen mit gesellschaftlichem Impact und finanziellem Erfolg? 

Wenn man in Start-ups investieren möchte, die Gesellschaft positiv verändern können, dann müssen diese zugleich finanziell tragfähig sein. In Südostasien gibt es sehr viele Start-ups, die eine gute Mission haben und für ihre Zielgruppen erschwinglich sind. 

Warum legt Integra so viel Wert auf gesellschaftliche Wirkung?

Kapital ist nicht neutral. Es entscheidet darüber, was aufgebaut wird, wer davon profitiert und wer abgehängt wird. Also tragen jene, die dieses Kapital verwalten und einsetzen, auch Verantwortung. Ihre Entscheidungen haben Konsequenzen jenseits ihrer eigenen Gewinne. 

Apropos Verantwortung: Warum ist es wichtig, in einem frühen Stadium zu investieren?

Es sind Start-ups in der Frühphase, die Innovationen vorantreiben. Nehmen wir die Bankenbranche auf den Philippinen – sie existiert schon sehr lange, und doch besteht eine massive Finanzierungslücke für kleine und mittlere Unternehmen. Das liegt daran, dass die etablierten Akteure auch mit Krediten an große Konzerne gute Renditen erzielen können. Sie haben keinen Anreiz, ein Risiko einzugehen und sich auf weniger etablierte Kreditnehmer einzulassen. 

Die Finanzierung von Start-ups in der Frühphase birgt viele Risiken und Unsicherheiten. Wie stellen Sie sicher, dass die Unternehmen, die Sie unterstützen, Ihrem Ziel treu bleiben?

Bevor wir investieren, überprüfen wir die Start-ups gründlich. Wir suchen nach Gründer*innen, die eine Mission verfolgen und zugleich ihr Unternehmen finanziell nachhaltig aufbauen möchten. Wir stellen viele Fragen: Was möchten Sie bewirken? Verbessert Ihr Vorhaben das Leben Ihrer Kund*innen wirklich? Wir identifizieren auch potenzielle Risiken: Verlangt ein Banking-Start-up am Ende ausbeuterische Zinssätze? Wird ein Unternehmen, das alternative Daten für die Bonitätsprüfung nutzt, gegen Datenschutzbestimmungen verstoßen? Sobald wir diese Risiken identifiziert haben, legen wir gemeinsam mit den Gründer*innen Richtlinien fest. So stellen wir sicher, dass wir die vorhersehbaren Risiken des jeweiligen Geschäftsmodells unter Kontrolle haben.

Können Sie ein Beispiel für ein von Ihnen finanziertes Start-up nennen, das viel bewirkt hat?

Letztes Jahr haben wir in ein Unternehmen namens FeedMe investiert, das kleinen Restaurantbesitzer*innen eine „Business-in-a-Box“-Lösung bietet. Im Grunde ist es eine Software zur Verwaltung des gesamten Tagesgeschäfts. In Malaysia ist man von Essen geradezu besessen – jeder hat eine Empfehlung für einen Hühnerreis-Stand oder ein Café, das es schon seit drei Generationen gibt. Aber die Branche hat auch eine sehr hohe Ausfallquote, und Restaurantketten sind eine wachsende Konkurrenz für kleinere unabhängige Unternehmen.

FeedMe hat ein System entwickelt, das kleinen Restaurantbesitzer*innen hilft, digitale Zahlungen entgegenzunehmen, Bestellungen zu verfolgen sowie Lagerbestände und Personaleinsatz zu verwalten – und das alles in einem erschwinglichen Gesamtpaket. Auch soll ein Finanzierungsprogramm eingeführt werden, bei dem Kredite zu niedrigeren Zinssätzen angeboten werden. Da FeedMe die ein- und ausgehenden Zahlungen des Restaurants einsehen und kleine tägliche Rückzahlungen abziehen kann, ist das Risiko geringer.

Nach welcher Art von Start-up suchen Sie, und wie entscheiden Sie, wo Sie investieren?

Viele Gründer*innen glauben, sie müssten für jeden Punkt auf der Standard-Checkliste die richtige Antwort parat haben: großer adressierbarer Markt, starkes Gründungsteam, Traction, gutes Produkt. Doch in der Welt der Start-ups gibt es so etwas wie die perfekte Investition nicht. Wir suchen Gründer*innen und Unternehmen, die in einem Punkt überzeugen – sei es durch tiefes Verständnis für ihre Kundschaft oder durch ein Produkt, das sich von der Masse abhebt. Mit dieser einen herausragenden Eigenschaft sind wir bereit, das Risiko einzugehen und über viele andere Mängel hinwegzusehen. Umgekehrt würden wir Unternehmen ablehnen, die den Eindruck vermitteln, sie suchten nach einem Problem, das sie mit ihrer Technologie lösen können, oder auch Unternehmen, bei denen wir glauben, dass sie nur wachsen können, wenn sie ihre Grundsätze über Bord werfen.

Wer investiert in Integra Partners?

Unser Investorenkreis ist sehr international. Er reicht von Entwicklungsfinanzierern wie der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft bis hin zu Familienunternehmen aus Europa und Asien. Einige lassen sich ausschließlich von finanziellen Erwägungen leiten, während andere finanzielle und wirkungsorientierte Ziele verfolgen. Meist kennen sie Südostasien gut genug, um zu erkennen, dass sich diese beiden Aspekte nicht widersprechen.

Wie arbeiten Sie konkret mit der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) zusammen?

Die DEG hat sich für uns wirklich ins Zeug gelegt. Sie war eine der Ankerinvestorinnen in unserem zweiten Flaggschiff-Fonds: Sie stieg bereits beim ersten Close ein, was half, andere Investoren an Bord zu holen und genügend Kapital zu beschaffen, um tatsächlich mit den Investitionen zu beginnen. Außerdem hat sie uns auch umfangreich fachlich unterstützt. So hat sie uns etwa Mittel zur Verfügung gestellt, um gemeinsam mit unserer Impact-Beratungsfirma Steward Redqueen Richtlinien zu entwickeln, die für Unternehmen in der Frühphase gut funktionieren. Sie hat uns anderen potenziellen Investoren vorgestellt, hat unsere Portfolio-Start-ups fachlich unterstützt und sie mit Unternehmen aus ihrem globalen Netzwerk vernetzt. Eines unserer Start-ups etwa – CleanHub – ist im Plastikabfallmanagement tätig. Plastikmüll ist ein enormes Problem an den Küsten Südostasiens. Die DEG hat CleanHub mit einer ähnlichen Firma in Kontakt gebracht, die in Afrika Plastikabfallmanagement betreibt. Die afrikanische Firma ist schon deutlich größer und technologisch weiter fortgeschritten – also letztlich genau da, wo CleanHub in einigen Jahren sein möchte. 

CleanHub, a plastic waste management company funded by Integra Partners, is helping to build a circular waste recovery system in India’s Andaman archipelago.
Cleanhub
Das von Integra Partners geförderte Unternehmen CleanHub beschäftigt sich mit Plastikmüllmanagement und hilft beim Aufbau eines Abfall-Kreislaufsystems auf dem indischen Andamanen-Archipel.

Was würden Sie Gründer*innen raten, die Finanzierung suchen?

Als Erstes würde ich fragen, ob Risikokapital überhaupt die passende Finanzierungsform für sie ist. Von solchen Beteiligungen wird immer viel gesprochen, auch weil alternative Finanzierungsmöglichkeiten wie Kredite für Kleinunternehmen in aufstrebenden Märkten rar sind. Daher gehen viele Gründer*innen davon aus, dass man Risikokapital braucht, um etwas aufzubauen. Aber VC-Investoren suchen nach einer ganz bestimmten Art von Investition – sie suchen nach Unternehmen mit dem Potenzial, hohe Gewinne zu erzielen, und drängen auf schnelle Skalierung. Da es hohe Ausfallraten gibt, suchen sie nach Renditen, die Ausfälle ausgleichen können. Fragen Sie sich selbst: Brauchen Sie eine solche Finanzierung, oder könnten Sie auch langsamer und womöglich nachhaltiger wachsen? 

Wenn Sie entschieden haben, dass Beteiligungskapital das Richtige für Sie ist, dann ist Vorbereitung das A und O. Gründer*innen, die strukturiert vorgehen, nachfassen, eine klare Geschichte haben und ihre Zahlen kennen, führen meist auch ihr Unternehmen so. Auch das Momentum spielt eine Rolle. Wenn Sie ein tolles Gespräch mit jemandem führen, der investieren will, und dann einen Monat lang von der Bildfläche verschwinden, haben Sie den Wert dieser Beziehung verspielt.

Integra Partners hat einen bemerkenswert hohen Frauenanteil für ein Finanzunternehmen. War das Absicht?

Ehrlich gesagt, das war nicht geplant. Wir haben die besten Leute für jede Position gesucht – und dabei ist dieses Team entstanden. Trotzdem bin ich auch davon überzeugt, dass diverse Teams diverse Stärken mitbringen. In der Welt der Start-up-Investitionen passiert jeden Tag etwas Unerwartetes – Gründer*innen geraten in Panik, weil der maßgebliche Ingenieur oder die Ingenieurin ins Krankenhaus muss. Drei Krisen treten gleichzeitig auf. Da das Unerwartete alltäglich ist, braucht man ein Team mit vielfältigen Perspektiven und Talenten, auf deren Urteilsvermögen man vertraut. 

Jennifer Ho ist Partnerin bei Integra Partners, einer in Singapur ansässigen Risikokapitalgesellschaft. 
LinkedIn | Jennifer Ho

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